22.02.2010 · Nigeria ist das Anti-Aging-Paradies für Fußballspieler: Niemand weiß genau, wie alt die Kicker aus Afrika sind. Das Problem hinter den phantastischen Jahreszahlen ist nicht neu, aber seriös. Doch die Zeit der Verjüngungskuren ist vorbei.
Von Christian EichlerWie alt sind eigentlich afrikanische Fußballer? Keiner weiß es genau. Es gibt aber originelle Ideen, das herauszufinden. In Bezug auf Anthonys Yeboahs Alter sagte dereinst der deutsche Afrika-Trainerveteran Otto Pfister den schönen Satz: „Da hilft nur eins: Bein aufsägen und Jahresringe zählen.“ Und das war noch vor dem Siegeszug der Heimwerker-Filmserie „Saw“. Diese Methode wäre natürlich nur bei bereits im Ruhestand befindlichen Kickern zu empfehlen. Also nicht bei Obafemi Martins, der ja für den VfL Wolfsburg noch ein paar Tore erzielen soll. Der deutsche Meister holte ihn im Sommer für rund zehn Millionen Euro vom englischen Absteiger Newcastle. So richtig eingeschlagen hat er aber nicht. Haben sich die Wolfsburger da etwa ein Gebrauchtmodell mit etwas höherer Lauf- und Lebensleistung andrehen lassen, als im Angebot stand? Laut Recherchen des englischen „Observer“ in Nigeria, wo man derzeit auf der Suche nach Gründen für das schlechte Abschneiden beim Afrika-Cup ist, soll Martins gar nicht 25 sein, sondern schon 32.
Ein ortskundiger Klubtrainer erklärte, die aktuelle Schwäche des WM-Teilnehmers Nigeria liege in den notorisch gefälschten Altersangaben der landesüblichen Kicker: „Die meisten sind älter als angegeben und kommen mit dem Tempo anderer Teams nicht mehr mit.“ Das offizielle Alter von Nwankwo Kanu (der schon 1995 mit Ajax Amsterdam die Champions League gewann) ist 33, in Wirklichkeit soll er 42 sein. Und, Frankfurter Fans, bitte festhalten: Jay Jay Okocha soll während seiner gesamten Ballzaubererkarriere zehn Jahre älter gewesen sein als angegeben. Kann das wahr sein? Dass Okocha damals, als er sein legendäres Zickzack-Tor für die Eintracht schoss und Oliver Kahn einen Knoten ins Hirn dribbelte (der sich nach Ansicht gehässiger Menschen nie wieder vollständig gelöst hat) - kann es sein, dass er damals schon dreißig war?
Zwar klingen die Quellen mancher neuer Altersangabe etwa so seriös wie das Geschäftsmodell jener afrikanischen Teambetreuer, die vor Spielen Kröten vergraben. Speziell sind Zweifel erlaubt an der Information über Taribo West - das ist der mit den bunten Knötchen im Haar, der die Kaiserlauterer in deren Finanz-Harakiri-Phase kurz nach dem letzten Meistertitel eine Stange Geld kostete (allein 75.000 Euro nur dafür, von einem Spielerberater die Telefonnummer seines Agenten zu bekommen). West also soll inzwischen „Ende fünfzig“ sein, obwohl er erst vor zwei Jahren seine Karriere beendete. Wenn das stimmt, dann wird es bald Europas Wellness-Branche ruinieren, dann ist nämlich Nigeria das Anti-Aging-Paradies der Welt.
Doch das Problem hinter den phantastischen Jahreszahlen ist durchaus seriös und nicht neu. „Unsere Jungs sind alt, wir zahlen nun den Preis für das Schummeln beim Alter“, sagte kürzlich der Funktionär Ken Anugweje, der früher Arzt des nigerianischen Nationalteams war. Es ist bekannt, dass afrikanische Länder beim Alter von Jugendspielern mehrfach gemogelt haben. So gewann man Meisterschaften mit Männern gegen die Jungs von der Konkurrenz. 1988, ein Jahr nach Gewinn der U-17-WM, wurde Nigeria für zwei Jahre von der Fifa gesperrt, weil aufgefallen war, dass die Geburtsdaten von drei Spielern sich bei der Meldung für Olympia gegenüber früheren Turnieren verändert hatten.
Altersschwache Schwalben
Inzwischen ist es vorbei mit den Verjüngungskuren. Als vor der U-17-WM im letzten Jahr die Fifa einen wissenschaftlichen Alterstest aller Spieler mittels einer Röntgenuntersuchung des Handgelenks ankündigte, führte das zu reiheinweise Spontan-Alterungen, wie sie sonst nur bei Rock-Musikern auf Entziehungskur vorkommen. Nigeria strich 15 Spieler aus dem Kader, bei Gambia waren es 11 jener 18, die einen Monat zuvor die Afrikameisterschaft ihrer „Altersklasse“ gewonnen hatten. Gut für sie, dass die Fifa, die sich sonst so energisch gegen modernes Hexenwerk wie Tor-Kameras wehrt, in dieser Frage dem wissenschaftlichen Fortschritt vertraut. Und nicht dem Pfister-Test.
Wie alt ist eigentlich Samuel Eto'o? Offiziell ist der Kameruner erst 28. Jedoch ist er schon seit gefühlten Jahrzehnten im europäischen Fußball präsent und spielt seit seinem Weggang aus Barcelona letzten Sommer eine eher müde Saison bei Inter Mailand. Am Samstag, beim 0:0 gegen Sampdoria Genua, sackte Eto'o einmal im gegnerischen Strafraum beim Lufthauch des Gegenspielers auf eine Weise zu Boden, die beim Schiedsrichter eine Gelbe Karte und bei Trainer José Mourinho einen Lachkrampf auslöste. Es sah aus wie, nun ja, eine altersschwache Schwalbe. Vielleicht sollte man bei Eto'o mal nachsägen.