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Eichlers Eurogoals Fünf Spiele, zwei Entlassungen

13.02.2012 ·  Trainer, die nicht arbeiten, sind am teuersten. Dennoch wird nicht nur in Berlin munter entlassen. Ein Brasilianer bringt es auf schon auf 34 Klubs - und kann sich im Gegensatz zu vielen Kollegen glücklich schätzen.

Von Christian Eichler
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© dpa Welcher Klub darf es denn sein? Den spanischen FC Girona gibt es schon für einen Euro

Was kriegt man heute schon noch für einen Euro? Einen Fußballklub. Josep Delgado, der Besitzer des FC Girona, will seinen Zweitligaverein verkaufen. Für einen Euro. Er öffnet damit einen Markt, der bisher der Kaste der Ölmilliardäre vorbehalten schien, für eine breite Öffentlichkeit: den Fußballklub für jedermann.

Auch gern als kleines Mitbringsel der Gattin für den Fan in ihrem Bett: Schau mal, Schatz, was ich dir mitgebracht habe, ist der nicht süß? Das kann aber auch praktisch sein, wenn man irgendwo eingeladen ist, als originelle Geschenkidee für den Gastgeber. Hat noch keiner, kostet nicht die Welt, bringt als Gesprächsstoff jede Party ins Laufen.

Und dazu lässt es sich zur Not sogar bis zur Adventszeit beiseite legen, wenn man eine Idee wie diese gut gebrauchen kann fürs „Wichteln“, für den Austausch überflüssiger und unbedingt unverfänglicher Geschenke an zufällig ausgeloste Kollegen.

Das dafür limitierte Budget reicht zur Not aus, um gleich noch ein Flugticket zum Fußballklub in den Präsentkorb zu legen. Denn Girona ist praktischerweise als Billigfliegerziel von einem halben Dutzend deutscher Flughäfen aus zu erreichen.

Man sollte dieses Geschenk aber nur Menschen machen, die viel Zeit haben, etwas selbstquälerisch veranlagt sind und sich deshalb selber zum Führen einer Fußballmannschaft berufen fühlen. Ist man das nämlich nicht und braucht demzufolge qualifiziertes Personal, fangen die Probleme an.

„Michael Brezeln“ und „Jan Klas Runderlass“

Und die Folgekosten. Denn heutzutage sind es gar nicht mal mehr so sehr die Spieler, an denen man noch lange zu knabbern hat. Einen Spieler, den man nicht mehr will, kann man ja meistens noch verkaufen. Nein, es sind die Trainer.

Das merkt jetzt zum Beispiel in Berlin Michael Preetz, dem die ARD-Videotexttafel 150 in ihrem noch etwas entwicklungsfähigen Angebot „Untertitel für Gehörlose“ vor kurzem den deutlich knackigeren Namen „Michael Brezeln“ verpasste (die konkurrenzlosen Fußballtrüffelsucher von „11freunde“ fanden auch heraus, dass die ARD-Spracherkennung den Torjäger von Schalke 04 als „Jan Klas Runderlass“ führte).

Der Streit zwischen dem Manager Preetz und dem Trainer Babbel kostete die Berliner kurz vor Weihnachten 500.000 Euro Ablöse. Jetzt wird gleich noch einmal dasselbe fällig für den ebenfalls schon entlassenen Nachfolger – einen Mann, der im ARD-Text vermutlich „Skippy“ hieße (nach dem legendären Buschkänguru, das von 1969 bis 1975 durchs erste Programm hoppelte).

In Berlin hatte das Känguru nach fünf Hüpfern null Punkte im Beutel. Zu wenig. So summieren sich nun die Kosten für den 43-Tage-Trainer Skibbe nach Berechnungen der „Bild“-Zeitung auf 250.000 Euro Ablöse an den türkischen Weltklub Eskisehirspor, 150.000 Euro bereits gezahltes Gehalt und 500.000 Euro vertraglich festgelegte Abfindung. Macht 900.000 Euro.

Fünf Hüpfer, null Punkte im Beutel

Anders gerechnet: rund 150.000 Euro pro Woche. Dafür bekäme man fast schon einen Mourinho – wie sich überhaupt der Fußballklub der deutschen Hauptstadt wenn schon nicht bei der sportlichen Ausbeute, so doch bei der Kostenstelle Trainer den Dimensionen konkurrierender europäischer Metropolen annähert.

An Madrid also, wo bei Real der teuerste Trainer der Welt wirkt. An Paris, wo man bei PSG im Dezember Antoine Kombouaré an der Tabellenspitze entließ, um für Carlo Ancelotti endlich richtig Geld ausgeben zu können. Und natürlich an London, wo sich Chelsea den Wechsel von Ancelotti zu André Villas-Boas letzten Sommer in der Addition von Abfindung für den Alten und Ablöse für den Neuen rund 35 Millionen Euro kosten ließ.

Und da ist das Gehalt für den Neuen noch gar nicht drin. Nach dem 0:2 in Everton, das Chelsea auf Platz fünf zurückwarf (weil Arsenal durch das Last-Minute-Tor der Leih-Legende Thierry Henry in seinem letzten Premier-League-Spiel 2:1 in Sunderland gewann), nach diesem Absturz vom Titelkandidaten auf einen Europa-League-Platz also hat Villas-Boas gute Chancen, gleich der nächste teure Trainerabschuss zu werden.

80 Millionen für Trainerwechsel

Insgesamt hat Chelsea in den letzten vier Jahren allein für die Kosten von Trainerwechseln fast 80 Millionen Euro hingeblättert – so viel wie der FC Bayern für Ribéry, Robben und Gomez zusammen.

Allerdings hat auch der deutsche Rekordmeister schon kräftig für Trainerentlassungen bluten müssen, etwa im Fall Klinsmann. Die Hoffnung, dass man sich die bis Ende dieser Saison weiter laufenden Gehaltszahlungen für Louis van Gaal vorzeitig sparen kann, sind nun auch dahin.

Denn dessen Rivale Johan Cruyff hat sich nun auch vor Gericht durchgesetzt und van Gaals Installation als Direktor bei Ajax Amsterdam verhindert. Und das ist ein Jammer, denn im Fußball gilt, wie man hier sieht, die kuriose Regel: Trainer, die nicht arbeiten, sind am teuersten.

Wer ist der Weltmeister des teuren Trainerwechsels? Vielleicht Vanderlei Luxemburgo, den man hierzulande vor allem aus seiner Zeit als brasilianischer Nationaltrainer um die Jahrtausendwende kannte – einer Zeit, in der er fast hundert Spieler zu Nationalspielern machte und damit ihren Transferwert in die Höhe trieb, was Verdacht erregte. Natürlich wurde er irgendwann entlassen.

Keine schlechte Quote

So wie Ende 2010 auch bei Atletico Mineiro – womit alle zwanzig Erstligaklubs in Brasilien im Laufe jenes Kalenderjahres ihre Trainer rausgeworfen hatten. Danach wurde Luxemburgo fast schon sesshaft, bei Flamengo hatte er zuletzt zum ersten Mal eine Anstellung bei einem Klub, die länger dauerte als ein Jahr. Doch dann verlor er vor zwei Wochen, nach einem 2:0-Sieg mit Flamengo in der Vorrunde der Copa Libertadores, seinen 34. Job in 31 Jahren. Und er ist noch nicht mal 60.

34 in 31 ist aber keine schlechte Quote – im Schnitt fast ein Jahr bis zum nächsten Rauswurf. Gerade in Brasilien geht es vielen Kollegen ganz anders, eher wie Tagelöhnern, die sich morgens am Straßenrand gegen Barzahlung anheuern lassen.

Einer dieser Trainer wurde am vergangenen Montag von Robertino da Padaria, Präsident des Zweitligaklubs São José dos Campos, nach vier Spielen entlassen. Der Präsident mahnte „Stabilität” und „Ruhe“ an. Er ernannte als neuen Trainer Lorival Santos. Am Mittwoch verlor der neue Trainer sein erstes Spiel. Am Donnerstag wurde er entlassen.

Ja, es gibt immer noch die kleinen Unterschiede im modernen Fußball. Fünf Spiele, eine Trainerentlassung, das ist Berlin. Fünf Spiele, zwei Trainerentlassungen, das ist Brasilien.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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