21.11.2011 · Als zwölfter Spieler aufs Foto von Manchester, ein paar Ballwechsel in Wimbledon oder Jubel auf dem Podest in Silverstone - Hochstapler haben es schon auf die ganz große Bühne geschafft. Auch ein irischer Fan erlebte in Estland das Spiel seines Lebens.
Von Christian EichlerBeim Frühstück am 19. April 2001 entdeckten Zeitungsleser in aller Welt ein überaus langweiliges Sportfoto. Es passiert rein gar nichts auf diesem Bild. Es wurde im Münchner Olympiastadion aufgenommen und zeigt ein Fußballteam, das sich kurz vor dem Anpfiff zum üblichen Mannschaftsfoto plaziert. Vorn vier in der Hocke, hinten acht stehend – doch Moment mal, das wären ja zwölf!
Und weil der Extramann, der da links außen neben Stürmer Andy Cole stand, weder den anderen elf noch irgendwelchen Sicherheitskräften aufgefallen war, wurde das Mannschaftsbild der Fußballzwölf von Manchester United vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen Bayern München eines der kuriosesten Dokumente in der Geschichte der Sportfotografie. Der Mann, der mit seinem weißen ManUnited-Trikot triumphal in die Kameras lächelte, hieß Karl Power.
Nun hat er endlich einen legitimen Nachfolger gefunden. Er heißt Conor Cunningham, war bis vorletzte Woche nur ein unbekannter Fitnesstrainer mit Teilzeitjob, ist aber durch den Besuch eines Fußballspiels auf einen Schlag zum derzeit bekanntesten Menschen Irlands geworden.
Es ist eine unglaubliche Geschichte, die damit begann, dass Cunningham sich entschied, nach Tallinn zu fliegen, wo die irische Nationalelf am vorletzten Freitag ihr Play-off-Hinspiel um die EM-Teilnahme gegen Estland bestreiten sollte.
Man muss schon ein bisschen verrückt sein, wenn man sich auf eine solch weite Reise macht, ohne ein Ticket für ein Spiel zu haben – erst recht für eins, das in einem winzigen Stadion von 9600 Plätzen stattfindet und restlos ausverkauft ist. Als er in Tallinn angekommen war, stellte Cunningham fest, dass die Preise auf dem Schwarzmarkt dort in gewaltige Höhen gestiegen waren, mehr als er sich leisten konnte. So suchte er nach einem anderen Weg ins Stadion.
Vor dem Spiel strolchte er also um die Le Coq Arena herum, die auf einen Iren schon deshalb einen einladenden Eindruck machen muss, weil sie nach einer Brauerei benannt ist. An einem Seitentrakt fand er eine offene Tür und ging hinein. „Es war eine Sackgasse“, so beginnt die Geschichte, die der 27-Jährige inzwischen praktisch jedem TV-Sender und Boulevardblatt in Irland erzählen musste.
„Aber am Ende des Ganges lag eine große Tasche mit Fußbällen. Als ich sie aufhob, kam ein Trainingsanzug des estnischen Teams zum Vorschein.“ Kurz entschlossen zog Cunningham den Trainingsanzug über seine Jeans und das grüne Irland-Shirt. Und warf sich die Balltasche über die Schulter.
Die Tarnung funktionierte. Niemand fragte den Mann mit “Eesti” auf dem Rücken und dem großen Sack über der Schulter, als er das Stadion durch einen Hintereingang betrat und kurz vor Anpfiff wortlos zum Spielfeld ging. Er setzte sich dort auf die estnische Bank, direkt neben Nationaltrainer Tarmo Rüütli.
Das Spiel wurde angepfiffen, Cunningham saß immer noch dort. Er machte sich sogar nützlich. Die Kameras, die das Spiel live übertrugen, zeigten, wie er einmal einen Ball aufsammelte und einem estnischen Spieler zum Einwurf übergab. Niemand merkte etwas, „bis etwa 10 oder 15 Minuten nach Anpfiff ein Uefa-Offizieller Verdacht schöpfte. Er kam zu mir und forderte mich auf, die Bank zu verlassen.“
Wie ein Trainer, der sich zu sehr über eine Entscheidung beschwert hat und dafür der Bank verwiesen wird, ging Cunningham auf die Tribüne, die Leute machten Platz, und er hatte, ohne Ticket, den besten Blick auf das Spiel des Jahres, auf den famosen 4:0-Sieg der Iren.
Danach zog es ihn wieder nach unten, aufs Spielfeld, und niemand hielt ihn auf. Nicht nur unter den enttäuschten estnischen Zuschauern, auch bei den feiernden Fans der mitgereisten „Green Army“ muss sich nach Schlusspfiff oder spätestens beim Ansehen der im Stadion gedrehten wackligen Filmschnipsel so mancher gewundert haben, wer denn wohl der Typ im estnischen Trainingsanzug mit dem Ballsack über der Schulter ist, der da nach der Partie mit den irischen Spielern auf dem Rasen feierte. Der die Kicker herzte, drückte, mit ihnen lachte und scherzte.
Irland war aus dem Häuschen über den großen Sieg und die EM-Teilnahme, die vier Tage später nach dem 1:1 im Rückspiel in Dublin endgültig feststand – und Fußballfans in aller Welt hatten, als Cunninghams Geschichte bekannt wurde und seine Filmschnipsel im Internet kursierten, eine neue Kultfigur.
Das wurde auch Zeit, denn von Karl Power hat man seit seinem legendären Auftritt auf dem Mannschaftsfoto von Manchester United nicht mehr so viel gehört. Vielleicht hatte der Engländer es einfach auch übertrieben mit seinen – anders als bei dem irischen Kollegen – nicht zufällig improvisierten, sondern geplanten Aktionen.
So war er damals ins Innere des Münchner Olympiastadions gelangt, indem er sich als TV-Mitarbeiter ausgab. Dann, als die Teams ins Stadion einliefen, riss er sich, wie vorbereitet, rasch die Zivilkleidung herunter, unter denen er die weiße Auswärtskluft des englischen Meisters trug, und gesellte sich einfach dazu.
Im Englischen nennt man solch dreiste, aber amüsante Hochstapler „prankster“, und Power, eigentlich ein arbeitsloser Bauarbeiter, war der Champion unter ihnen. Ähnliches wie in München schaffte er ein Jahr später in Silverstone, beim britischen Formel-1-Grand-Prix, wo es ihm gelang, vor dem Sieger Michael Schumacher im roten Rennoverall auf dem Siegertreppchen zu stehen.
Und sogar in Wimbledon – dort enterte er in der Pause zwischen zwei Partien den Centre Court und lieferte sich mit einem Partner einige Ballwechsel. Erst dann merkten Zuschauer und Offizielle, dass die beiden doch etwas anders aussahen als die für das nächste Match vorgesehene Anna Kurnikowa.
Seitdem ist es, wie gesagt, ruhig geworden um Power, der erst nun einen legitimen Nachfolger hat. Aber wer weiß, vielleicht hat er sich ja in den Jahren seitdem ganz anders getarnt, nicht mehr mit Fußballtrikot oder Renn-Overall, sondern mit Anzug und Krawatte, hat so verkleidet die Chefetage eines Ministeriums oder einer Großbank geentert, und niemand hat es gemerkt, bis heute nicht. Würde einiges erklären.
Ähnliches Problem wie bei der Bundesregierung
Klaus Seilberger (KSeilberger)
- 21.11.2011, 15:31 Uhr