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Veröffentlicht: 04.02.2013, 14:15 Uhr

Eichlers Eurogoals Gosse, Knast oder Tod

Paul Gascoigne war der Mann, der den Engländern die Freude am Fußball zurückgab. Heute erinnert er an George Best in seinen schlechtesten Zeiten. Eichlers Eurogoals über die irritierende Verherrlichung des Alkohols im englischen und das Totschweigen im deutschen Fußball.

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© dpa Englands trauriger Fußballheld: „Er hat wieder getrunken. Er braucht sofortige Hilfe“

Was Terry Baker vergangene Woche tat, passte ganz und gar nicht ins übliche Image eines Fußball-Agenten: Er setzte einen Hilferuf ab. Nicht für sich, sondern für einen Klienten, der ihm schon lange keine großen Provisionen mehr einbringt, nur große Probleme. „Er hat wieder getrunken. Er braucht sofortige Hilfe“, sagte Baker. Und fragte sich zugleich, ob es nicht schon zu spät ist. „Sein Leben war immer in Gefahr. Vielleicht kann ihn niemand retten.“

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Es geht um Paul Gascoigne. Das ist nicht irgendein Fußballer. Er ist der Mann, der den Engländern nach den tristen 80er Jahren, den Misserfolgen des Nationalteams, den Hooligans, den Katastrophen von Heysel und Hillsborough, die Freude am Fußball zurückgab. Das geschah 1990, bei der WM in Italien, als der junge Mittelfeldspieler mit einer ganz neuen Mischung aus Genie und Spaßvogel England fast zum WM-Titel geführt hätte – wäre da nicht das Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Deutschland gewesen. Er vergoss danach bittere Tränen, und seitdem hegen die Engländer eine große, melancholische, fast zärtliche Zuneigung für diesen Burschen, der nie wirklich erwachsen wurde.

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Am Donnerstag trat er als Redner bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Northampton auf. Es wurde ein schockierender Auftritt. Aus dem barocken Kopf, der nicht wie der eines 45-Jährigen, sondern eines 60-Jährigen wirkte, stierten zwei glasige Augen, aus dem Mund lallten bruchstückhafte Sätze. Der ausgezehrte Körper zitterte.

Erinnerungen an George Best

Gordon Taylor, der Chef der englischen Spielergewerkschaft, fühlte sich davon ungut erinnert an George Best, den größten Dribbler des britischen Fußballs, der schon während seiner kurzen glorreichen Zeit bei Manchester United schwerer Alkoholiker war nach mehreren Entzugsprogramme und einer Lebertransplantation im Alter von 59 Jahren starb. „Wir haben ihn bereits auf jede mögliche Weise unterstützt, mit Rehabilitation in verschiedenen Kliniken, mit medizinischer Hilfe“, sagt Taylor über Gascoigne. „Es geht mit ihm einen Schritt vorwärts und zwei zurück.“

Kopie von bfb gazza 1996 © AP Vergrößern Die berühmten Tränen nach dem Ausscheiden im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1990 gegen Deutschland

Gascoignes neuerlicher Absturz ist eine irritierende Erinnerung an die Zeit der Verherrlichung des Alkohols im englischen Fußball. Dort galt die Schluckfähigkeit lange Zeit als eine Art Persönlichkeitstest für die Verwendbarkeit in der Mannschaft. Ehe er 1998 wegen des Alkohols aus dem englischen WM-Kader flog, hatte Gascoigne von seinem großen Helden Bryan Robson geschwärmt: „Er ist der einzige Spieler, den ich je traf, der 16 Pints trinken und immer noch am nächsten Tag Fußball spielen konnte.“ 16 Pints, das sind fast neun Liter. Später, beim FC Middlesborough, schickte Robson, inzwischen Trainer, den Spieler Gascoigne in eine Entzugsklinik.

Es war die Zeit, als die Premier League in Sachen Alkohol bereits einen sehr notwendigen Bewusstseinswandel erlebte, vor allem durch den Nationalmannschafts-Kapitän Tony Adams, der seinen Alkoholismus und den Kampf dagegen in einem Buch beschrieb, das zum Bestseller wurde. 2000 gründete er eine Klinik für suchtkranke Sportler. Der Psychologe, der Adams behandelte, prophezeite Gascoigne damals drei Möglichkeiten, sollte er sein Leben nicht ändern: „Er landet in der Gosse, er landet im Knast, oder er erlebt seinen 40. Geburtstag nicht.“

Der Ex-Alki soff bald wieder

2001 präsentierte sich Gascoigne als geläuterter Ex-Alki. Doch die Karriere schmierte ab, er landete auf der Ersatzbank in der ersten Liga, spielte ohne Erfolg in Neuseeland und Amerika vor, landete am Ende in der zweiten chinesischen Liga, in Lanzhou, der schmutzigsten Stadt der Welt. Und soff bald wieder. Als WM-Experte 2002 bescherte er dem Fernsehsender ITV eine Hotelgetränkerechnung von 9869,62 Pfund, plus 281 aus der Minibar. Bald kamen wieder die vertrauten Berichte von abendlichen Barbesuchen, die wie ein Kampf gegen das Alleinsein klangen – Rotwein, 200 Pfund die Flasche, für alle, die in der Nähe sind. Einmal schlief er im Suff auf der Toilette ein, die Hand auf der Heizung. Am Morgen war sie voller Brandblasen.

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