01.03.2010 · Die Premier League liefert ein Déjà-vu in Form eines schrecklichen Fouls. Der Übeltäter verlässt das Spielfeld unter Tränen und wird kurz danach ins englische Nationalteam berufen. Rote Karten scheinen zur neuen Mode auf Europas Fußballfeldern zu werden.
Von Christian EichlerWer den Fußball liebt, tut das auch, weil dieses Spiel sich nicht völlig zähmen und zum reinen, glatten Produkt bügeln lässt. Immer noch bricht dann und wann das Wilde, Unberechenbare, Archaische aus spielenden Männern heraus. Manchmal aber muss, wer den Fußball liebt, ihn auch genau dafür hassen. Was in der 66. Minute der Partie zwischen Stoke City und dem FC Arsenal geschah, war für viele, die diese Szene sahen - und man konnte sie nur einmal sehen, weil die Fernsehregie entschied, sie nicht noch einmal zu zeigen, schon gar nicht in Großeinstellung und Zeitlupe -, ein übles Déjà-vu; eine Art Albtraum, den man schon mal hatte. Ein schreckliches Foul, mit lang gestrecktem Bein, halbhoch über der Grasnarbe. Ein Tritt, der das Bein des Gegenspielers nahezu zerteilte. Der Täter war Ryan Shawcross von Stoke City, er erhielt die Rote Karte und verließ unter Tränen das Spielfeld. Das Opfer war Aaron Ramsey, ein 19-jähriger Waliser, der für viele bisher als das größte Mittelfeldtalent auf der Insel galt, als der neue Steven Gerrard.
Es war wie eine Kopie des Fouls am Arsenal-Stürmer Eduardo vor zwei Jahren, dessen Unterschenkel, vom brutalen Tritt des Birmingham-Spielers Martin Taylor in nahezu rechtwinklige Form gebracht, nur durch die rasche Reaktion der Teamärzte vor einer Amputation bewahrt wurde. Eduardo hatte Glück, er konnte wieder spielen, nach fast anderthalb Jahren. Hat Ramsey es auch?
Auch diesmal wendeten sich Mit- und Gegenspieler mit Grausen ab, als sie die Verletzung sahen. Mindestens zwei Spielern wurde schlecht. Auch diesmal musste das Spiel sieben Minuten unterbrochen werden. Anders als vor zwei Jahren in Birmingham, als Arsenal nervlich angeschlagen den Sieg und in den Wochen darauf die Titelchance verspielte, trafen sie in Stoke in der Schlussphase durch Fabregas und Vermaelen noch zum 2:1 und 3:1. Cesc Fabregas tippte sich nach seinem Elfmetertor dreimal an den Fuß, einmal für jedes Horror-Foul, das er in seiner Zeit bei Arsenal an einem Mitspieler erlebt hat: Eduardo, Diaby, Ramsey.
Trainer Arsène Wenger erklärte nach dem Spiel, es wäre „lächerlich“, sollte der Übeltäter die übliche Rot-Sperre von drei Spielen erhalten. Aber so lange wird Ryan Shawcross gar nicht warten müssen bis zu seinem nächsten Spiel: Kurz nach der Partie berief ihn Nationaltrainer Fabio Capello zum ersten Mal ins englische Nationalteam, für das Spiel am Mittwoch gegen Ägypten.
Bridge und Terry und kein Händedruck
Die Kriterien, nach denen Spieler für würdig befunden werden, um ihr Land zu vertreten, sind besonders in England nicht immer ganz einfach zu durchschauen. Sicher ist, dass ein Hauch von asozialem Verhalten nicht schadet. Am Samstag kam es an der Stamford Bridge zum Aufeinandertreffen der beiden Nationalspieler, deren Streit um eine Frau zum Problem für die englischen WM-Aussichten geworden sind. Wayne Bridge, dem der frühere Chelsea-Kollege John Terry die in London zurückgebliebene Lebensgefährtin schwängerte, kaum war Bridge zu Manchester City gewechselt, und der deshalb aus dem Nationalteam zurücktrat, um nie wieder mit Terry zusammenspielen zu müssen (während Terry wiederum wegen der Affäre als Kapitän der Nationalelf abgesetzt wurde) - Bridge also kehrte mit seinem neuen Klub nun zu Chelsea zurück.
Bei der üblichen gegenseitigen Begrüßung der beiden Teams vor Anpfiff blieb die Hand Terrys ungeschüttelt, als Bridge vorbeikam. Man schaute angestrengt aneinander vorbei. Das Spiel endete mit einer 2:4-Niederlage für Chelsea, die Manchester United und Arsenal auf Schlagweite an den Tabellenführer herangebracht hat. Beim Stand von 1:4 zehn Minuten vor Schluss beschloss Michael Ballack, auch in die Statistik der denkwürdigen Partie einzugehen. Er mähte den zweifachen Torschützen Carlos Tevez in einer Weise von hinten um, dass der englische TV-Reporter schon während der Aktion kommentierte: „He's off“ - der ist draußen.
Neun Spieler pro Mannschaft - jetzt in der inoffiziellen Testphase
Weil da auch schon Belletti unter der Dusche stand, beendete Chelsea das Spiel zu neunt. Diese uralte Idee, dem eng gewordenen Fußball neue Räume zu geben, indem man die Zahl der Spieler um zwei reduziert, scheint gerade in eine inoffizielle Testphase getreten zu sein. Inter Mailand bestritt zuletzt große Strecken der Serie-A-Heimspiele gegen Milan und Sampdoria mit neun Spielern, ebenso nun Chelsea und auch der FC Valencia beim 1:4 bei Atletico Madrid (Platzverweise für Marchena und Miguel).
Und auch der Schiedsrichter der belgischen Erstligapartie zwischen Mechelen und Kortrijk dachte sich: 11:9 ist lustiger als 10:10 - und schickte nach einer heftigen Kollision zwischen dem Torwart von Kortrijk und dem Mecheler Stürmer mit dem schönen Namen Joachim Mununga nicht den Torwart vom Platz, der mit gestrecktem Bein in die Körpermitte des Stürmers gezielt hatte, sondern den Stürmer. Und reduzierte so dessen Team auf neun Mann.
Für länger gediente Fußballfreunde war auch diese Szene ein ziemlich hässliches Déjà-vu: eines der Kollision zwischen Toni Schumacher und Patrick Battiston im WM-Halbfinale 1982. Aus heutiger Sicht war Battiston mit zwei verlorenen Zähnen und einem angebrochenen Wirbel gut bedient. Bei einem belgischen Schiedsrichter hätte er möglicherweise auch noch die Rote Karte bekommen.