Was Terry Baker vergangene Woche tat, passte ganz und gar nicht ins übliche Image eines Fußball-Agenten: Er setzte einen Hilferuf ab. Nicht für sich, sondern für einen Klienten, der ihm schon lange keine großen Provisionen mehr einbringt, nur große Probleme. „Er hat wieder getrunken. Er braucht sofortige Hilfe“, sagte Baker. Und fragte sich zugleich, ob es nicht schon zu spät ist. „Sein Leben war immer in Gefahr. Vielleicht kann ihn niemand retten.“
Es geht um Paul Gascoigne. Das ist nicht irgendein Fußballer. Er ist der Mann, der den Engländern nach den tristen 80er Jahren, den Misserfolgen des Nationalteams, den Hooligans, den Katastrophen von Heysel und Hillsborough, die Freude am Fußball zurückgab. Das geschah 1990, bei der WM in Italien, als der junge Mittelfeldspieler mit einer ganz neuen Mischung aus Genie und Spaßvogel England fast zum WM-Titel geführt hätte – wäre da nicht das Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Deutschland gewesen. Er vergoss danach bittere Tränen, und seitdem hegen die Engländer eine große, melancholische, fast zärtliche Zuneigung für diesen Burschen, der nie wirklich erwachsen wurde.
Am Donnerstag trat er als Redner bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Northampton auf. Es wurde ein schockierender Auftritt. Aus dem barocken Kopf, der nicht wie der eines 45-Jährigen, sondern eines 60-Jährigen wirkte, stierten zwei glasige Augen, aus dem Mund lallten bruchstückhafte Sätze. Der ausgezehrte Körper zitterte.
Erinnerungen an George Best
Gordon Taylor, der Chef der englischen Spielergewerkschaft, fühlte sich davon ungut erinnert an George Best, den größten Dribbler des britischen Fußballs, der schon während seiner kurzen glorreichen Zeit bei Manchester United schwerer Alkoholiker war nach mehreren Entzugsprogramme und einer Lebertransplantation im Alter von 59 Jahren starb. „Wir haben ihn bereits auf jede mögliche Weise unterstützt, mit Rehabilitation in verschiedenen Kliniken, mit medizinischer Hilfe“, sagt Taylor über Gascoigne. „Es geht mit ihm einen Schritt vorwärts und zwei zurück.“
Gascoignes neuerlicher Absturz ist eine irritierende Erinnerung an die Zeit der Verherrlichung des Alkohols im englischen Fußball. Dort galt die Schluckfähigkeit lange Zeit als eine Art Persönlichkeitstest für die Verwendbarkeit in der Mannschaft. Ehe er 1998 wegen des Alkohols aus dem englischen WM-Kader flog, hatte Gascoigne von seinem großen Helden Bryan Robson geschwärmt: „Er ist der einzige Spieler, den ich je traf, der 16 Pints trinken und immer noch am nächsten Tag Fußball spielen konnte.“ 16 Pints, das sind fast neun Liter. Später, beim FC Middlesborough, schickte Robson, inzwischen Trainer, den Spieler Gascoigne in eine Entzugsklinik.
Es war die Zeit, als die Premier League in Sachen Alkohol bereits einen sehr notwendigen Bewusstseinswandel erlebte, vor allem durch den Nationalmannschafts-Kapitän Tony Adams, der seinen Alkoholismus und den Kampf dagegen in einem Buch beschrieb, das zum Bestseller wurde. 2000 gründete er eine Klinik für suchtkranke Sportler. Der Psychologe, der Adams behandelte, prophezeite Gascoigne damals drei Möglichkeiten, sollte er sein Leben nicht ändern: „Er landet in der Gosse, er landet im Knast, oder er erlebt seinen 40. Geburtstag nicht.“
Der Ex-Alki soff bald wieder
2001 präsentierte sich Gascoigne als geläuterter Ex-Alki. Doch die Karriere schmierte ab, er landete auf der Ersatzbank in der ersten Liga, spielte ohne Erfolg in Neuseeland und Amerika vor, landete am Ende in der zweiten chinesischen Liga, in Lanzhou, der schmutzigsten Stadt der Welt. Und soff bald wieder. Als WM-Experte 2002 bescherte er dem Fernsehsender ITV eine Hotelgetränkerechnung von 9869,62 Pfund, plus 281 aus der Minibar. Bald kamen wieder die vertrauten Berichte von abendlichen Barbesuchen, die wie ein Kampf gegen das Alleinsein klangen – Rotwein, 200 Pfund die Flasche, für alle, die in der Nähe sind. Einmal schlief er im Suff auf der Toilette ein, die Hand auf der Heizung. Am Morgen war sie voller Brandblasen.
Es war wie ein Notruf, als Gascoigne damals in einem großen Interview von all seinen Abgründen sprach, von der zerrütteten Ehe, der Einsamkeit, den Obsessionen: zum Beispiel der, regelmäßig zurückzumüssen aufs Zimmer, nachschauen, ob Lichter gelöscht, Türen geschlossen, Handtücher gefaltet sind. Oder die Ess-Exzesse: Zeitweise schlang er sich morgens eine ganze Packung Cornflakes mit Milch und Zucker hinein, ehe sie der Magen wieder hinauswürgte; dann Tee, Toast, Training. Und immer wieder der Alkohol.
In Deutschland wurde immer nur getuschelt
So offen wie die Engländer Gascoigne und Adams hat bis vor kurzem kein früherer deutscher Nationalspieler über den Suff gesprochen, es wurde immer nur getuschelt. Horst Szymaniak zum Beispiel, hieß es, schloss sich bei der WM 1958 in die Toilette ein, um heimlich Steinhäger-Fläschchen zu kippen – das Leergut warf er aus dem Fenster. Helmut Rahn, der WM-Held von 1954, landete zweimal wegen Trunkenheit am Steuer im Gefängnis. Als er einmal auf seinen Trainer Rudi Gutendorf in dessen Haus wartete, soff er, um den Pegel zu halten, zu Gutendorfs Entsetzen dessen feinste Tropfen aus dem Weinkeller weg: Domtaler Eiswein 1949 und Trockenbeerenauslese Bernkastler Doktor.
Auch viele Trainer kompensieren den Druck ihrer Profession mit Promille, allen voran Branko Zebec, der 1980 nach einem volltrunkenen Auftritt beim Auswärtsspiel des HSV in Dortmund entlassen wurde. Der angesäuselte Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder, der in einem Bundesligaspiel 1975 nach 36 Minuten die erste Halbzeit abpfiff, verteidigte sich später für seine Getränkewahl: „Wir sind Männer und trinken keine Fanta.“ Und auf deutschen Fußballer-Brüsten wird seit jeher für Promillehaltiges geworben, von der ersten Trikotwerbung der Bundesliga, Eintracht Braunschweig mit Jägermeister, bis zum aktuellen Krombacher-Hemd von Eintracht Frankfurt. In den europäischen Wettbewerben ist das schon seit langem verboten, so dass Borussia Mönchengladbach 1996 Phantasie zeigen musste: Aus der Diebels-Reklame auf der Brust wurde im Uefa-Cup kurzerhand Diebels alkoholfrei.
„Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“
Der verlogenen Alkohol-Folklore des Fußballs hat vor kurzem der frühere Nationalspieler Uli Borowka deutliche Worte entgegengesetzt. In der Autobiographie „Volle Pulle“ schildert er sein „Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“. Etwa im März 1996: „Jetzt sitze ich hier auf einer dreckigen Matratze in meiner leeren Villa. Voll bin nur ich – und das nicht zu knapp. Habe einen Kasten Bier und vier Flaschen Wein gesoffen. Oder waren es fünf? Scheißegal!“ Borowkas Frau war, nachdem er sie im Rausch mit dem Kopf an die Wand geschlagen hatte, mit den Kindern ausgezogen, bis heute gibt es keinen Kontakt. Dass sein Sohn inzwischen geheiratet hat, erfuhr Borowka bei Facebook.
Die Karriere bei Werder Bremen endete mit einem Rausschmiss wegen des Alkohols. 2000 rief er in Geldnot seinen Freund Christian Hochstätter bei seinem alten Klub in Mönchengladbach an. Die Borussen besorgten ihm kein Geld – aber einen Platz in einer Suchtklinik. Nach vier Monaten war er trocken, weiß aber: „Ich bin bis an mein Lebensende gefährdet.“ Die Engländer seien den Deutschen beim offenen Umgang mit dem Alkoholproblem „um Lichtjahre voraus“, findet Borowka.
Für Gascoigne kam der Bewusstseinswandel auf der Insel aber wohl zu spät. Der frühere Kollege Gary Lineker, der 1990 im Halbfinale gegen Deutschland dem Trainer Bobby Robson mit einer berühmt gewordenen Geste bedeutete, Gascoigne auszuwechseln, weil der kurz vorm Durchdrehen stand, schrieb: „Ich kann nur hoffen, dass er irgendwie seinen Frieden findet. Aber ich fürchte, dass diese Hoffnung vergeblich ist.“