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Eichlers Eurogoals Mit „Becks“ im Friseursalon

 ·  Frisuren schaffen Wiedererkennungswert. Unvergessen ist die Mähne von Carlos Valderrama. Heutzutage dominieren zur dichten Welle geformte Haare - auch der Gottvater aller Modefußballer trägt sie. Doch im Milliardengeschäft Fußball sind beileibe nicht nur die Spieler frisiert.

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© AFP Unverwechselbarer Frisur-Fußballer: der Kolumbianer Carlos Valderrama

Es gab eine Zeit, da erkannte man Fußballer an ihrer Frisur. Günter Netzer an der wehenden, weiträumig gescheitelten Blondmähne, die er bei seinen Spurts durchs Mittelfeld von Wembley 1972 wie eine Schleppe hinter sich zog. Ruud Gullit an seinem imposanten Rastakopf, mit dem er den Ball beim holländischen EM-Sieg 1988 ins Tor wuchtete. Bobby Charlton an der Glatze, über die er schon beim englischen WM-Erfolg 1966 ein paar lange, rotblonde Strähnen vom linken Ohr herübergekämmt hatte, eine Tarnbepflanzung, die nicht jedem Kopfballduell standhielt.

Nachruf auf den mob-artigen Krauskopf

Der Unverwechselbarste aller Frisur-Fußballer hieß Carlos Valderrama. Wer die Weltmeisterschaften 1990, 1994 und 1998 sah, wird ihn noch präsent haben, den Anblick des elegant-behäbigen Regisseurs des kolumbianischen Nationalteams. Nein, dies ist kein Nachruf. Jedenfalls keiner auf einen Spieler. Es ist ein Nachruf auf eine Frisur, auf die gewaltigste der Fußballgeschichte: den medizinballgroßen, kugelrund-blonden, mob-artigen Krauskopf des schnauzbärtigen Valderrama. Bis vor ein paar Tagen blieb er der Optik seiner besten Jahre unbeirrt bis ins Alter von 51 Jahren treu. Dann aber informierte der Kolumbianer seine erschütterten Fans per „Twitter“ über das Ende einer Ära: „So wie der Fußball sich ändert, so habe auch ich meinen Look geändert.“ Aktuelle Fotos zeigen ihn nun mit einem praktischen Kurzhaarschnitt.

Frisuren schaffen Wiedererkennungswert. Wenn man ihnen treu bleibt, so wie Carles Puyol, der vermutlich schon bei seiner Geburt den ewigen helmartigen Krauskopf trug. Wie diese Wiedererkennung funktioniert, zeigt der rührende Film eines blinden Jungen, der im Rahmen eines der Sozialprojekte des FC Barcelona kürzlich das Training des Klubs besuchen durfte und von einigen Spielern begrüßt wurde. Dabei erkannte der kleine, aus dem Senegal stammende Mamadou fast alle allein mit seinem Tastsinn – Eric Abidal zum Beispiel an der Glatze und eben Carles Puyol am Krauskopf. Auch Lionel Messi griff er in die Haare, die der beste Fußballer der Welt noch nie groß gestylt oder variiert hat, und identifizierte Messi zu dessen großer Freude auf Anhieb. Nur José Manuel Pinto erkannte er nicht, weil der erstens nur Ersatztorwart ist und zweitens sein einst glatt gekämmtes Haar nun zu einem Rastazopf geflochten trägt.

Bei deutschen Jung-Profis hätte es Mamadou schwerer, beim lustigen Spielerraten erfolgreich zu sein. Angesagt in Bundesliga sind derzeit, in diversen Abwandlungen, Weiterentwicklungen der Frisur, mit der zuerst Mario Gomez aufwartete: oben die Haare zur dichten Welle geformt (oder auch zum Gockel oder zur Tolle); an den Seiten und hinten kurz, aber nicht kahl. Eine Art Gezeiten-Frisur: oben Flut, unten Ebbe.

Eine etwas nostalgische, an ältere Hollywoodfilme erinnernde Variante davon trägt derzeit der Gottvater aller Mode-Fußballer, David Beckham. In bald zwanzig Jahren als Profi mit scharfem Schnitt bei Freistoß wie Frisur dürfte er mit regelmäßig verändertem, immer fotogenem Look so viel fürs Coiffeur-Gewerbe getan haben wie kaum ein anderer. Als ihn (und seine Frisur) beim ersten Auftritt in der Start-Elf von Paris St-Germain, beim 2:0-Pokalsieg gegen Olympique Marseille, der Ghanaer Jordan Ayew im ruppigen Bodenkampf in die Mangel nahm, reagierte Beckham mit der noblen Gelassenheit des Gentleman. Statt dem Raufbold mit einem Ausbruch an Aggression entgegenzutreten, fuhr sich mit der rechten Hand ganz kühl durch den zerzausten Schopf, als wär’s eine Shampoo-Reklame. Gleich saß die Frisur wieder.

Optisch, man muss es festhalten, hat der Fußball in den Jahrzehnten seiner Verpoppung und Stilisierung, seiner Entwicklung zum Unterhaltungs- und Gesellschaftsphänomen eindeutig gewonnen, auch als Kopfsache. Allerdings war es etwa in der Bundesliga ein weiter Weg von den Sechziger Jahren, in denen Trainer Albert Sing den Spieler Gilbert Gress wegen Überlänge zum Friseur schickte, über die Siebziger, in denen Jürgen Grabowski in der Halbzeit die Wellen fönend wieder in Form brachte und der frühe Glatzenträger Horst Köppel als Werbeträger eines Toupet-Herstellers für ein Spiel mit einem gescheitelten Kunstteppich auf dem Schädel auflief, bis zu den peinlichen Miniplis und neandertalerartigen Vokuhilas (vorne kurz, hinten lang) der Achtziger. Und bis zum Softie-Look von Andreas Möller in den neunziger Jahren, den der Dichter Wiglaf Droste so beschrieb:

Die Frisur sieht seltsam aus
Nach 2 Pfund 3-Wetter-Taft
Tapfer haben Spielerfrau
und Frisör daran geschafft.

Das führt uns zum Haarsträubendsten, weil an den Haaren Herbeigezogensten, das seit längerem in einer renommierten Zeitung zum Thema Fußball gestanden hat. Es war am vergangenen Mittwoch, als die Londoner “Times” auf drei Seiten in großer Aufmachung eine Geschichte über die sogenannte “Dream Football League” (DFL) brachte – nicht zu verwechseln mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die die deutschen Profiligen veranstaltet. Die DFL der „Times“ klang sensationell, sie sollte ein mit qatarischem Geld finanzierter Wettbewerb der 24 besten Klubteams der Welt sein, die von 2015 an alle zwei Jahre am Persischen Golf aufeinanderträfen, honoriert mit unfassbaren Startgeldern von bis zu 200 Millionen Euro – pro Team.

Ein Scoop der „Times“

Die Geschichte hatte nur einen Haken: Sie war erfunden. Allerdings nicht vom Autor der „Times“. Der hatte nur einem Informanten geglaubt, der wiederum wenige Tage zuvor auf der französischen Website “Les Cahiers du Football“ von der „Dream Football League“ gelesen hatte – ein allerdings frei erfundener, rein satirischer Artikel, wie die „Cahiers“ nach dem Scoop der „Times“ umgehend erklärten.

Alles nur geträumt, also. Aber tatsächlich ist es ja nicht ganz einfach, Satire und Wirklichkeit auseinanderzuhalten in diesen Fußballzeiten, in denen ein Land wie Qatar sich schon eine ganze WM kaufen konnte. Und in denen ein UEFA-Präsident das aus Ländern wie Qatar sprudelnde Finanzdoping von bestimmten europäischen Klubs stoppen will – von Klubs wie dem in Paris, wo sein eigener Sohn als Jurist untergekommen ist. Anders gesagt: Vieles, was wahr ist im Milliardengeschäft Fußball, liest sich heute ziemlich frisiert. Man weiß nur nicht, ob gut oder schlecht.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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