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Eichlers Eurogoals Herzen wie beim Heiratsantrag - nach einem Tor

01.02.2010 ·  Die Assistenz ist eine unterschätzte Kunst. Madrids Guti bewarb sich für die „Vorlage des Jahres“. Auch in Manchester zeigte ein Spieler zielgerichtete Trick-Kunst. Gute Assistenten braucht auch John Terry vom FC Chelsea - nach einer Affäre.

Von Christian Eichler
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Die Assistenz ist eine unterschätzte Kunst. Assistent Harry wurde vorwiegend als Chauffeur von Oberinspektor Derrick wahrgenommen, der eine klärte die Morde auf, der andere holte den Wagen. Assistent Rainer tauchte öffentlich nur mit jenen anderthalb Sätzen auf, durch die er zu Beginn der zweiten Halbzeit von Länderspielen die wichtigsten Maßnahmen seines Chefs Berti der Nation mitteilte (ein Ritual, das er seinen Nachfolgern vererbt hat).

Der Assistenztrainer ist für viele Laien nicht mehr als ein Hütchenaufsteller, während der Assistenzarzt gar zum Sinnbild der vom System ausgebeuteten Fachkraft wurde. Der Assistent, er ist die Randfigur der öffentlichen Wahrnehmung, der Ausputzer der Leistungs- und Geltungs-Gesellschaft. Dabei weiß jeder, der darüber nachdenkt: Ohne ihn ginge nichts.

Auf dem Fußballplatz ist man mit dieser Erkenntnis weiter. Immer öfter zählt man inzwischen nicht nur die Tore, die ein einzelner erzielt. Sondern auch, wie seit je im Eishockey, die „Scorerpunkte“, also Tore plus Torvorlagen; oder, wie es im nicht nur im anglophilen Schweizer-Sportdeutsch mittlerweile oft heißt: Tore plus „Assists“. Assist, das ist natürlich ein unschöner Anglizismus. Andererseits hat der der gutdeutsche „Vorlagengeber“ einen eher glanzlosen Beiklang. Er hört sich nicht nach Spektakel, sondern Verwaltungsvorgang an; nach einem Kleinbeamten, der tagein, tagaus „Vorlagen“ bearbeitet, die nicht in Tornetzen, sondern in Aktenschränken enden.

Guti ist aktueller Favorit für die „Vorlage des Jahres“

Der Vorlagengeber auf dem Platz dagegen ist einer, dessen Idee, Vision und auch soziale Kompetenz (nämlich die Fähigkeit, abzugeben) zunehmend als Erfolgsgrundlage erkannt werden - so wie die von Zvjezdan Misimovic, dessen Vorlagen Wolfsburg in der letzten Saison zum Meister machten. Immer seltener sieht man auf Europas Plätzen jene Egomanen des Torjubels, die sich (wie Filippo Inzaghi) wie Helden für einen Treffer feiern lassen, für den ein anderer die oft viel schwerere Assistenz geleistet hat.

So herzte Karim Benzema am Samstag in La Coruna seinen Kollegen Guti, als wolle er ihm einen Heiratsantrag machen. Beide waren sie verliebt - in das Tor, das sie gemeinsam fabrizierten. Vor dem herausstürzenden Torwart hatte Guti den Ball mit der Hacke auf Benzema zurückgelegt und so die gesamte Verteidigung ausmanövriert. Mit seiner Reaktion nach dem 2:0 (Endstand 3:1) zeigte Benzema, dass für ihn Gutis Blind-Vorlage der Favorit für die leider noch nicht existierende Auszeichnung als „Vorlage des Jahres“ ist.

Auch der zweite Favorit trägt, wie Guti, passenderweise einen Künstlernamen: Nani. Das ist jener 25-Millionen-Euro-Mann von den Kapverdischen Inseln, der in zweieinhalb Jahren bei Manchester United vorwiegend durch fruchtlose Tricks aufgefallen war, dazu durch akrobatischen (aber seltenen) Torjubel und gelegentlich durch Teil-Entblößung eines Astral-Oberkörpers mit dem rekordverdächtigen Fettanteil von vier Prozent.

Ohne Cristiano Ronaldo blühen plötzlich andere auf

Gegen Cristiano Ronaldo kam er mit alldem nicht an, der hatte all das auch und noch viel mehr. Nun aber ist der portugiesische Landsmann in Madrid, und Nani blüht auf. Zum ersten Mal hat er fünf Spiele am Stück in der Startelf des englischen Meisters bestritten und dabei bewiesen, dass er nicht nur ein Varietékünstler am Ball sein kann, sondern etwas Besseres: ein perfekter Assistent. Und dadurch der entscheidende Mann in Spitzenspielen, wie nun beim 3:1-Sieg bei Arsenal.

Das 1:0 war ein kleiner Musterkasten der nicht selbstgefälligen, sondern zielgerichteten Trick-Kunst: erst ein rechtwinkliger Richtungswechsel mit Hackentrick durch zwei Verteidiger hindurch, dann ein Antritt mit Körpertäuschung, der den dritten stehen ließ, schließlich eine gechipte Flanke, die Torwart Almunia in höchster Not vor zwei United-Spielern nur noch ins eigene Tor bugsieren konnte.

Rooney und Nani teilen sich Ronaldos Kernkompetenzen

Beim 2:0 befreite sich United nach einer Arsenal-Ecke blitzartig aus dem eigenen Strafraum, fand als zweite Konter-Station Nani, dessen Timing abermals perfekt war: Erst ein Spurt, dann ein kurzes Verschleppen, bis Wayne Rooney in den Strafraum gestoßen war, dann das präzise Anspiel in den Fuß. Der Direktschuss aus dem Lauf war Rooneys hundertstes Premier-League-Tor, das zwanzigste allein in dieser Saison - er hat damit schon nach 24 Spieltagen mehr Treffer erzielt als der letzte Torschützenkönig, Nicolas Anelka, nach 38.

Rooney und Nani, beide standen sie ein wenig im Schatten von Cristiano Ronaldo, dieser einmaligen Kombination aus Trickser, Tempodribbler und Torjäger. Nun, ohne ihn, teilen die beiden Ronaldos Kernkompetenzen fein unter sich auf. Der Serienmeister, der eine glanzlose erste Halbsaison spielte, beginnt nun wieder guten, schnellen Fußball zu spielen und sitzt Chelsea im Nacken.

Terry braucht nach einer Affäre nun gute Assistenten

Dazu hat der Tabellenführer auch das Privatleben seines Kapitäns John Terry am Bein. Terry versuchte in der vergangenen Woche vergeblich, vor Gericht die Veröffentlichung seiner Affäre mit der Freundin des damaligen Klub- und heutigen Nationalteam-Kollegen Wayne Bridge zu verhindern. Nun ist der Skandal da, und der britische Sportminister fragt, ob so jemand noch zum Kapitän der Nationalelf tauge.

Terry antwortete auf seine Weise und köpfte das 2:1-Siegtor in Burnley. Die Gattin aber gab auch eine Antwort und verabschiedete sich mit den Kindern nach Dubai. Sie soll einen Scheidungsanwalt beauftragt haben. Es sieht aus, als brauche Terry nun gute Assistenten.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. Für FAZ.NET fasst er in einer wöchentlichen Kolumne seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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