Fabio Capello musste sich in dieser Woche mit der Frage auseinandersetzen, warum er nach vier Jahren als englischer Nationaltrainer immer noch nicht richtig Englisch kann. So viele Wörter brauche man gar nicht für den Job, erläuterte der Italiener. „Um über Taktik zu sprechen, benötigt man höchstens hundert.“ Sein bester Stürmer kam am Samstag praktisch mit einem einzigen Wort aus. Wayne Rooeny benutzte dieses Wort, nachdem er die Partie bei West Ham United nach 0:2-Pausenrückstand mit einem Hattrick gewendet und Tabellenführer Manchester United zum 4:2-Sieg geführt hatte. Er sprach es gleich mehrfach, und das in kräftiger Lautstärke, giftiger Tonlage und direkt in eine Fernsehkamera. Die Kamera sendete das Wort, das mit F beginnt und für dessen beleidigende Wirkung es keine adäquate deutsche Übersetzung gibt, live in Millionen Haushalte. „Er verwechselt halt manchmal den Kameramann mit einem Priester“, entschuldigte ihn ein Zeitungskommentator. Leider gibt es aber noch kein Beichtgeheimnis für Kameraleute. Und schon hatte Rooney ein Problem, wie schon bei der WM, als er nach dem 0:0 gegen Algerien ebenfalls in eine Kamera hinein die englischen Fans beschimpft hatte.
Schon wieder stand er als geborener Prolet da, ja als volkspädagogische Katastrophe. Die Sache musste aus der Welt. Und Rooney nutzte das, um der Fußballnation zu beweisen, dass der Profi von Welt mehr als nur hundert Wörter kennt, und da sind die Schimpfwörter noch gar nicht drin. „Ich möchte mich für jede Art von Beleidigung entschuldigen, die durch meinen Torjubel ausgelöst worden sein könnte, besonders bei Eltern oder Kindern, die zusahen. Die Emotionen schlugen hoch, und rückblickend war diese Reaktion in der Hitze des Moments unangemessen. Es war nicht gegen jemand im Speziellen gerichtet.“
Ja, das sind Sätze, wie man sie als Boxersohn in den rauen Pubs von Liverpool lernt. Oder spätestens in den Textbaukästen der PR-Abteilungen großer Fußballklubs. Aber was soll das Mäkeln, auch die Bundesliga ist keine Oase des Geistes im wüsten Fußballgeschäft. Sie bewegt in diesem Frühjahr ein lächerliches Trainerkarrussell, und auch die folkloristische Verklärung des Kiez-Klubs St. Pauli und seines Anhangs hat seit dem Bierwurf vom Freitag einen hässlichen Kratzer. Und doch ist das, was die deutsche Liga ihren Fans an Umgangsformen, an sozialem und verbalem Niveau bietet, im Vergleich mit anderen Ligen meistens reines Gold.
Heimtückische Leberhaken, aufgeschlitzte Knie
Man wird sich darüber klar, wenn man sich ein bisschen umschaut in Europa. In England also findet sich ein Tabellenführer, dessen bester Spieler die Fernsehzuschauer beleidigt. Nachdem derselbe Spieler vorher, in der Partie gegen Wigan, einen Gegenspieler mit Ellbogenschlag vorsätzlich verletzte und ungestraft davonkam, weil der Verband sich nicht traute, den Volkshelden zu belangen. Ein Tabellenführer, dessen Trainer Alex Ferguson derzeit wegen Schiedsrichterbeschimpfung eine Fünf-Spiele-Sperre auf der Tribüne absitzt. Und dessen Abwehrspieler Jonny Evans vor zwei Wochen einem Gegenspieler mit einem beidbeinig eingesprungenen (und mit Rot bestraften) Tackling das Knie aufschlitzte und ihn so schwer verletzte, dass er wohl für sechs Monate ausfällt. Das Opfer, Stuart Holden, hatte schon die WM in Südafrika mit dem amerikanischen Team verpasst, weil er zuvor in einem Länderspiel vor einem Jahr dem Holländer Nigel de Jong über den Weg gelaufen war. Da war das Bein durch.
Auch in Italien geht man mit der Gesundheit von Kollegen deutlich rücksichtsloser um als in der Bundesliga. Beim römischen Derby vor zwei Wochen spielten sich echte Jagdszenen ab, es gab zwei Rote Karten. Nationalspieler Daniele De Rossi wurde für einen Ellbogenschlag in der Champions League in Donezk nachträglich gesperrt und von Nationaltrainer Cesare Prandelli wieder ausgeladen. Und AC Mailands Torjäger Zlatan Ibrahimovic sah für einen heimtückischen Leberhaken gegen einen Gegenspieler Rot, was ihn nun die Teilnahme am Mailänder Derby kostete. Die Kollegen gewannen aber auch ohne ihn 3:0 gegen Inter und blieben Tabellenführer.
Prügelnde Präsidenten
Sogar Italiens Präsidenten prügeln sich neuerdings. Vor dem Verfolgerduell zwischen dem SSC Neapel und Lazio Rom, das die Neapolitaner nach 0:2-Rückstand durch drei Tore des Uruguayers Edinson Cavani 4:3 gewannen (er hat nun bereits 25 Saisontore, mehr hat für Napoli keiner in der Serie A geschafft, auch Maradona nicht) - vor diesem am Ende erstaunlich gesitteten Fußballspiel hatten sich die beiden Klub-Bosse in die Haare gekriegt. Italienische Zeitungen berichteten, dass sich bei einem Treffen der Vereinspräsidenten am Dienstag Lazio-Chef Claudio Lotito und Neapel-Chef Aurelio de Laurentiis so sehr über die Verteilung von Fernsehgeldern stritten, dass der Filmproduzent de Laurentiis wie ein moderner Obelix dem Römer an die Wäsche wollte. Adriano Galliani, Geschäftsführer des AC Mailand, musste als Ringrichter schlichtend eingreifen.
Fluchende Fußballer, prügelnde Präsidenten - da fehlt noch ein trinkender Torjäger. Capello, der 100-Worte-Mann im höchstbezahlten Nationaltrainerjob der Welt, hat ihn gefunden. Es ist Andy Carroll, jener Stürmer von Newcastle United, der in dem Transfertheater um den Verkauf von Fernando Torres von Liverpool zu Chelsea Ende Januar quasi über Nacht, weil Liverpool plötzlich Geld hatte und eine Vakanz im Sturm, der unbekannteste Fußballer aller Zeiten wurde, der jemals für 40 Millionen Euro verkauft wurde. Capello findet allerdings, dass Carroll für so viel Geld ein bisschen mehr tun könnte. Besser gesagt: ein bisschen weniger, zumindest in der Freizeit im Pub. „Er ist jung, sehr jung. Sein Verhalten ist jetzt gerade sehr, sehr wichtig. Denn wenn du für England spielst, bist du dauernd im Fokus“, sagte Capello. „Ich habe mit ihm unter vier Augen gesprochen. Nicht nur Andy trinkt gern Bier. Er muss sich bessern und weniger trinken.“ Und das waren ja fast schon hundert englische Wörter.
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