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Eichlers Eurogoals : Glückwunsch zum Fünfzigsten

Torjäger der Superlative: Messi traf in der aktuellen Saison in der spanischen Liga 50 Mal Bild: dapd

Der klein gewachsene Fußballkünstler Messi und die Torjäger der europäischen Topligen suchen den Erfolg in der Offensive. Doch in Italien wird eine Mannschaft mit defensiver Grundausrichtung Meister.

          Glückwunsch zum Fünfzigsten! Eine Gratulation, die bei Fußballern eher nach Beileidsbekundung klingt. Weil man als Fünfziger am Ball schon lange jenseits von Gut und Böse liegt. Beides gilt auch in diesem Fall: Dass es eine Beileidsbekundung ist, allerdings für einen anderen, für den Konkurrenten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Und dass der hier gefeierte Fünfziger jenseits von Gut und Böse liegt, ja jenseits von allem, was man sich im Fußball hat vorstellen können - jedenfalls seit den ruppigen alten Tagen des englischen Kopfballgenies Dixie Dean, der in der Meistersaison 1927/28 unglaubliche 60 Ligatore für den FC Everton erzielte.

          Es war eine Zeit, in der man noch etwas härter im Nehmen sein musste als heute. Das belegt die in der englischen Fußballfolklore überlieferte Geschichte jenes Verteidigers von Altrincham, der Dean androhte, es werde das letzte Tor seiner Karriere sein, sollte er es wagen, gegen ihn eins zu erzielen. Natürlich schoss Dean trotzdem ein Tor. Danach bekam er einen Tritt in den Unterleib und verlor einen Hoden. Das letzte Tor seiner Karriere war es trotzdem nicht. Er schoss noch weit mehr als 300.

          Prototyp des neuen Stürmers

          Lionel Messi hat nicht die bullige Statur und die Leidensfähigkeit, wie sie Angreifer zum Überleben im Strafraum brauchten, bis man sie in den 80er Jahren unter den nötigen Artenschutz zu stellen begann. Er hat das Glück, in eine andere Zeit geboren zu sein. Messi wurde zum Prototyp des neuen Stürmers, der nicht mehr den Strafraum besetzt, sondern ihn immer wieder neu erobert, aus der Tiefe des Mittelfelds, aus der fein verschachtelten Geometrie des FC Barcelona heraus.

          Angriffsfußball neu definiert: Messi (Nummer 10) und der FC Barcelona produzieren ein Tor nach dem anderen - Meister ist aber Real Madrid
          Angriffsfußball neu definiert: Messi (Nummer 10) und der FC Barcelona produzieren ein Tor nach dem anderen - Meister ist aber Real Madrid : Bild: dpa

          Dieser Klub hat Angriffsfußball neu definiert, nach Art eines Fechters, der den Ball wie die Klinge hin und her führt, den Gegner mit Richtungswechseln und Finten, Gegenattacken und Paraden so beschäftigt, bis sich eine kleine Trefferfläche öffnet. In die stößt es dann hinein, das Florett namens Messi.

          Für einen ganz anderen Spielertypus wurde einst der große Satz erfunden: „Und Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“. Aber das war Zeitlupenfußball, verglichen mit der Tempo-Tiefe eines Messi – keiner kam je mit einer solchen Kombination von Dynamik und Kontrolle aus dem Raum wie er.

          Eine winzige Formdelle

          Weil aber auch Messi nur ein Mensch ist, wird das beste Team der Welt mit dem besten Spieler der Welt am Ende der Saison weder als Meister noch als Champions-League-Sieger dastehen, denn eine winzige Formdelle von rund einer Woche reichte, um das entscheidende Spiel um den Titel gegen Real Madrid zu verlieren und im Sturmlauf gegen Chelsea auszuscheiden.

          Gegen Real bekam Messi keine Chance, gegen Chelsea vergab er sie reihenweise. Es sind Spiele, die über den Ertrag einer Saison entscheiden, doch aus historischer Betrachtung sind es nur Momentaufnahmen. Historisch sind: fünfzig Tore. Die vierzig Tore von Gerd Müller aus der Bundesliga der 70er Jahre schienen wie aus einer anderen Zeit, denn jahrzehntelang reichte danach oft die Hälfte davon, um die „Kanone“ zu gewinnen, nicht nur in Deutschland.

          Geknickter Ronaldo: Nach Messis „Viererpack“ war´s das wohl mit der Torjägerkanone in der Primera Division
          Geknickter Ronaldo: Nach Messis „Viererpack“ war´s das wohl mit der Torjägerkanone in der Primera Division : Bild: dpa

          In diesem Jahr werden Cristiano Ronaldo nicht mal 45 Tore oder sogar ein paar mehr reichen, um Torschützenkönig in Spanien zu werden. Denn Messi hat ihn auf der Zielgeraden mit vier Toren beim 4:0 im Derby gegen Espanyol abgehängt, mit seinen Ligatoren 47 bis 50. Es ist eine kleine Entschädigung dafür, dass Barcelona mit einer Punktausbeute von voraussichtlich 93, mit einer Tordifferenz von fast 90 und mit über 110 geschossenen Toren nur Platz zwei der Primera Division bekommen wird.

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