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Eichlers Eurogoals „Ich bin der König der Idioten“

 ·  Die Zeit der „Sonnenkönige“ im deutschen Fußball ist vorbei. Zum Glück gibt es südlichere Gefilde. Dort reiten Präsidenten auf Elefanten durch die Stadt, reden reichlich Unsinn - und geben sich selbst einen Vertrag als Mittelstürmer.

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© picture-alliance / dpa Mit dem Gehabe eines Großfürsten : Günter Eichberg (Mitte) mit Sänger Heino und dessen Frau

Von Florian Homm stammt eine der originellsten beruflichen Empfehlungen des 21. Jahrhunderts: „Wenn ich schon für ein Arschloch arbeite, dann am liebsten für mich selbst.“ Und einer der blödesten Buchtitel: „Wie ich in Venezuela niedergeschossen wurde, während ich versuchte, Borussia Dortmund zu retten“. Es war der Untertitel seiner auf der fünfjährigen Flucht vor Gläubigern und Strafverfolgern geschriebenen Memoiren „Kopf Geld Jagd“.

Der gern wie eine gelackte Filmkopie von Michael Douglas alias Gordon Gekko in „Wall Street“ auftretende Hedge-Fonds-Manager, der Anleger um rund 150 Millionen Euro geprellt haben soll, war 2004 mit 20 Millionen Euro als Großaktionär bei der ruinös heruntergewirtschafteten Borussia eingestiegen. Womöglich wäre ohne dieses Geld die Dortmunder Rettung von 2005 und das Meistermärchen der Jahre 2011 und 2012 nie möglich geworden.

Das nützt ihm nun aber auch nichts, seit er am Freitag bei einem Besuch der Uffizien, des berühmten Kunstmuseums von Florenz, verhaftet wurde. Das Gericht, das über ihn urteilen wird, sitzt nicht in Dortmund, sondern voraussichtlich in Los Angeles. Vor der amerikanischen Justiz, die Homms Auslieferung fordert, droht ihm eine Haftstrafe von bis zu 75 Jahren.

In der furchtbar solide gewordenen Bundesliga, die sich zum Fünfzigsten im Glanze ihres Erfolges sonnt, ist die Verhaftung Homms eine kleine Erinnerung daran, wie nah das Seriöse und das Unseriöse in diesem Geschäft beieinander liegen können. Und damit auch das Lustige und das Langweilige, das Barocke und das Buchhalterische. Denn jeder Gewinn an finanzieller Transparenz und demokratischer Grundordnung in Fußballvereinen ist zugleich ein Verlust an Unterhaltungswert, wie ihn einst die „Sonnenkönige“ des deutschen Fußballs boten.

Leute wie Günter Eichberg, der keine fünf Jahre als Präsident brauchte, um Schalke 04 fast zu ruinieren und sich selber mit dem Gehabe eines Großfürsten zu profilieren – etwa als er die von ihm verpasste Trauerfeier für die Klublegende Ernst Kuzorra einfach wiederholen ließ.

Oder wie Karl-Heinz Wildmoser, der in zwölf Jahren als präsidialer Potentat den TSV 1860 München finanziell und personell so sehr zerrüttete, dass der Traditionsklub heute von den Launen und Schecks eines neureichen Jordaniers abhängig ist.

Oder wie Erhard Goldbach, der in den siebziger Jahren Westfalia Herne in die zweite Bundesliga brachte, wofür er einkassierte Mehrwertsteuer aus seiner Tankstellenkette zweckentfremdete – Resultat: Geld weg, Lizenz weg, zwölf Jahre Haft für den „Ölkönig von Wanne-Eickel“.

Zum Glück gibt es Südeuropa, das Rückzugsrevier der guten alten Fußball-Sonnenkönige. Auf dem Thron dieser Gattung saß 16 Jahre und 26 Trainerentlassungen lang der 2004 gestorbene legendäre Jesús Gil y Gil. Der Baulöwe, der wegen einstürzender Neubauten mit 58-facher Todesfolge im Gefängnis saß, ehe ihn Diktator Franco begnadigte und der sich später einen Flugzeugträger kaufte, krönte seine Zeit als Präsident von Atlético Madrid, als er während der Parade zur Feier der spanischen Meisterschaft 1996 auf einem Elefanten durch Madrid ritt.

Sein würdiger Nachfolger ist Gigi Becali, der Eigentümer von Steaua Bukarest, der in 11 Jahren auf 14 Trainerentlassungen kommt (eine davon in der Halbzeitpause). In einem seiner Häuser ließ er ein Fresko von sich als Jesus mit seinen Spielern als Apostel nach dem Vorbild von Leonardos „Letztem Abendmahl“ anlegen. Vor dem Europa-League-Spiel gegen Ajax Amsterdam sagte er ein Abendessen mit dem Ajax-Präsidenten mit der Begründung ab: „Warum soll ich an seinem Tisch sitzen? Er trägt Schuhe für 200 Euro. Meine kosten 4000.”

Aber manchmal drückt der Schuh auch Milliardäre. Die ganze Macht (und Ohnmacht) balkanischer Potentaten zeigte am vergangenen Donnerstag eine Spezialkamera beim 1:0-Sieg von Steaua über Chelsea in der Europa League. Becali fand in der zweiten Halbzeit, dass Mittelfeldspieler Mihai Pintili sofort ausgewechselt werden musste, weil er am Rande einer Gelb-Roten Karte operierte. „Der Pate“, wie man ihn nennt, griff zum Telefon, das fest an seinem Tribünenplatz installiert ist, um seinen Befehl durchzugeben. Doch – keine Verbindung.

Sofort wurde der Vordermann instruiert, Klubgeschäftsführer Valeriu Argaseala. Der sprang sofort auf, um die Befehlskette persönlich in Gang zu setzen. Allerdings durfte er, unten angekommen, nicht in den Innenraum. Über den wachte bei diesem Spiel nicht irgendein Becali-Lakai, sondern ein Steward der Uefa.

Verzweifelt redete Argaseala auf ihn ein, malte sich wohl schon aus, welche Art der Todesstrafe ihn erwartete, wenn er zum Boss mit den Worten zurückkäme: „Die haben mich nicht durchgelassen.“ Zum Glück bemerkte ihn Sportdirektor Marius Ianuli. Er eilte herbei, wurde instruiert, gab es weiter an den Manager Mihai Stoica, der endlich Trainer Laurentiu Reghecampf über die Order von oben informierte – die dieser inzwischen schon aus eigenem Antrieb ausgeführt hatte.

Als Trainer muss man halt manchmal Gedanken lesen können. Das war wohl Glück für Reghecampf, den man in Deutschland aus seinen acht Jahren im Mittelfeld von Energie Cottbus und Alemannia Aachen kennt. Wer es nicht tut, kommt rasch in Unannehmlichkeiten, wie jene drei Autodiebe, deren Wahl 2009 dummerweise auf eine der Luxuskarossen Becalis gefallen war. Weil er die drei deshalb entführen und übel zurichten ließ, wurde Becali zu drei Jahren verurteilt, natürlich nur auf Bewährung. Er nannte die Strafe einen „Verstoß gegen meine Menschenrechte“.

Nummer zwei in der europäischen Sonnenkönigs-Thronfolge ist Louis Nicollin, Präsident des französischen Meisters HSC Montpellier. Am Montag sagte der massige Müllunternehmer keinem Geringeren als Diego Maradona ab, der sich für den Trainerposten beworben hatte. Begründung: Er habe „die Schnauze voll“ von Maradonas Managern. „Es gibt sieben davon, und nun ist ein achter hinzugekommen“.

Damit hat Maradona noch die deutlich höflichste Seite des Dreizentnermannes kennengelernt. Den Spieler Mapou Yanga-Mbiwa, der zu Newcastle United wechselte, nannte er einen „Arsch“. Seine Mitarbeiter, die ihn vor einem Jahr von der Verpflichtung André-Pierre Gignacs abbrachten, beschimpfte er als „Idioten“. Und sich selbst? „Ich bin der König der Idioten.“

Dazu passt der schöne Satz von Claudio Lotito, dem Präsidenten von Lazio Rom, dessen Klub das Rückspiel der Europa League gegen den VfB Stuttgart am Donnerstag (21.05 Uhr / Live im Europa-League-Ticker bei FAZ.NET) vor leeren Rängen ausspielen muss – weil Lazio-Hooligans zuletzt Fans aus Mönchengladbach mit Messern angegriffen hatten. Lotitos Kommentar: „Die Mutter aller Idioten ist immer schwanger“.

Platz drei unter den Sonnenkönigen gebührt aber nicht ihm, sondern einem Kollegen, von dem Lotito sagt, er sei „der verzweifeltste Mann Italiens“: Maurizio Zamparini, der in 13 Jahren als Chef von USC Palermo 27 Trainer verbraucht hat. Zuletzt entließ er nach nur drei Spielen Alberto Malesani und holte Gian Piero Gasperini, den er 19 Tage zuvor rausgeworfen hatte, zurück. Am Montag war schon wieder Dienstschluss für Gasperini, neuer Trainer der Woche ist nun Guiseppe Sannino, der das Team schon von August bis September trainieren durfte. Zamparinis Meinung von sich selbst: „Die Menschen in Palermo lieben mich.“

Aber es gibt auch anderswo aufstrebende präsidiale Talente. Zum Beispiel Christian Constantin, Präsident des FC Sion in der Schweiz, der als Trainer Nummer 29 in zehn Jahren den Spieler Gennaro Gattuso ernannte – seitdem: zwei Spiele, zwei Niederlagen.

Oder Zdravko Mamic, Eigentümer von Dinamo Zagreb, der zu Journalisten gern sagt, er werde sie „prügeln wie Esel“, sie manchmal aber auch in höhere Einblicke einweiht: „Ich höre ständig Stimmen, die Stimme Gottes, die Stimme der Jungfrau Maria. Aber noch nie habe ich eine Stimme gehört, die sagte, dass Dinamo einen besseren Eigentümer brauche.”

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Sehr originell auch Juan Anguix, der Vizepräsident des spanischen Zweitligavereins FC Elche, der eine Pressekonferenz von Präsident José Sepulcre unterbrach, indem er ihn „einen Lügner“ nannte und ankündigte: „Wenn das vorbei ist, werde ich dich töten“. Er erklärte später: „Diese Worte wurden fehlinterpretiert und aus dem Kontext gerissen.“

Der innovativste Fußballpräsident der Gegenwart aber kommt aus Ecuador. Oder kam, muss man leider sagen. Denn Jaime Estrada trat vor kurzem als Präsident des Erstligaklubs FC Manta zurück. Seine letzte Amtshandlung: Er gab sich selber einen Vertrag als Mittelstürmer.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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