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Eichlers Eurogoals Geht es noch schlimmer?

 ·  Passiert nicht jedem im Arbeitsleben mal was richtig Blödes? Zum Glück guckt meistens keiner zu. Bei Fußballprofis ist das anders. Da gucken viele zu. Und wissen sogar ein Lied davon zu singen - über einen Pechvogel wie Jon Walters.

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© REUTERS Vergrößern Hängender Kopf nach dem Spiel: „Jon Walters, er trifft, wie er will“

Es gibt diese Tage, an denen man besser im Bett geblieben wäre. Aber dann doch zur Arbeit musste. Jon Walters hätte schon nach 23 Arbeitsminuten wissen können, dass er zumindest für diesen Tag die falsche Berufswahl getroffen hatte. In dieser Minute des Spiels Stoke City gegen den FC Chelsea versuchte er, einen Ball im gegnerischen Strafraum volley Richtung Tor zu befördern. Er schoss ihn sich selber ins Gesicht.

Immerhin war das noch besser als das, was dem Berufskollegen Chris Brass widerfahren war, als er in einem Spiel mit dem FC Bury in der dritten englischen Liga 2006 einen Flankenball volley vom eigenen Tor wegschlagen wollte. Das gelang auch ganz gut, aber nur einen knappen Meter weit. Dann landete der Ball mitten im Gesicht von Brass, dem dabei die Nase brach. Er prallte von dort ins eigene Tor. Dieses unselige Beispiel war, abgesehen von der gebrochenen Nase, ein Vorgeschmack auf das, was Walters noch blühte.

„Jon Walters, er trifft, wie er will“

Stoke ist für seine gute Abwehr bekannt, mit dem Deutschen Robert Huth als Abräumer in der Innenverteidigung und mit dem starken bosnischen Torwart Asmir Begovic. Sie hatte bis Samstag nur zwanzig Gegentreffer kassiert, nur einen mehr als die beiden besten Abwehrreihen der Premier League, die von Chelsea und Meister Manchester City. Dann flog in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit eine scharfe Flanke in den Fünfmeterraum, auf Juan Mata zu, doch Walters kam dem Chelsea-Spieler zuvor. Mit einem formvollendeten Flugkopfball erwischte er den Ball – und wuchtete ihn zum 0:1 ins eigene Netz.

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© REUTERS Vergrößern Erster Streich: Walters (am Boden, rechts) köpft per Flugkopfball ein

Nach 63 Minuten war wieder Alarm im Strafraum von Stoke, wieder half der irische Mittelfeldspieler hinten aus, kam knapp vor Frank Lampard mit der Stirn an den Ball. Und wieder traf er ins eigene Tor. Spätestens da war ihm der Spott sicher: „Jon Walters, er trifft, wie er will“, skandierten die Chelsea-Fans. Lampard mit einem Foulelfmeter und Eden Hazard mit einem Dreißig-Meter-Kracher erhöhten das Ergebnis auf 0:4, doch der Schiedsrichter hatte noch eine Zugabe für den bedauernswerten Anti-Helden des Tages parat. Er pfiff in der 90. Minute nach einem Foul an Walters Elfmeter. Walters lief an – und hämmerte den Ball an die Latte.

Woodgate und Palermo agierten noch unglücklicher

Der arme Ire hätte spätestens nach dieser tragikomischen Schlusspointe jeden Trost brauchen können, mindestens aber die seelenwärmenden Gesänge seiner Landsleute, die er mit der irischen Nationalelf bei der EM in Polen beim 0:4 gegen Spanien hören durfte. Stattdessen erklangen nach dem Spiel vor allem Kommentare voller Häme und Schadenfreude. Die Website „101greatgoals.com“ berichtete von der Frage zahlreicher Fans, ob es “die schlechteste individuelle Darbietung in der Geschichte der Premier League” gewesen sei – und bejahte die Frage. Die Fehlleistung von Walters sei in jüngerer Vergangenheit nur mit zwei anderen vergleichbar, die in anderen Ländern stattfanden.

Erstens: das Debüt des englischen Nationalspielers Jonathan Woodgate bei Real Madrid 2005: Der 20-Millionen-Euro-Einkauf erzielte nach 17-monatiger Verletzungspause in seinem ersten Spiel ein Eigentor und erhielt die Rote Karte (er schoss im dritten Spiel noch ein Eigentor, war dann wieder verletzt und wurde Ende der Saison heim nach England geschickt).

Zweitens: die drei Elfmeter, die Martin Palermo bei der Copa America 1999 für die argentinische Nationalelf im Spiel gegen Kolumbien schoss – er verschoss alle drei, und Argentinien verlor 0:3. 

Kennt noch jemand Hermann Ruländer?

Aus deutscher Sicht wäre noch die Geschichte von Hermann Ruländer zu ergänzen. Sein Einsatz beim 2:9 von Werder Bremen in Frankfurt 1981 gilt als das tristeste Torwartdebüt der Bundesligageschichte. Dabei war es schon sein zweiter Einsatz. Eine Woche zuvor war Ruländer für den verletzten Dieter Burdenski eingewechselt worden und hatte in der letzten Minute den Kölner Ausgleich kassiert. Im Waldstadion aber stand Ruländer das erste und einzige Mal von Beginn an im Tor. Allerdings nicht bis zum Ende: Beim Stand von 2:7 wurde er in der 78. Minute von Otto Rehhagel gegen den zweiten Ersatztorwart namens Robert Frese ausgetauscht, und der kassierte (in seinem einzigen Bundesliga-Einsatz) noch zwei Treffer durch Nickel und Cha. Ruländer wurde nach seinem demütigenden Debüt nie wieder eingesetzt.

Dabei geht es noch schlimmer: Steve Milton gab 1934 sein Debüt in der dritten englischen Liga für Halifax gegen Stockport – und erhielt 13 Gegentore. Passiert nicht jedem im Leben und Arbeitsleben mal was richtig Blödes? Zum Glück guckt meistens keiner zu. Wenn man Fußballprofi ist, guckt aber fast jeder zu. Deshalb hat Walters Trost verdient.

Erstens: Es geht noch schlimmer. Der Belgier Stan van den Buijs traf 1995 bei der 2:3-Niederlage mit Germinal Ekeren gegen Anderlecht gleich dreimal ins eigene Tor. (Sogar 149 Eigentore in einem Spiel schafften die Spieler des madegassischen Klubs Stade Olympique L’Emyrne 2002, das allerdings freiwillig, weil sie damit gegen einen Elfmeter, der ihnen im Spiel zuvor die Titelchance geraubt hatte, protestierten – wohl das einzige Spiel der Fußballgeschichte, in dem der Gegner nur ein einziges Mal, beim Anstoß der zweiten Halbzeit, an den Ball kam).

Zweitens: Man kann auch zwei Eigentore wiedergutmachen. Auch Chris Nicholl traf in einem Spiel mit Aston Villa in Leicester 1976 zweimal per Kopf ins eigene Tor – dafür aber auch zweimal per Fuß ins gegnerische. Er vollbrachte damit das einmalige Kunststück, nach einem Spiel mit einem Endstand von 2:2 als vierfacher Torschütze in die Statistik einzugehen. Walters wäre das auch möglich gewesen, hätte er sich nur die zwei Tore, für die er am Zweiten Weihnachtstag beim 3:1 gegen Liverpool gefeiert worden war, für Chelsea aufgehoben. „Jeder hat mal einen schlechten Tag“, sagte Trainer Tony Pulis. „Aber er muss sich keine Sorgen machen. Dieser Klub ist wie eine Familie.“ Wenn das mal keine Drohung ist.

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