Feiertage für verdiente Altmeister – Uwe Seeler feiert 75 Jahre als Hamburger Legende, Alex Ferguson 25 als Maestro von Manchester. In Deutschland ist ja eine bestimmte Art, gegen zu weit vor ihrem Kasten stehende englische Torhüter per Hinterkopf ein Tor zu erzielen, nach Uwe Seeler benannt. In England ist nun sogar eine Tribüne benannt nach Sir Alex, das geschah am Samstag vor dem 1:0-Sieg der United gegen Sunderland. Aber auch die noch aktiven Fußballer hatten einiges zu feiern.
So wie Lionel Messi, der letzte Woche 200 Tore für Barcelona komplettierte (und nun in letzter Minute mit seinem 2:2 bei der Regenschlacht in Bilbao einen Punkt rettete). Oder wie Cristiano Ronaldo, der 100 für Real Madrid vollmachte, und das in nur 105 Partien in etwas mehr als zwei Jahren.
Anstoß um zwölf für Chinesen und Inder
Für seine 40 Tore in der vergangenen Saison, Rekord in der Geschichte der Primera Division, erhielt er vor dem Spiel gegen Osasuna den goldenen Schuh des Torschützenkönigs – übrigens, ein Novum in der spanischen Liga, mit Anstoß mittags um zwölf, damit die lukrativen Fernsehmärkte Asiens noch besser gemolken werden können. Es wurde den Chinesen und Indern einiges geboten.
Mesut Özil glänzte, Nuri Sahin gab sein Debüt, Ronaldo schoss drei Tore beim 7:1. Während der immer noch ein bisschen schutzbedürftig wirkende Messi jedermanns Liebling ist, einer, der nie eitel wirkt oder egoistisch, eine Art kickendes Kuscheltier – ist Ronaldo mit seiner zugleich expressiven wie von sich eingenommenen Art vielen Fans eher ein Ärgernis als ein Ereignis.
Er hat aber zuletzt Einsicht gezeigt oder wenigstens gute Berater gefunden. In öffentlichen Äußerungen gab er sich bescheiden und nannte seine Torrekorde vor allem ein Verdienst der Mannschaft. Das ist das, was Kollegen gern hören, aber auch der Chef. Mit einem anderen war José Mourinho dagegen zuletzt nicht so glücklich, glaubt man spanischen Zeitungsberichten.
Iker Casillas ist eine Ikone bei Real Madrid, ihn kann auch ein Mourinho nicht einfach auf Abstellgleis schieben. Dennoch soll der portugiesische Trainer seit längerem über Kreuz mit dem Torwart stehen, weil Casillas Mourinhos aggressive Linie gegenüber dem großen Rivalen FC Barcelona durch diplomatische Kontakte entschärft hat.
Mourinhos Konzept gegenüber spielerisch stärkeren Teams, also vor allem gegenüber Barcelona, war immer dieselbe, ob mit Chelsea, Inter oder nun mit Real – möglichst viel Kontroversen entfachen, Stress machen, auf nervliche Art schaffen, was spielerisch nicht gelingen kann.
Zu dieser Strategie des kalten Kriegers gehörten im großen Duell um die Weltherrschaft des Fußballs zwischen Real und Barca bisher die von Spiel von Spiel erhöhte Härte im Zweikampf, bei Real oft an der Grenze zum Platzverweis und immer wieder auch darüber; flankiert von verbalen Attacken des Trainers auf Schiedsrichter und Verband wegen angeblicher Bevorteilung Barcas.
Beim Supercup-Finale zu Saisonbeginn, dem eigentlich unwichtigsten aller Duelle, hatte Mourinho im August noch eins draufgelegt, indem er im Getümmel am Ende einen Barca-Assistenztrainer hinterrücks mit einem Stich ins Auge angriff (und dafür nur die lächerliche Sperre für ein einziges Supercup-Spiel erhielt).
Wer Mourinho kennt, weiß, dass das keine unbedachte Emotion war, sondern bewusste Kalkulation. Er will, dass Vendetta-Stimmung herrscht vor dem nächsten Duell (am 11. Dezember in Madrid). Er will, dass Barca nicht locker ist.
Es droht das alte Herberger-Motto
Spaniens Nationalteam, dessen Kapitän Casillas ist, lebt aber gerade davon, dass zwischen den Spielern aus Madrid und Barcelona keine Spaltung besteht. Diese Einheit hat Spanien den EM- und den WM-Sieg gebracht. So rief Casillas den alten Kumpel Xavi an, und sie räumten die Sache aus.
Gegen diese Art der Verbrüderung kann auch ein Mourinho nicht viel ausrichten, denn nun ist wieder Länderspielwoche, da sitzen die Spieler, die Mourinho am liebsten spalten würde, wieder zusammen, und es droht das alte Herberger-Motto: Elf Freunde müsst ihr sein.
Dazu wird für Casillas das Spiel in Wembley gegen England am Samstag ein besonderer Festtag. Mit seinem 126. Einsatz schließt er zu Andoni Zubizarreta als Spaniens Rekordnationalspieler auf – mit gerade mal 30 Jahren. Sie werden immer jünger, die alten Hasen des Fußballs. Casillas ist der vielleicht bescheidenste Weltstar des Fußballs – und steht deshalb international nie so im Blickpunkt wie andere.
Andernfalls könnte man in Deutschland nie und nimmer glauben, mit Manuel Neuer den „besten Torwart der Welt“ zu haben, wie es manche bereits tun, ein Glaube, den Neuers Superparade beim 2:1 in Augsburg weiter stärken wird. Für ein solches Attribut aber muss auch ein Neuer noch deutlich weiter kommen als zu Glanzleistungen bei Tabellenletzten.
Casillas schaffte, was deutsche Welttorhüter verpatzten
Dafür ist es nötig, seine größten Leistungen in großen Finals zu bringen, so wie es Casillas mehrfach tat: 2002, als er im Finale der Champions League den Sieg gegen Leverkusen rettete, oder 2010, als er im WM-Endspiel gegen Arjen Robben die entscheidende 1:1-Situation gewann.
Die letzten deutschen Welttorhüter dagegen verloren WM-Finals durch entscheidende Patzer, Toni Schumacher 1986 und Oliver Kahn 2002. Casillas ist vielleicht so gut, weil er so locker ist. Seine populärste Szene ist längst die, wie er seine Freundin Sara Carbonero, die ihn als Journalistin für einen spanischen TV-Sender nach dem WM-Sieg befragte, mitten im Live-Interview umarmte und abküsste.
Fehler mit Humor nehmen
Und, nahezu unvorstellbar für Fanatiker der eigenen Fehlerlosigkeit vom Schlage eines Kahn oder Lehmann, hat Casillas Ende September nach einem Patzer beim 6:2 gegen Vallecano auf seiner Facebook-Seite seinen Fans folgende Botschaft übermittelt: „Ich bin auch nur ein Mensch, jeder macht Fehler, niemand ist perfekt. Das Beste, was man tun kann, ist, einen Fehler mit Humor zu nehmen.“ Casillas tat es – und fügte Links zu den vier schlimmsten Schnitzern seiner Karriere an.
Wobei er nun heftige Konkurrenz bekommen hat von einem Kollegen, der die Sammlung der Karriereschnitzer eines Casillas schon in einem einzigen Spiel fast überboten hat. Bei der 4:6-Niederlage in Utrecht steuerte der Torwart von Ajax Amsterdam neben einigen anderen Schnitzern allein zwei Gegentore bei, indem er mit Befreiungsschlägen außerhalb seines Strafraum keine zwanzig Meter weit kam, nämlich nur bis zum nächsten Gegenspieler, der dann dankbar das leere Tor befüllte. Bestimmt ist es nur ein dummer Zufall, dass der Pannen-Torwart des Tages den Namen eines alten Meisters trägt: Vermeer.