25.01.2010 · Im Fußball findet man Typen, um Rollen für nahezu alle Film-Genres zu besetzen. David Sullivan als Zuhälter, Ewald Lienen als Killer, Lucio als Bond-Bösewicht, Carlos Tevez als „Tier“ in der Muppet-Show. Und was darf Cristiano Ronaldo spielen?
Von Christian EichlerAuch Millionäre sind nur Menschen. Auch Fußballer haben also manchmal keine Lust. Dann ist der Trainer gefragt, im Prüfungsfach Motivation, das in Deutschland solch hübsche Ideen wie das Nageln von Tausendmarkscheinen an Kabinentüren hervorgebracht hat. Eine andere originelle Idee ist aus Italien überliefert, wo der auch optisch auffällige Serse Cosmi (Maßanzug plus Baseballkappe) einst seinen Spielern vor Anpfiff gern mal einen Pornofilm zeigte - was den früheren Trainer eines Bar-Teams bis in die Champions League führte. Nun ist der Fußball-Cineast entlassen worden, in Livorno, obwohl sich dieser Ort so gut auf seine filmischen Vorlieben reimte.
Nachschub kommt aus England. West Ham United ist aus den Händen isländischer Bankrotteure in die des Porno-Produzenten David Sullivan übergegangen. Nach all den undurchschaubaren Investoren aus aller Welt, die sich in die Premier League einkauften, kehren also einheimische Millionäre mit soliden Geschäftsmodellen in den englischen Fußball zurück. Wie er da im halbseidenen Cut aus seinem protzigen Rolls-Royce stieg, als neuer West-Ham-Boss, sah Sullivan aus wie ein Zuhälter aus einem Dieter-Wedel-Film.
Fußball, das ist nicht nur Schmuddelfilm, das kann auch großes Kino sein. Mit Kickern und anderen aus der Fußball-Entourage ließe sich so manche Casting-Couch sparen. Man fände hier Typen, um Rollen für nahezu alle Film-Genres zu besetzen. Ewald Lienen etwa, der traditionell friedliebende Ostwestfale, sah am Freitag beim 3:0 seiner Münchner Löwen gegen Rostock aus wie ein Killer in einem Tarantino-Film: dunkler Anzug, kein Mantel, aber schwarze Lederhandschuhe und dazu dieser scheinbar harmlose Gesichtsausdruck.
Carlos Tevez als „das Tier“ in der Muppet-Show?
Als Filmpartner braucht man dazu einen anderen, der schon beim Zähneputzen lebensgefährlich aussieht. Für diese Rolle ist derzeit Diego Milito erste Wahl, der Torjäger von Inter Mailand. Beim Derby gegen Milan am Sonntag schoss der kaltäugige Ausknipser aus Argentinien die Führung heraus, die der Tabellenführer dann trotz Unterzahl zu einem 2:0-Sieg ausbauen konnte. Milito, nicht zu verwechseln mit seinem Bruder Gabriel, Verteidiger beim FC Barcelona, ist der derzeit schärfste Hitman Europas.
Mit 24 Toren in 31 Spielen für CFC Genua in der letzten Saison und aktuell 13 in 19 für Inter kommt er auf eine Quote wie sonst fast nur der kleine Landsmann Lionel Messi (der in jedem Film natürlich der sympathische, von allen unterschätzte Junge von nebenan wäre). Messi schoss am Samstag sein 15. Saisontor, Barca gewann 3:0 in Valladolid und ist bei Saisonhalbzeit wieder mal auf Rekordkurs: keine Niederlage, 49 Punkte, 49 Tore.
Argentinier haben es einfach, das Knipser-Gen. So wie Carlos Tevez, für den man bestimmt auch gut eine Rolle fände. Als „das Tier“ in der Muppet-Show? Als Gehilfe in einem Frankenstein-Remake? Das wäre jetzt vielleicht doch zu böse, aber Hauptsache, es geht physisch zur Sache im Drehbuch. Wie ein Pitbull entnervte er letzte Woche im Ligacup seine alten Kollegen von Manchester United, schoss beide Tore zum 2:1-Sieg für Manchester City und legte sich danach mit dem früheren Mitspieler Gary Neville an, der behauptet hatte, es sei richtig gewesen, Tevez gehen zu lassen, weil er sein Geld nicht wert sei. Neville wurde vom Argentinier dafür als „Schwachsinniger“ bezeichnet.
Auch mit neun Mann hat Inter die Serie A im Griff
Ja, das Temperament! Für Lucio, den früheren Bayern, wüssten wir auch was. Gäbe man ihm aus der Requisite ein Stahlgebiss, er wäre für den nächsten James Bond ein kantiger Bösewicht, würdiger Nachfolger von Richard Kiel, dem „Beißer“ der goldenen 007-Jahre („Moonraker“). Auch im kinoreifen Mailänder Derby übernahm Lucio eine wichtige Rolle. Mit langen Schritten setzte er zu einem jener halb ungelenken, halb unwiderstehlichen Spurts aus der eigenen Hälfte an, wie man sie auch aus der Bundesliga kannte, verlor den Ball, ging zu Boden - und sah Gelb wegen Schwalbe.
Das regte den Kollegen Wesley Sneijder so auf, dass er dem Schiedsrichter applaudierte - und dafür groteskerweise die Rote Karte sah. Die sah Lucio dann am Ende auch noch, als er in der Nachspielzeit im eigenen Strafraum per Hand abwehrte. Das gab Gelb-Rot plus Elfmeter, den aber Ronaldinho gegen den exzellenten brasilianischen Landsmann Julio Cesar verschoss. Auch mit neun Mann hat Inter die Serie A im Griff.
Warum hat denn nicht jeder solche sexy Sixpacks?
Die Rolle des Schönlings und Frauenhelden im Fußballfilm kann natürlich nur einer bekommen: Cristiano Ronaldo. Allerdings musste er am Sonntag die Handlung verfrüht verlassen und deshalb auf die genüssliche Entblößung seines Oberkörpers nach Schlusspfiff verzichten. Von diesem Strip behauptet ein Kollege, er mache Ronaldo so unbeliebt, weil die Frauen der anderen Spieler danach fragten, warum denn ihre Gatten nicht solche sexy Sixpacks unter dem Trikot trügen.
Der Portugiese bot das volle Programm, schoss beide Tore beim 2:0-Sieg von Real Madrid gegen Malaga und sah dann für einen Ellbogenschlag gegen Mtiliga die Rote Karte. Niemand kann behaupten, dass der 94-Millionen-Euro-Einkauf in seiner ersten Halbserie in Madrid fürs Geld nichts geboten hätte: 15 Tore in 16 Spielen (Liga und Champions League), zwei Rote Karten. Da muss sich Ronaldo eigentlich gar nicht immer ausziehen, um ein Hingucker zu sein - anders als die Hauptdarsteller in Serse Cosmis Motivationsfilmen.