06.02.2012 · Der aktuelle Chelsea-Trainer gilt fast immer als Scheidungskandidat. Das hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist „The Special One“, der in Spanien vor dem Absprung steht - „wie Kapitän Schettino“.
Von Christian EichlerWas bringt Bandenwerbung? Wer liest sie? Offenbar niemand, jedenfalls nicht beim FC Chelsea, der am Sonntag im Spitzenspiel gegen Manchester United mit einer interessanten Werbebotschaft aufwartete.
Die Bande am Spielfeldrand wies auf die schmucken Fan-Artikel des Klubs hin. Und darauf, wo sie erhältlich seien: nämlich unter der irgendwie seltsam wirkenden Web-Adresse „chelsefc.com/shopping“. Wer das buchstabengenau in seinen Internet-Browser eintippt, bekommt aber keine Trikots angeboten. Er landet auf einer Seite, die „Partnersuche mit Niveau“ verheißt.
Damit ist klar, dass ein Fehler vorliegt. Denn Partnersuche mit Niveau ist keine der üblichen Stärken des Profifußballs. Damit ist jetzt nicht einmal der fortgesetzte Seitensprung des Chelsea-Kapitäns John Terry mit der Gattin seines Teamkollegen Wayne Bridge gemeint, der ihn 2010 zum ersten Mal die Binde des Spielführers der Nationalelf kostete.
Bald begnadigt, ist er sie nun zum zweiten Mal los, weil er Gegenspieler Anton Ferdinand rassistisch beleidigt haben soll. Nein, eher ist es die Art und Weise, wie man sich bei vielen Klubs schon für den nächsten Trainer interessiert, während der aktuelle sich noch tapfer abstrampelt.
Etwa der FC Chelsea. Dort erlebte das Avram Grant, dem Luis Felipe Scolari folgte, dem es ähnlich ging, als Guus Hiddink kurzfristig übernahm, es folgte Carlo Ancelotti, der schon bald nach dem Double nicht mehr so recht beliebt war beim zuständigen Klub-Milliardär Roman Abramowitsch.
Und nun ist auch der Neue, der 34-jährige André Villas-Boas, den Chelsea für 15 Millionen Euro aus einer festen Bindung mit dem FC Porto freikaufte, schon wieder ein Scheidungskandidat.
Das liegt nicht nur an dem wackeligen vierten Platz, den Chelsea derzeit in der Tabelle einnimmt, womit man erstmals seit zehn Jahren um den Einzug in die Champions League bangen muss. Es liegt auch nicht nur an der Art und Weise, wie Chelsea beim 3:3 gegen Manchester United am Sonntag eine 3:0-Führung und damit die letzte vage Titelchance noch herschenkte.
Und auch nicht daran, dass Villas-Boas, der das Team zuvor mutig verjüngte, dann doch dieser Mut verließ, als er bei 3:2-Führung seinen gefährlichsten Angreifer, den 22 Jahre jungen Daniel Sturridge, gegen einen Defensiven auswechselte.
Nein, es liegt vor allem daran, dass er, der Eine, der Unvergleichliche, der sich einst bei seiner Ankunft in London mit dem selbst vergebenen Ehrentitel „The Special One“ verewigte – dass also José Mourinho, natürlich wie üblich unbestätigten Gerüchten zufolge, wieder auf dem Markt ist.
Mourinho, der in seiner Karriere als Trainer noch nie einen Dreitore-Vorsprung verspielt hat; und der in seiner ersten Saison bei Chelsea über ein 4:5 zwischen Tottenham und Arsenal gespottet hatte, das sei „kein Fußballresultat, sondern ein Eishockeyresultat“. Ein 3:3 nach 3:0-Führung? Eine Beleidigung für ihn, den „Besonderen“.
Fehlt Mourinho Chelsea? Oder fehlt Chelsea Mourinho? In einem TV-Interview mit der BBC erklärte er kürzlich: „Mein Herz hängt an England. Wenn möglich, wird mein nächster Schritt darin bestehen, nach England zu gehen und für lange Zeit dort zu arbeiten.“ Darauf legten die britischen Buchmacher umgehend die Wettquoten dafür fest, welchen englischen Klub Mourinho übernehmen wird.
Favorit war zunächst Manchester United, wo irgendwann, möglicherweise noch in diesem Jahrhundert, Alex Ferguson aufs Altenteil gehen wird. Dann aber spekulierte des Boulevardblatt „Sun“, das sich auf eine „Quelle“ in Mourinhos Nähe berief, über dessen Rückkehr zu Chelsea, wo ihm Abramowitsch 2007 per SMS kündigte (und später nachtrauerte). Nun heißt der Favorit Chelsea.
Aber Moment: Natürlich ist Mourinho gar nicht wirklich auf dem Markt. Er ist ja Trainer des berühmtesten Klubs der Welt und überlegener Tabellenführer. Wie es aussieht, wird er in diesem Jahr auch in Spanien Meister werden, so wie vorher in Portugal, England, Italien. Denn er hat aus Real Madrid eine Tor- und Punktemaschine gemacht, mit 55 Punkten und 71 Toren aus 21 Partien, die nun auch beim frostigen 1:0 in Getafe nicht ins Stottern geriet.
Im Gegensatz zum Gesamtkunstwerk aus Barcelona, dem zuletzt mancher Gastauftritt auf Provinzbühnen misslang. Barca hat nur vier der zehn Auswärtsspiele gewonnen, da hilft es auch nicht viel, dass ein 3:1-Triumph bei Real dabei war. Denn die anderen 16 der letzten 17 Ligapartien hat Mourinhos Team gewonnen und führt deshalb mit sieben Punkten Vorsprung.
Doch gibt es Misstöne. Die rücksichtslose Art, mit der Mourinho den Erfolg sucht, ohne Interesse an Stilfragen, Ästhetik oder dem Anschein von Fairplay, allen voran sein Festhalten an dem zur Gewalttätigkeit neigenden Landsmann Pepe, hat ihm viele Gegner eingebracht, und das nicht nur bei den eigenen, stilistisch anspruchsvollen Fans, sondern laut spanischen Berichten auch bei eigenen Spielern wie den Weltmeistern Casillas und Ramos.
Im vorletzten Heimspiel, einem 4:1 gegen Bilbao, wurde Mourinho erstmals von beträchtlichen Teilen des Madrider Publikums ausgepfiffen. Danach gab es erstmals Gerüchte über den Abschied des Portugiesen, die dieser nicht kommentierte und damit auch nicht dementierte. Das spanische Sportblatt „As“ verglich Mourinho mit dem Kapitän des Kreuzfahrtschiffs „Costa Concordia“: Er denke daran, „wie der Kapitän Schettino von Bord zu springen.“
Aber es wäre ein Fehler, Mourinho als Getriebenen der Situation, als Feigling gar darzustellen. Er ist ein Meister darin, atmosphärische Störfeuer zu zünden, die Stimmung rund um ein Team aggressiv zu halten - und bei alldem persönlich unberechenbar zu bleiben. Die aktuelle Situation entspricht ziemlich genau dem Reizklima, das Mourinho mag.
Es kitzelt den persönlichen Ehrgeiz der Spieler und schafft eine Wagenburgmentalität. Tenor: Hört euch die Lügen an von denen da draußen an, die wollen uns nur auseinanderbringen! Es sind praktische taktische Lügen, die man zur Not über diskrete Kanäle selber in die Welt bringen kann. Und mit denen man sich zugleich ins Schaufenster stellen und seinen Marktwert betonen kann.
In diesem strategischen Umgang mit Wahrheit, Unwahrheit und Halbwahrheit ist Mourinho ein Meister. Zugleich lässt sich das nicht ewig fortsetzen, weil es zu viel verbrannte Erde hinterlässt. Mourinho weiß aber, wann es genug ist und er gehen muss. Deshalb wird er in diesem Jahr wohl Meister in Spanien, und danach werden sich dort fast alle freuen, dass er geht. Und dann geht er dorthin, wo man sich inzwischen wieder auf einen wie ihn freut: England zum Beispiel.
Hervorragend
Sebastian Göhrig (goesi)
- 06.02.2012, 15:43 Uhr