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Eichlers Eurogoals Ein Artverwandter des „Panenka“

Aaron Hunt ist der mutigste Freistoßschütze des Wochenendes - obwohl er gar nicht schoss. Derweil erlebt auf den internationalen Plätzen ein Artverwandter des „Panenka“ eine Blüte.

© dapd Vergrößern Ungekrönter König der Freistoßkunst: Ronaldinhos Galerie ist sehenswert

Aaron Hunt ist ein mutiger Kerl. Sich auf einen solchen Freistoßtrick einzulassen wie beim Bremer Gastspiel auf Schalke, dafür braucht man Mumm – eine Doppelfinte, der eine läuft von rechts an, der andere von links, und beide holen zur gleichen Zeit aus, um den Gegner zu verwirren. Hals- und Beinbruch, so was geht schon mal schief.

Um das Spielchen gar mit einem Kollegen wie Marko Arnautovic zu treiben, ist noch mehr nötig als Wagemut. Vermutlich ein Hauch von Todesverachtung. Was, wenn der Österreicher seine übliche Streuung bei der Arbeit von Großhirn und Schussbein gezeigt hätte? Dann wäre es womöglich böse für den Kollegen Hunt ausgegangen. Zum Glück verlief die Sache glimpflich für alle Seiten. Hunt schlug das geplante Luftloch, Arnautovic traf nur den Ball, und der knallte mitten in die Mauer.

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Schmerzhafter Standard

Wie schmerzhaft so etwas schiefgehen kann, zeigten im Jahr 2006 zwei Brasilianer namens Igor und Bechara, die mit dem Zweitligisten Fortaleza EC dasselbe Kunststückchen probierten. Es endete im OP.

Beide liefen gleichzeitig zum Freistoß an, holten gleichzeitig aus – soweit ging der Plan auf. Dann aber hatte zumindest einer der beiden den Rest der Absprache vergessen: dass nämlich einer schießt und der andere nur so tut, als ob. Igor und Bechara schossen beide. Versuchten es zumindest. Resultat: Beinbruch bei Igor.

22118496 Messis Plagiat: Der Argentinier macht Pirlo und Ronaldinho nach © AFP Bilderstrecke 

Im selben Jahr, 2006, waren die Bremer übrigens schon einmal bei einer innovativen Freistoßvariante dabei, die inzwischen eine Renaissance erlebt. Damals reiste Werder ins Camp Nou zum Champions-League-Sieger Barcelona mit dem Superstar Ronaldinho, der schon ein wenig auf dem absteigenden Ast schien. Doch dann narrte der Brasilianer die Deutschen mit einem Freistoß, den er unter der hochspringenden Mauer hindurch ins Tor setzte.

Artverwandter des „Panenka“

Es ist eine sehr listige Variante, ein Artverwandter des „Panenka“, des Elfmeterlupfers in die Tormitte, wenngleich der untermauernde Freistoß die Erdanziehungskraft auf die gegensätzliche Art nutzt. Der Panenka-Elfer gibt dem Torwart Zeit, abzutauchen, der Ronaldinho-Freistoß gibt der Mauer Zeit, abzuheben.  Bis die Gravitation wieder Überhand nimmt, zappeln die Füße hilflos in der ersten Etage, während der Ball im Parterre durchrauscht.

Es war in der Liste der bisher 54 Freistoßtore in der Karriere Ronaldinhos die Nummer 35 – und der erste Freistoß, den er nicht mit einer sonst nur vom Landsmann Juninho erzielten Kombination aus Wucht, Drall und Schusstechnik über die Mauer gejagt hatte. Einen famosen, siebenminütigen Zusammenschnitt aller Ronaldinho-Freistoßtore gibt’s auf youtubehttp://www.youtube.com/watch?v=3cw0bPTUX6k)

Die großen Jahre des Zahnlücken-Zampanos bei Barca sind lange vorbei. Doch seit der Rückkehr in die Heimat blüht der Brasilianer im gemächlicheren Tempo der dortigen Liga wieder auf – vor allem, wenn er als Schütze zum Verschnaufen kommt, weil der Ball ruht. Und so erinnerte er sich, inzwischen 32, vor kurzem des alten Bremen-Tricks und packte ihn in den letzten Monaten bei Atletico Mineiro gleich zweimal aus: bei Freistoßtor Nummer 51 gegen Santos und dann auch bei Nummer 54 gegen Figuerense.

Messi als Plagiator

Mit letzterem inspirierte er, weil das Internet solche Ideen augenblicklich globalisiert, zwei große Kollegen. Zuerst war es Andrea Pirlo, der Altmeister der Spielmacherkunst, der nur wenige Stunden nach Ronaldinhos Tor gegen Figuerense vor einem Monat mit Erfolg denselben Trick beim Sieg von Juventus Turin gegen Siena auspackte.

Und nur eine Woche später kopierte sogar Lionel Messi seinen Vorgänger als weltbester Kicker, der den Argentinier einst als Teenager bei Barca in die Lehre der höheren Fußballkunst genommen hatte. „Ronaldinho und Pirlo haben das vorgemacht“, sagte Messi, als er eine Woche nach den beiden Trick-Treffern der Kollegen in der WM-Qualifikation einen Freistoß zum 3:0-Endstand unter den hüpfenden Uruguayern hindurch ins Netz geschoben hatte. „Ich hatte ein paar Zweifel, habe es aber riskiert, und es hat gut funktioniert.“

Wer braucht 955 Pässe, wenn einer reicht?

Es funktioniert auch sonst recht gut für den kleinen Maestro, der in der vergangenen Woche erstmals Vater wurde (der Kleine heißt Thiago) und am Samstag mit seinen zwei Toren beim 4:2-Erfolg gegen Mallorca die persönliche Bilanz im Kalenderjahr auf unglaubliche 76 Treffer in 59 Partien für Barca und Argentinien steigerte. Damit hat er sogar Pele überholt, der vor einem halben Jahrhundert einmal von Januar bis Dezember auf 75 Tore gekommen war.

Nur Gerd Müller hat in seinem trefflichsten Jahr, 1972, noch öfter getroffen, 85-mal in 60 Spielen für Bayern und Deutschland. (Für alle Tor-Liebhaber bietet youtube auch ein 14-minütiges Feuerwerk aller 234 Treffer in Messis Karriere bis zum vergangenen März).

Aber selbst ein Messi ist manchmal machtlos. Vergangenen Mittwoch kam Barcelona bei Celtic Glasgow auf 78 zu 22 Prozent Ballbesitz, auf 955 zu 166 Pässe, auf 23 zu 5 Torschüsse, aber auf 1 zu 2 Tore. Weil die Schotten zeigten, dass man einen Angriff schneller spielen kann, als selbst Lionel Messi je sein wird – sechs Sekunden vom eigenen Tor bis ins gegnerische Netz.

Abschlag Torwart Fraser Foster auf den 18-jährigen Ersatzstürmer Tony Watt, Schuss, Tor. Wer braucht 955 Pässe, wenn einer reicht? Auf der Tribüne weinte Rod Stewart („Hot legs“) vor Freude. Vielleicht dachte er an einen seiner schon länger zurückliegenden Hits: Some guys have all the luck.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET

 
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