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Eichlers Eurogoals Ein Mann sieht Rot

 ·  Fußballer jenseits der 40 sind manchmal unberechenbar. Jenseits der 40 Jahre, jenseits der 40 Meter - oder jenseits von 40 Roten Karten. Mit Ellenbogenschlägen und Fußtritten - in Bogota stellt ein Abwehrspieler diesen Weltrekord auf.

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© picture alliance / dpa Sieht öfters mal rot: Gerardo Bedoya kassierte jüngst seinen 41. Platzverweis

Es gibt ein Leben jenseits der 40 im Profifußball. Das muss nicht einmal das Alter sein. Im Falle von Brad Friedel allerdings doch. Der glatzköpfige Amerikaner mit der basstiefen Stimme eines Bären aus den Wäldern seiner nordamerikanischen Heimat liefert allen Kollegen das seit Jahren erstaunlichste Vorbild an Altersbeständigkeit und Konstanz im Profifußball. In der englischen Premier League hält er einen Rekord, der ihn turmhoch über alle anderen aktuellen Kicker stellt. Friedel hat seit dem 15. Mai 2004 kein Punktspiel in der besten Liga der Welt verpasst.

Acht komplette Spielzeiten für Blackburn, Aston Villa und Tottenham Hotspur, 320 Einsätze hintereinander ohne einen einzigen Ausfall. Sollte er noch dreieinhalb Jahre durchhalten, könnte er sogar Sepp Maier überholen, der von 1966 bis 1979 im Tor des FC Bayern München 442 Bundesligaspiele am Stück machte. Ausgeschlossen scheint das nicht.

Als Tottenham vor einem Monat Hugo Lloris für 12,6 Millionen Euro von Olympique Lyon holte, den französischen Nationaltorwart, der als einer der besten jungen Keeper Europas gilt, schien die Uhr abgelaufen für den 41-jährigen Amerikaner. Doch er überzeugte Trainer Andre Villas-Boas, ihn im Tor zu lassen. So spielt er weiter, Woche für Woche. Am Samstag trug Friedel so in seinem 320. Premier-League-Spiel am Stück zu einem historischen Tag bei. Den Spurs gelang mit einem 3:2 im Old Trafford der erste Sieg bei Manchester United seit 1989.

Allerdings arbeitet der rüstige Friedel vielleicht nicht ganz freiwillig über das Renteneintrittsalter hinaus. Vor zwei Jahren wurde er wegen Überschuldung seiner Fußballakademie in Großbritannien für bankrott erklärt. Inzwischen hat er sich dank eines Jahreseinkommens von rund drei Millionen Euro davon wohl wieder ein wenig erholt. Mit Rente wäre das nicht so rasch gegangen. Jenseits der 40 werden auch Tore erst richtig schön – wenn man sie in Metern zählt.

Maradona-Moment seines Fußballerlebens

Der Trend der Woche im europäischen Fußball ist der Treffer vom Mittelkreis. Tore des Monats, wenn nicht des Jahres, wohin man schaut - sofern man eben dorthin schaut, wo allerdings nicht viele hinsehen. In die zweite französische Liga zum Beispiel. Dort hatte ein gewisser Mustapha Durak den Maradona-Moment seines Fußballerlebens, als er aus dem Mittelkreis den Ball mit der Brust annahm und aus der Luft ins Netz hämmerte – eines von drei Toren des 24-jährigen Franzosen beim 4:2 von Chamois Niortais gegen Dijon Football. Noch eine Berührung weniger benötigte Fabrizio Miccoli beim schönsten seiner ebenfalls drei Tore beim 4:1 von US Palermo gegen Chievo Verona: ein sensationeller Volley aus gut 40 Metern über den Torwart hinweg.

Damit hat Palermo endlich einmal auch gewonnen, wenn der 33-jährige Rekordtorjäger der Sizilianer einen Hattrick erzielte: anders als beim 4:4 bei Inter Mailand im Februar und beim 4:4 in Verona im Mai. Mindestens ebenso spektakulär war der Freistoß von Kennedy Bakircioglu, auch er einer der vielen unbesungenen Regional-Helden des internationalen Fußballs. Der Schwede mit assyrischen Wurzeln hatte es sogar zu Stationen wie Ajax Amsterdam und Racing Santander gebracht, ist aber nun, mit inzwischen 31 Jahren und einer Zidane-Gedächtnisfrisur (Stirn behaart, Mittelschädel kahl), vor einigen Wochen wieder in Stockholm gelandet. Und schon jetzt wissen die Fans, was sie an ihrem Heimkehrer haben.

Der unglaublichste Weitschuss der Saison

Beim Stand von 1:1 beim Spiel gegen Varberg in der zweiten schwedischen Liga trat Bakircioglu an, einen Freistoß vom Rand des Mittelkreises in den gegnerischen Strafraum zu schlagen, wo sich inzwischen alle langen Spieler zwecks Lufthoheit versammelt hatten. Bakircioglu schaute hoch und lief an, als suche er einen Abnehmer für eine Flanke. In Wirklichkeit sah er den Torwart einige Schritte vor dem Tor plaziert und schlug er den Ball mit einer solchen Wucht und steilen Flugkurve direkt aufs Richtung Tor, wie man das im letzten Jahrzehnt nur vom brasilianischen Zauberschützen Juninho gekannt hatte. Hinter dem verdutzten Keeper beulte der Ball das Netz.

Der unglaublichste Weitschuss der Saison, vielleicht gar des Jahrzehnts wurde allerdings aus einer noch entlegeneren Ecke Fußball-Europas eingespielt, aus Krasnodar, zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer gelegen. Dort gab es nach 34 Minuten Eckball für Terek Grozny, das tschetschenische Überraschungsteam der ersten russischen Liga. Der Ball wurde von der Abwehr aus dem Strafraum geschlagen. Er landete beim letzten Mann von Grozny, der am Mittelkreis absicherte: Martin Jiranek, 33-jähriger Tscheche in tschetschenischen Diensten. Als er den Ball annahm, hatte er zwanzig Spieler (alle außer dem eigenen Torwart) und vierzig Meter Spielfeld vor sich. Anders als bei den anderen drei Vierzig-Meter-Treffern des Wochenendes aber, die allesamt einen vor dem Tor stehenden Torwart in ballistischer Kurve überwanden, stand hier der gegnerische Keeper auf seiner Linie. Wie soll man da aus solcher Entfernung ein Tor schießen? Indem man den Ball tritt wie ein Pferd, nur genauer.

Jiranek traf die Kugel so hart und sauber, dass sie immer noch im Steigflug war, kurz bevor sie im oberen rechten Winkel einschlug – erst schnurgerade fliegend, dann auf den letzten zehn Metern eine scharfe Rechtskurve schlagend. So etwas hat man seit den genialsten Momenten von Roberto Carlos nicht mehr gesehen. Wie kommt man auf die völlig unrealistische Idee, vom Mittelkreis aus solch ein Tor zu schießen? Fußballer jenseits der 40 sind eben manchmal unberechenbar. Jenseits der 40 Jahre, der 40 Meter – und jenseits von 40 Roten Karten.

41. Platzverweis seiner Profikarriere

Falls es noch Menschen gibt, die sich fragen, wie jemand es schaffen kann, so oft vom Platz zu fliegen, sei ihnen empfohlen, sich die Bilder aus der vergangenen Woche zu besorgen, die Gerardo Bedoya beim 41. Platzverweis seiner Profikarriere zeigen – ganz sicher Weltrekord. Im Derby von Bogota fällte der Verteidiger von Independiente Santa Fe zunächst seinen Gegenspieler Yhonny Ramirez vom Lokalrivalen Milionarios mit einem fiesen Ellbogenschlag. Als er sah, dass der Schiedsrichter in die Hosentasche griff, ergriff der Kolumbianer die Gelegenheit, die nun ohne hin schon unvermeidliche Rote Karte richtig lohnend zu machen. Er trat dem wehrlos am Boden liegenden Opfer noch einmal mit der Fußspitze ins Gesicht. Die Strafe lautete 15 Spiele Sperre. Passender wären 40.

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