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Eichlers Eurogoals Ja, Ja, Nein, Warm

 ·  Angeblich soll Carlos Tevez das „kürzeste Fußball-Interview aller Zeiten“ gegeben haben. Doch schon Ernst Kuzorra und Paul Janes machten es knapper. Und Messi ist der wortlose König. FAZ.NET zeichnet legendäre Gespräche nach.

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© REUTERS Carlos Tevez: „Hä“

Carlos Tevez ist ein Freund knapper Antworten. Das weiß Roberto Mancini, der Trainer von Manchester City, seit dem Champions-League-Auftritt in München im vergangenen September. Dort weigerte sich Tevez, eingewechselt zu werden.Ein Lippenleser enthüllte im Auftrag einer Boulevardzeitung, was genau der Argentinier sagte, als Mancinis Gehilfe ihn aufforderte, die Trainingsjacke abzulegen: „Nein, lass mich in Ruhe. Ich habe nein gesagt.“ Diese neun Worte kosteten Tevez angeblich über zehn Millionen Euro (1,4 Millionen Geldstrafe, neun Millionen nicht gezahlte Gehälter und Prämien). Inzwischen ist er reuig. Nun hat er beim 6:1 in Norwich dreimal getroffen. Noch erstaunlicher: Er gab danach ein Interview.

TV-Reporter: Carlos, schön, zurück zu sein.

Tevez: Ja. Ich Mann des Spiels?

Ja. Du Mann des Spiels.

Tevez nimmt die für diese Auszeichnung vorgesehene Champagnerflasche und will gehen.

Hast du eine Schwalbe gemacht?

Hä?

Tevez geht.

Der Reporter ruft ihm nach: Hast du eine Schwalbe gemacht?

Tevez aus dem Off: Keine Ahnung.

Weg ist er.

Dass englische Medien diesen Dialog prompt zum „kürzesten Fußball-Interview aller Zeiten” erklärten, zeugt allerdings von erheblicher Unkenntnis. Allein im deutschen Sprachraum gibt es viele schöne Beispiele für kurzweilige Gesprächskultur rund um das Spiel der Spiele. Das begann schon mit Ernst Kuzorra, dem legendären Schalker Kapitän. Von einem Mannschaftsbesuch in Stockholm im Jahr 1929 ist ein königlicher Wortwechsel mit dem schwedischen Monarchen überliefert.

König Gustav Adolf: Wo liegt denn eigentlich Schalke?

Kuzorra: Anne Grenzstraße, Majestät.

Fünf Jahre später versuchte ein Reporter, einem anderen großen Spieler jener Zeit ein paar Worte zu entlocken - dem gerade von der WM 1934 heimgekehrten Paul Janes.

Reporter: Herr Janes, Sie waren mit der Nationelelf in Italien?

Janes: Ja.

Sind Sie mit dem Abschneiden zufrieden?

Ja.

Hätten Sie Weltmeister werden können?

Nein.

Der dritte Platz tut es auch?

Ja.

Bis hierhin hat unser Reporter den schlimmsten aller Interview-Fehler begangen, nämlich das Gespräch mit sogenannten geschlossenen Fragen zu beginnen - solchen, die man mit Ja oder Nein beantworten kann. Nun aber entpuppt er sich doch als würdiger Vorläufer heutiger Kollegen, die mit offenen Fragen wie „Wie erleichtert sind Sie?“ oder „Wie wichtig war der Sieg?“ tiefe Wahrheiten aus Kickern kitzeln. Zum Abschluss des Gesprächs versucht er es also endlich mit einer Wie-Frage.

Wie war es in Italien?

Warm.

Spätere deutsche Fußballer neigten schon eher mal zu Geschwätzigkeit. Angenehm knapp hingegen sind immer noch deutschsprachige Interviews mit Kickern, die des Deutschen noch nicht mächtig sind oder es auch nie sein werden – allen voran der Brasilianer Ailton, Spitzname Toni, mit seinen legendären Zweiwortsatz-Spielanalysen („Toni Tor. Alles gut.“). Bei der WM 2010 in Südafrika versuchte das ZDF, den japanischen Kapitän zu interviewen.

Reporter: Makoto Hasebe vom VfL Wolfsburg, Glückwunsch zu einem wirklich beeindruckenden Sieg. Haben Sie gestern noch Freistöße trainiert?

Hasebe: Nein nein nein. Ich freue mich sehr.

Ist das die beste japanische Mannschaft, die wir seit 2002 sehen?

Unsere Mannschaft ist die beste, äh, äh ...

... seit langem?

Ja.

Was hat letztlich den Ausschlag gegeben, dass Sie die Dänen quasi überrollt haben, mit 3:1 am Ende?

Unglaublich.

Ich glaube, das reicht an Worten.

Übrigens hat auch Ailton noch Jahre nach seinem Absturz vom Torschützenkönig zum Dschungelcamp-Deppen die knappe Rhetorik seines ersten Berufes nicht verlernt. Er bewies das in diesem Jahr nach dem Ausscheiden aus dem RTL-Camp im Dialog mit einem Boulevardblatt.

Reporter: Du bist enttäuscht, oder?

Ailton: Ja, bissi schade. Die letzte drei Tag ich hab gut motivier für die Final. Jetzt Ailton is ei bisse trau. Ich Fans gesagt: „Rufi an – bitte wirklich.“ Und dann rufi nicht an. War kalt Dusch!

Was machst du jetzt?

Wiege vier Kilo, ich denke, weniger. Rufi an Thomas Schaaf jetzt. Trainer in Werde Breme. Ailton topfit nach Breme zurück. Haha. Wille spiele! Und gewinne! Du wisse: Ailton immer gewinne. Immer!“

Thomas Schaaf allerdings lässt sich nicht so leicht in Gespräche verwickeln – eines der Geheimnisse seiner Langlebigkeit im Trainergeschäft. Ein TV-Klassiker aus dem Jahr 2007:

Reporter: Dass Andi Reinke heute gespielt hat, ist ein Indiz wofür?

Schaaf: Dafür, dass er heute gespielt hat.

Und darüber hinaus?

Dass er einer unserer Torhüter ist.

Das ist aber noch keine Entscheidung für die Saison, sehe ich das richtig?

Das ist richtig.

Eine etwa temperamentvollere Methode, ein Gespräch abzukürzen, fand Iker Casillas, der spanische Torwart, nach dem gewonnenen WM-Finale 2010. Er küsste kurzerhand die Interviewerin. Es war seine Freundin, die Radioreporterin Sara Carbonero.

Noch schneller auf den Punkt kommt allerdings der Mann, der heute zu Recht als Fixstern des Fußballs gilt. Denn er findet nicht nur am Ball, auch am Mikrofon die kürzesten Wege. Als Lionel Messi 2010 vor einem Spiel mit dem FC Barcelona erfuhr, dass ihm die hässliche, an ein Lkw-Ersatzteil erinnernde Trophäe irgendeines Fernsehsenders überreicht werden sollte, reagierte er souverän. Die Anmoderation am Spielfeldrand wartete er noch kurz ab und schlug dann, als der Reporter sich ihm hoffnungsfroh zuwandte, blitzartig zu. Bevor der Mann seine erste Frage über die Lippen bekam, hatte Messi die Trophäe gegriffen, ein kurzes „Gracias“ gerufen und war verschwunden.

So gehen wirklich kurze Interviews. Ein-Wort-Interviews. Da kann der geschwätzige Landsmann Tevez noch viel lernen.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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