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Eichlers Eurogoals Für einen alten Panzer nicht schlecht

Wer nimmt nicht manchmal den Mund zu voll? Längst war Klose abgeschrieben. Keiner kannte Lewandowski. Nie schafft es Azpilicueta ins Nationalteam. Nun musste ein Experte büßen - und Ratte essen. Ein Menüvorschlag.

© dpa Vergrößern Miroslav Klose: Gerade erst abgeschrieben, schon wieder zum „Klosissimo“ aufgestiegen

Wer kennt das nicht? Fußballer, bei denen man sich völlig verschätzt. Zum Beispiel junge Fußballer, denen man nichts zutraut. So wie damals der FC Metz, der einen 17-Jährigen namens Michel Platini nach einem Probetraining 1972 als körperlich zu schwach für einen Profifußballer befand – er wurde dann bekanntlich doch kein ganz schlechter.

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Oder gern auch: alte Fußballer, die gerade mal einen kleinen Durchhänger haben. Und über die man dann gern gleich urteilt: Das war’s. So wie beim alten Römer Miroslav Klose, der nach Rückkehr von einer Knieverletzung mit Lazio die Kurve zurück nach oben nicht mehr zu kriegen schien. Nach viereinhalb Monaten ohne Tor begannen italienische Blätter den bald 35-Jährigen schon abzuschreiben. Der „Panzer Klose“ sei nicht in Form, fanden die Waffentester der „Gazzetta dello Sport“. Nun hat er es ihnen aber ordentlich gezeigt, mit fünf Toren beim 6:0 gegen Bologna. Prompt schwärmte das Blatt wieder ganz rosarot von „Klosissimo“.

SS Lazio vs Bologna FC © dpa Vergrößern Klose im Torrausch gegen Bolognas Torwart Stojanovic: Wo willst Du den Ball hin haben?

Es ist damit ein schönes Beispiel für jene wahren Fußballexperten, die wir ja irgendwie alle sind und die in solchen Fällen gern sagen: Habe ich doch immer gewusst, dass der Klose immer noch einer ist. Und, frei nach Adenauer, der sich eher für Boccia als für Fußball interessierte: Was kümmert mich mein Expertengeschwätz von gestern.

Bei der Asche von Eyjafjallajökull

Ein Klassiker ist es zum Beispiel auch, das schlummernde Potential eines urplötzlich zum internationalen Star aufgestiegenen Spielers schon ganz, ganz lange gekannt zu haben, eigentlich vor allen anderen. Das von Robert Lewandowski zum Beispiel. Nachdem der Pole mit vier Toren gegen Real Madrid zum neuen Liebling der Transfer-Klatschpresse geworden ist, trat ein Scout in England auf den Plan, die Lewandowski schon vor Borussia Dortmund entdeckt haben will. Angeblich hatte er den Jungstürmer schon vor dessen Wechsel in die Bundesliga in der Premier League angeboten, bei Tottenham Hotspur und den Blackburn Rovers.

Dann aber kam es nicht zum Probetraining, weil die geplanten Flüge ausfielen – wegen der Aschewolke des Eyjafjallajökull. Der Vulkan scheint, am Rande bemerkt, durch seinen Ausbruch 2010 die Fußballgeschichte inzwischen deutlich mehr beeinflusst zu haben als alle Ausbrüche cholerischer Trainer zusammen. Damals mussten ja der FC Barcelona und Olympique Lyon vor ihren Champions-League-Halbfinalhinspielen in Mailand und München lange, strapaziöse Busreisen antreten. Sie trafen ermattet ein und verloren. Und jetzt auch noch Lewandowski – wäre ohne Vulkan das ganze Dortmunder Fußballmärchen anders verlaufen?

166893124 © AFP Vergrößern Real-Schreck Lewandowski: Dreimal freigelaufen, vier Tore gegen Madrid

Das klingt nach einer guten Geschichte, und wie immer bei guten Geschichten ist ja eher nebensächlich, ob sie auch stimmt. Sicher ist jedenfalls, dass vor dem Dortmunder Durchbruch von Lewandowski die Wörter „Torjäger“ und „Pole“ zumindest in der Bundesliga nie gemeinsam in einem sinntragenden Satz genannt werden konnten. In dieser Hinsicht hat der „Lewinsky“, wie der spanische König Juan Carlos letzte Woche in Madrid im Gespräch mit seinem Sitznachbarn, dem Borussia-Boss Hans-Joachim Watzke, den königlichen Knipser knackig kürzte, einige liebgewonnene Vorurteile widerlegt.

„Dann esse ich meine Ratte“

Dabei hat Lewandowski in seiner manchmal sphinxhaften Undurchschaubarkeit bei der Planung von Lauf- und Karrierewegen sogar das ehemalige Superhirn der Trainerbranche ratlos gemacht. „Wir wissen alles, absolut alles über Lewandowski. Wir wissen alles. Wir haben ihn in jedem Detail studiert“, beteuerte José Mourinho nach dem 1:4-Debakel von Real Madrid in Dortmund. „Und dann verlieren wir ihn dreimal aus den Augen, obwohl wir genau wissen, was er tut!“ Es war wohl der letzte große Irrtum des „Special One“ in Madrid – beim FC Chelsea sind schon bedruckte T-Shirts aufgetaucht, auf denen seine Rückkehr gefeiert wird.

24273221 © AP Vergrößern Aufstrebender Verteidiger: Cesar Azpilicueta (links) schaffte es von Chelsea ins spanische Nationalteam

Selten jedoch hat die Standardsituation, sich in einem Spieler zu täuschen, am Ende einen solch bitteren Beigeschmack gebracht wie nun für Eric Di Meco, einen Radiojournalisten des französischen Senders RMC. Als früherer Verteidiger von Olympique Marseille bringt er eine gewisse Kennerschaft für Fußball mit. Sie verleitete ihn allerdings vor zwei Jahren zu einer etwas zu wagemutigen Vorhersage. Als Olympique damals einen kaum bekannten Basken namens Cesar Azpilicueta verpflichtete und Klubpräsident Jean-Claude Dassier verkündete, es handele sich um den „künftigen Rechtsverteidiger der spanischen Nationalmannschaft“, hielt Di Meco dagegen und erklärte öffentlich: „Wenn das passiert, esse ich eine Ratte“.

„Gute Alternative zu Kaninchen“

Nun, Azpilicueta spielt inzwischen in England, beim FC Chelsea, und das so ordentlich, dass ihn Nationaltrainer Vicente del Bosque in das Team des Welt- und Europameisters berief. Dort debütierte er am 6. Februar gegen Uruguay und gilt inzwischen als starker Konkurrent von Alvaro Arbeloa um den Stammplatz auf der rechten Abwehrposition. Was also dem Trainer del Bosque eine willkommene Alternative beschert hat – und dem Speiseplan des Experten Eric di Meco eine unwillkommene Abwechslung. Mangelnde Konsequenz kann man ihm nicht vorwerfen: Er aß die versprochene Ratte, und das live im Studio.

Weil das während einer Radiosendung natürlich jeder behaupten könnte, während er in Wirklichkeit etwa eine Currywurst verspeist oder eine Pferdelasagne, wurde die Mahlzeit auch im Bild für die Nachwelt festgehalten. Dabei handelte es sich um die von Apfelscheiben begleitete Zubereitung einer Nutria oder Bisamratte (eher mit dem Biber als mit der Ratte verwandt) – einem Tier, das sich auf einer beliebten Kochrezept-Website auch in einer Version mit Pilzsauce finden lässt. „Wildgericht aus DDR-Zeiten; leckeres, leider etwas unbekanntes Wild; gute Alternative zum Kaninchen“, heißt es dort. Klingt also nach einem durchaus nützlichen Menüvorschlag - für den Fall, dass man sich mal das Maul zu voll genommen hat bei der Einschätzung der Fähigkeiten von Fußballern.

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Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 06.05.2013, 12:59 Uhr

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