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Eichlers Eurogoals Große Depression in Old Trafford

24.10.2011 ·  Sechs Gegentore zu Hause, das hatte es für Manchester United seit der Großen Depression nicht gegeben. Und nun verliert das Ferguson-Team 1:6 im Derby gegen City.

Von Christian Eichler
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Der Sir hat schon allerlei erlebt in 37 Trainerjahren mit 48 gewonnenen Titeln. Aber das 2062. Spiel seiner Laufbahn, drei Monate vor seinem 70. Geburtstag, war dann doch etwas, das auch den erfolgreichsten Klubtrainer der Welt fassungslos machte. „Es ist das schlimmste Resultat in meiner Karriere“, sagte Alex Ferguson, und sein abgehackter schottischer Akzent war noch schwerer zu verstehen als sonst. Die Miene des Maestros war versteinert, denn es war der sportliche Super-Gau passiert – eine Demütigung im Derby gegen Manchester City. „Selbst als Spieler habe ich nie 1:6 verloren. Ich kann dieses Ergebnis nicht glauben. Es war der schwärzeste Tag, den wir je hatten.”

Sechs Gegentore daheim im Old Trafford, das hatte es für Manchester United nicht mehr seit der Großen Depression von 1930 gegeben. Und wenn man Roberto Mancini, dem Trainer des neureichen Rivalen City, glaubt, dann wird es das so schnell auch nicht wieder geben. „United ist zu stark, um sich davon zurückwerfen zu lassen“, sagte der Italiener höflich. „Sie sind uns immer noch einen Schritt voraus. Wir können das nur ändern, indem wir den Titel gewinnen.“ Dazu haben sie nun beste Voraussetzungen geschaffen, denn mit 25 von 27 möglichen Punkten liegt City nun bereits fünf Zähler vor Titelverteidiger United.

„Warum immer ich?“

Der entscheidende Mann für den historischen Erfolg war der vielleicht schwierigste Kicker der Gegenwart – schwierig für seine eigenen Leute, für Kollegen, Trainer, Klubführung, aber eben auch, wenn der Kopf einmal klar ist, für die Gegner. „Warum immer ich?“, stand auf dem Unterhemd, das Mario Balotelli nach seinem Treffer zum 1:0 auf Kosten einer Gelben Karte entblößte. Ja, warum immer er?

Bei Inter Mailand hatte es sich der 21-jährige Italiener mit ghanaischen Wurzeln am Ende mit allen verscherzt, erst recht mit den Fans, nachdem er sich aus Jux im Trikot des Ortsrivalen AC Mailand hatte fotografieren lassen. Bei Manchester City, das ihn vor einem Jahr für 29 Millionen Euro kaufte, tat sich der Stürmer in seiner ersten Saison vor allem dadurch hervor, dass er zwei Rote Karten erhielt und mit Dartpfeilen auf Jugendspieler warf.

„Er ist verrückt. Aber ich liebe ihn“

Und noch einen Tag vor dem Manchester-Derby, dem wichtigsten Spiel der Saison, hatte sich Balotelli wieder einmal selber zur Witzfigur gemacht, als die Feuerwehr anrücken und sein Badezimmer löschen musste. Dort hatten Balotelli und vier Freunde in der Nacht zum Samstag Feuerwerkskörper aus dem Fenster starten lassen. Erst fingen die Handtücher Feuer, dann der ganze Raum, schließlich die erste Etage.

Die Feuerwehr brauchte über eine Stunde, um den Brand unter Kontrolle zu bringen. Der Schaden war beträchtlich. Balotelli soll ihn laut Augenzeugen allerdings dadurch verringert haben, dass er noch einmal ins brennende Haus stürmte und Bargeld sowie einen Koffer rettete. Er hatte Glück. Er kam ohne Verletzung oder Rauchvergiftung davon. Und fand Verständnis bei seinem Trainer. „Es ist Mario. Er ist verrückt. Aber ich liebe ihn, weil er ein guter Kerl ist.“

So ließ Mancini, zuletzt leidgeprüft durch das Zerwürfnis mit Carlos Tevez über dessen Arbeitsverweigerung beim Champions-League-Spiel bei Bayern München, den Landsmann trotz der nächtlichen Zündelei aufs Feld. Und dort bewies Balotelli, dass er auch gegnerische Abwehrreihen unter Feuer setzen kann. Er schoss die ersten beiden Tore und wurde an einem dritten nur gehindert durch das Foul des überforderten Verteidigers Johnny Evans, der dafür vom Platz musste. Das bescherte United eine fast komplette zweite Halbzeit in Unterzahl – es wurde die peinlichste der gesamten Klubgeschichte.

Sechs Tore in den letzten fünf Spielen hat Balotelli erzielt, Mancini scheint ihn augenblicklich gezähmt zu haben. „Ich hoffe für ihn und für den Fußball, dass wir den Tag erleben, an dem Mario seine Mentalität vollständig ändert, denn dann wäre er einer der drei besten Spieler der Welt, neben Messi und Cristiano Ronaldo.” (Wie weit dieser Weg aber selbst für einen mental runderneuerten Balotelli wäre, zeigte am Samstag Ronaldo mit seinen drei Toren beim 4:0-Sieg mit Real Madrid in Malaga, darunter einem zauberhaften Volleyschuss per Hacke – und zeigt normalerweise auch Messi an jedem Wochenende, nur gerade an diesem nicht, als er einen Elfmeter verschoss und mit Barcelona nur 0:0 gegen Sevilla spielte).

Am Ende übertrieb das Resultat von 1:6 den wahren Unterschied der beiden Teams aus Manchester allerdings deutlich - durch drei City-Treffer in den letzten vier Minuten. Zwei davon schoss der eingewechselte Edin Dzeko, einen der überragenden Spielmacher David Silva. Da hatte United schon abgeschaltet, so wie es der alte Rivale FC Arsenal bei seiner 2:8-Niederlage im September im Old Trafford getan hatte, als die Londoner am Ende völlig auseinanderfielen.

Nach der höchsten Heimniederlage seit 1955 für United beklagte Ferguson die „selbstmörderische“ Art, in der sein Team auch in Unterzahl noch rettungslos offensiv agiert hatte. „Wir griffen immer weiter an, dabei hätten wir besser sagen sollen: Ist nicht unser Tag. Unsere beiden Außenverteidiger spielten wie Flügelstürmer. Manchmal standen wir dann hinten mit zwei Verteidigern gegen drei Angreifer. Das war selbstmörderisch, verrückt.“

Während die Fans der Roten ihr eigenes Stadion längst verlassen hatten, feierten die Fans der Blauen dort bis weit nach Schlusspfiff einen historischen Tag – und das Ende einer Serie: Seit 37 Heimspielen in der Premier League hatte United nicht mehr verloren, die letzten 19 davon allesamt gewonnen. Da war es nur ein schwacher Trost für den Meister, dass er immer noch den zweiten Platz behauptete, weil Chelsea beim 0:1 bei Aufsteiger Queens Park Rangers über seinen Mangel an Disziplin mit zwei frühen Roten Karten für Bosingwa und Drogba stolperte.

Anfänglich hatte Ferguson die Herausforderung durch den neureichen Lokalrivalen City nach dessen Übernahme durch die spendablen Scheichs aus Abu Dhabi als “reines Gerede” abgetan. Dann äußerte er seine Geringschätzung, als er City als „noisy neighbours“ bezeichnete, als lärmende Nachbarn. Doch dann besiegte City den Rekordmeister im Pokalhalbfinale im April und holte sich den Cup. Und nach diesem unglaublichen 6:1-Sonntag fiel in Englands Medien schon das Wort vom „Machtwechsel“. Der laute Nachbar ist still und heimlich dabei, die neue Macht im englischen Fußball zu werden.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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