Home
http://www.faz.net/-gu2-6zot4
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eichlers Eurogoals Glückwunsch zum Fünfzigsten

 ·  Der klein gewachsene Fußballkünstler Messi und die Torjäger der europäischen Topligen suchen den Erfolg in der Offensive. Doch in Italien wird eine Mannschaft mit defensiver Grundausrichtung Meister.

Kolumne Bilder (5) Lesermeinungen (0)
© dapd Torjäger der Superlative: Messi traf in der aktuellen Saison in der spanischen Liga 50 Mal

Glückwunsch zum Fünfzigsten! Eine Gratulation, die bei Fußballern eher nach Beileidsbekundung klingt. Weil man als Fünfziger am Ball schon lange jenseits von Gut und Böse liegt. Beides gilt auch in diesem Fall: Dass es eine Beileidsbekundung ist, allerdings für einen anderen, für den Konkurrenten.

Und dass der hier gefeierte Fünfziger jenseits von Gut und Böse liegt, ja jenseits von allem, was man sich im Fußball hat vorstellen können - jedenfalls seit den ruppigen alten Tagen des englischen Kopfballgenies Dixie Dean, der in der Meistersaison 1927/28 unglaubliche 60 Ligatore für den FC Everton erzielte.

Es war eine Zeit, in der man noch etwas härter im Nehmen sein musste als heute. Das belegt die in der englischen Fußballfolklore überlieferte Geschichte jenes Verteidigers von Altrincham, der Dean androhte, es werde das letzte Tor seiner Karriere sein, sollte er es wagen, gegen ihn eins zu erzielen. Natürlich schoss Dean trotzdem ein Tor. Danach bekam er einen Tritt in den Unterleib und verlor einen Hoden. Das letzte Tor seiner Karriere war es trotzdem nicht. Er schoss noch weit mehr als 300.

Prototyp des neuen Stürmers

Lionel Messi hat nicht die bullige Statur und die Leidensfähigkeit, wie sie Angreifer zum Überleben im Strafraum brauchten, bis man sie in den 80er Jahren unter den nötigen Artenschutz zu stellen begann. Er hat das Glück, in eine andere Zeit geboren zu sein. Messi wurde zum Prototyp des neuen Stürmers, der nicht mehr den Strafraum besetzt, sondern ihn immer wieder neu erobert, aus der Tiefe des Mittelfelds, aus der fein verschachtelten Geometrie des FC Barcelona heraus.

Dieser Klub hat Angriffsfußball neu definiert, nach Art eines Fechters, der den Ball wie die Klinge hin und her führt, den Gegner mit Richtungswechseln und Finten, Gegenattacken und Paraden so beschäftigt, bis sich eine kleine Trefferfläche öffnet. In die stößt es dann hinein, das Florett namens Messi.

Für einen ganz anderen Spielertypus wurde einst der große Satz erfunden: „Und Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“. Aber das war Zeitlupenfußball, verglichen mit der Tempo-Tiefe eines Messi – keiner kam je mit einer solchen Kombination von Dynamik und Kontrolle aus dem Raum wie er.

Eine winzige Formdelle

Weil aber auch Messi nur ein Mensch ist, wird das beste Team der Welt mit dem besten Spieler der Welt am Ende der Saison weder als Meister noch als Champions-League-Sieger dastehen, denn eine winzige Formdelle von rund einer Woche reichte, um das entscheidende Spiel um den Titel gegen Real Madrid zu verlieren und im Sturmlauf gegen Chelsea auszuscheiden.

Gegen Real bekam Messi keine Chance, gegen Chelsea vergab er sie reihenweise. Es sind Spiele, die über den Ertrag einer Saison entscheiden, doch aus historischer Betrachtung sind es nur Momentaufnahmen. Historisch sind: fünfzig Tore. Die vierzig Tore von Gerd Müller aus der Bundesliga der 70er Jahre schienen wie aus einer anderen Zeit, denn jahrzehntelang reichte danach oft die Hälfte davon, um die „Kanone“ zu gewinnen, nicht nur in Deutschland.

In diesem Jahr werden Cristiano Ronaldo nicht mal 45 Tore oder sogar ein paar mehr reichen, um Torschützenkönig in Spanien zu werden. Denn Messi hat ihn auf der Zielgeraden mit vier Toren beim 4:0 im Derby gegen Espanyol abgehängt, mit seinen Ligatoren 47 bis 50. Es ist eine kleine Entschädigung dafür, dass Barcelona mit einer Punktausbeute von voraussichtlich 93, mit einer Tordifferenz von fast 90 und mit über 110 geschossenen Toren nur Platz zwei der Primera Division bekommen wird.

Vorab alles Gute zum Hundertsten

Denn Real Madrid ist uneinholbar, und sollte das Team die vorgezogenen Meisterfeiern bis Sonntag nüchtern hinter sich bringen und gegen Mallorca den 32. Saisonsieg schaffen (auch das wäre eine unglaubliche Bestmarke), gäbe es gleich noch einen historischen Rekord: ein dreistelliges Punktekonto. Vorab schon mal alles Gute zum Hundertsten.

Natürlich gibt es auch anderswo inzwischen großartige Knipser, allen voran aus holländischer Torproduktion, wie Klaas-Jan Huntelaar (29 für Schalke) und Robin van Persie (30 für Arsenal). Beide sind die vielleicht die noch „kompletteren“ Torjäger als Messi und Ronaldo. Die beiden Superstars aus Spanien profitieren erstens auch von den vielen Elfmetern, die ihre mächtigen Klubs bekommen (Messi erzielte 10 von 50 Toren per Elfmeter, Ronaldo 12 von 45).

Zweitens erzielen sie den Großteil ihrer Treffer mit dem jeweiligen Lieblingsfuß, Messi links, Ronaldo rechts. Van Persie dagegen, von seinem Trainer Arsène Wenger einst als „der linksfüßigste Spieler“ bezeichnet, den er je gesehen habe, hat das Kunststück geschafft, in dieser Saison der Premier League 13 Tore mit links und 13 mit rechts zu schießen.

Und Huntelaar brachte es, wenn man Liga, Pokal und Europa League zusammen nimmt, in jeder wichtigen Rubrik, Rechtsschuss, Linksschuss, Kopfball, auf eine zweistellige Anzahl von Treffern. Das hat kein anderer in Europa geschafft. Wäre man im NBA-Basketball, wäre der „Hunter“ also der einzige mit einem „triple double“.

Auch in Italien gibt es gute Jäger, allen voran Zlatan Ibrahimovic mit 29 Toren (davon 10 Elfmetern), dessen zwei Tore im Derby gegen Inter dem AC Mailand aber auch nichts nutzten. Denn Diego Milito, Bayern-Fans seit dem Champions-League-Finale 2010 in schlechter Erinnerung, schoss gleich drei, seine Tore 21 bis 23.

Inter gewann 4:2, Milan war aus dem Titelrennen. Und so kam es zu der Antithese unserer Behauptung, dass wir das Jahrzehnt der Torjäger erleben. Dank der Milan-Pleite feierte Juventus Turin seine erfolgreiche Neuerfindung nach dem freiwilligen Abstieg in den Korruptionssumpf der Serie A und dem erzwungenen Abstieg in die Serie B.

Die gute alte italienische Art

Die Machart des Erfolges erinnert an gute alte italienische Art: mit nur 19 Gegentoren in 37 Partien und mit 21 Zu-Null-Spielen des wieder erstarkten Torwart-Weltstars Gianluigi Buffon. Und vor allem: ohne Torjäger. Kein Juve-Spieler hat mehr als zehn Treffer erzielt. Auf diese Weise hat Juventus etwas Unglaubliches geschafft und in der gesamten Saison keines seiner 41 Spiele verloren: keins in der Liga, keins im Pokal, und nicht mal eins in Europa (was nicht so schwer war, weil man nicht dabei war).

Zwei Spiele noch, gegen Bergamo in der Liga und Neapel im Pokalfinale, dann wäre es eine Leistung für die Geschichtsbücher, die wir uns vorher genauso wenig hätten vorstellen können wie Messis Fünfziger: eine komplette Saison in Europas Spitzenfußball ohne eine einzige Niederlage in einem der Wettbewerbe. Messi steht für den Triumph der Offensive, Juve für den der Defensive. Man sollte nie vergessen, dass beides eine Kunst ist.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

Jüngste Beiträge

Umfrage

Wie halten Sie es mit dem Confed-Cup?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Umfrage

Wer war der beste Torwart der Rückrunde?

2338 Stimmen wurden abgegeben.

26%
Manuel Neuer (München)
12%
René Adler (Hamburg)
49%
Roman Weidenfeller (Dortmund)
10%
Kevin Trapp (Frankfurt)
3%
Marc-André ter Stegen (M’gladbach)
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen
Umfrage

Wer war Ihr Spieler der Rückrunde?

3171 Stimmen wurden abgegeben.

45%
Franck Ribéry
25%
Robert Lewandowski
25%
Bastian Schweinsteiger
5%
Mario Götze
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen