23.01.2012 · Vorsätzliche Verletzungsversuche im Fußball funktionieren nicht mehr so offen wie in den zynischen Achtzigern. Heute tarnen sich Treter wie Pepe oder Jones in Unabsichlichkeit. Eichlers Eurogoals.
Von Christian EichlerEs gab mal eine Zeit, in der Spaniens Fußball nicht für Brillanz stand, sondern für Brutalität. Es war die Zeit zum Beispiel von Real-Veteran Juanito, der 1987 dem am Boden liegenden Lothar Matthäus gegen Kopf und Rücken trat. Oder die von Real-Torjäger Hugo Sanchez, der im scheinbar fairen Sprung über den Torwart gern klammheimlich die Stollen in den Bauch des Keepers trat. Von Uli Hoeneß bekam er dafür das Etikett „unfairster Spieler der Welt“.
Alle übertraf noch Andoni Goikoetxea, der dem jungen Bernd Schuster das Knie so schwer verletzte, dass der Deutsche des FC Barcelona ein Jahr ausfiel; und der zwei Jahre später, wieder mit Bilbao gegen Barca, mit einer gezielten Grätsche von hinten den genialsten Fuß der Fußballgeschichte, den linken von Diego Maradona, nahezu zertrümmerte. Nach der glücklichen Genesung floh Maradona nach Neapel, und Goikoetxea genoss seinen Nachruhm als „Schlächter von Bilbao“ und „härtester Verteidiger der Geschichte“ (bei einer Wahl der „Times“ 2007). Den Schuh, mit dem er Maradona traf, stellte er bei sich zu Hause in einer Vitrine aus.
Das waren die Achtziger Jahre, ein Jahrzehnt, von dem neben der Kunst eines Maradona, Platini, Zico oder Socrates eher die epochalen Fouls in Erinnerung geblieben sind, allen voran Toni Schumachers Attacke gegen Battiston 1982. Aber das ist lang her, es wirkt inzwischen wie das Mittelalter des Fußballs, und gerade der spanische Fußball hat sich, von Barcelona ausgehend, neu erfunden. Aber auch nicht so ganz.
Derzeit wird in Spanien vor allem ein Foul diskutiert. Und wieder ist es ein spielerisch wie moralisch eher limitierter Verteidiger, der den besten Fußballer der Welt heimtückisch attackiert hat. Das geschah schon am letzten Dienstag, doch die Empörung will auch nach einer scheinbaren Entschuldigung nicht verklingen. „Eine nationale Schande“ nannte es das in Barcelona erscheinende Blatt „Sport“.
Die Tat, die empört, ist der Tritt des Portugiesen Pepe, Verteidiger von Real Madrid, auf die Hand des am Boden liegenden Lionel Messi im Pokal-Hinspiel gegen Barcelona (1:2). Vor einem Jahr war Pepe im Champions-League-Halbfinale gegen Barca vom Platz geflogen (worauf Real 0:2 verlor), diesmal entging seine Attacke dem Blick des Schiedsrichters, aber nicht dem der geschockten Öffentlichkeit. Wegen der öffentlichen Wirkung ließ sich Pepe zu einer Erklärung herab. „Falls Messi sich beleidigt fühlt“, stand es auf seiner Homepage, „entschuldige ich mich bei ihm“.
Es ist die kleinstmögliche und höhnischste Form, ja eher die Parodie einer Entschuldigung. Sie funktioniert nach einer Logik, mit der sich auch ein Massenmörder ganz als Unschuld vom Lande geben könnte: Also, falls die Axt in deinem Schädel dich beleidigen sollte, dann, na gut, Entschuldigung.
Die Real-Verantwortlichen und der gegenüber den großen Klubs wie immer feige Fußballverband Spaniens haben weiter nichts unternommen. Aber vielleicht unterschätzen sie die Zuschauer. Sie wollen die unter Trainer José Mourinho bei Real durchgesetzte Linie, dass die einzige Moral der Erfolg ist, offenbar nicht mehr mitmachen. 94 Prozent der Fans, und zwar der Fans von Real, sind laut einer Umfrage für eine Bestrafung des Spielers ihres eigenen Klubs.
Vielleicht wollen sie sich einfach nur nicht belügen lassen. Die Mär vom „versehentlichen“ Tritt auf die Hand ist für einen geübten Fußballzuschauer, der im Laufe vieler Jahre ein Gespür für den Ablauf von Bewegungen, für die Balance von Beinen und Körpern bekommt, eine Beleidigung. Sie belügt das geübte Auge. Jeder kann sehen, wie Pepe nicht im gewöhnlichen Trab unabsichtlich und flüchtig auf die Hand tritt, sondern wie er sie fixiert, entschlossen und gemein mit der Hacke auf die Finger tritt und dabei sein Körpergewicht vollständig auf den rechten Fuß verlagert, indem er den linken hochzieht.
Eine ähnliche Szene beschäftigt nun auch England. In der turbulenten zweiten Halbzeit des Spitzenspiels zwischen Tabellenführer Manchester City und dem Dritten Tottenham lag City zunächst durch Nasri und Lescott 2:0 vorn, dann glichen die Spurs durch Defoe und Bale aus und verpassten kurz vor Schluss das Siegtor durch Defoe – ehe sich das für sie bitter rächte, als King den eingewechselten Balotelli foulte. Dieser verwandelte in der fünften Minute der Nachspielzeit den Elfmeter zum 3:2. Die große Frage danach war, warum Balotelli überhaupt noch auf dem Platz sein durfte.
Der hoch talentierte, wegen seiner Disziplinlosigkeit aber vom Landsmann Roberto Mancini nur selten eingesetzte Italiener war zuvor in der zweiten Hälfte in einem Zweikampf mit Mittelfeldspieler Scott Parker aneinandergeraten. Während der Ball schon weg war und Parker am Boden log, trat Balotelli auf der Suche nach Bodenhaftung heftig nach hinten aus.
Die Bewegung war nur schlecht als Versuch getarnt, wieder auf die Füße zu kommen, dafür war der Tritt zu heftig, und er ging genau dorthin, wo er Parkers Kopf vermuten musste. Der Fuß traf Parkers Kopf, fügte ihm eine Platzwunde zu – und Balotelli ließ sich schnell hinfallen. Das funktionierte, der Schiedsrichter ließ weiterlaufen, Der zuvor schon verwarnte Balotelli kam davon und entschied die Partie.
„Er hätte vom Platz fliegen müssen“, schimpfte später Tottenham-Trainer Harry Redknapp, sonst für Nachkarten nicht bekannt. „Es ist nicht das erste Mal, dass er so etwas getan hat, und ich bin sicher, es wird nicht das letzte Mal sein.“
Die vorsätzlichen Verletzungsversuche funktionieren heute nicht mehr so offen und zynisch wie in den Achtzigern, als man selbst für Brutalo-Fouls wie das von Goikoetxea an Maradona mit einer Gelben Karte davon kam. Zugleich ist in der Ära des Fernseh-Fußballs die Zahl der versteckten Fouls glücklicherweise zurückgegangen, denn wer sie riskiert, kann nicht wissen, ob ihn nicht eine der vielen Kameras überführt.
Aber nun gibt es offenbar einige Spieler, die darauf reagieren, indem sie es auf zynische Weise geschickter anstellen - und so tun, als hätten sie den Gegenspieler nur versehentlich verletzt, weil er gerade im Weg lag. Oder hinter einem, im toten Winkel.
Dabei wird das versteckte, gezielte Foul klassischerweise nicht nur als Waffe gegenüber Weltstars eingesetzt, die man verletzen oder wenigstens provozieren will. Es galt immer auch schon gerade solchen Spielern, die schon zuvor eine Verletzung hatten und deren Anfälligkeiten man kennt. Das erlebte zum Beispiel Olaf Marschall, der Torjäger des 1. FC Kaiserslautern im Meisterjahr 1998: „Wenn der Gegner die Zehenprobleme des anderen kennt, dann macht er halt den Schritt rückwärts und tritt ihm auf den Zeh“.
Deshalb ist medizinische Geheimhaltung beliebt, wie sie etwa der FC Bayern bei Bastian Schweinsteiger am Ende der letzten Saison betrieb. Erst nach dem letzten Spiel gab der Klub bekannt, dass Schweinsteiger schon seit dem 31. Spieltag an einem gebrochenen Zeh im rechten Fuß gelitten und trotzdem gespielt hatte. „Wir haben das bewusst nicht bekannt gegeben“, ließ der Klub erklären. „Die Sorge, dass Bastian jemand auf den Fuß steigt, war zu groß.“ Die Sorge, dass ihm jemand gerade deswegen auf den Fuß steigt, weil er von der Verletzung weiß.
Jemand wie Jermaine Jones zum Beispiel, der bei der Schalker Pokalniederlage in Mönchengladbach auch mal ein ganz schlauer Bösewicht sein wollte – und sich dann zum Glück so dämlich anstellte, dass er erst auf den falschen Fuß von Marco Reus trat, dann noch mal auf den richtigen, den schon zuvor lädierten, den aber nicht richtig traf, und all das so offenherzig vor den Kameras, dass er nun eine verdiente Sperre von sechs Spielen absitzen muss.
Spielen darf er trotzdem – für die Vereinigten Staaten, die Heimat seines Vaters. Am Wochenende schlug er Arizona in der Nachspielzeit die Ecke zu Ricardo Clarks 1:0-Siegtreffer gegen Venezuela. Zuvor hatte ihn Nationaltrainer Jürgen Klinsmann mit seinem untrüglichen Gespür für Fußballmoral sogar zum Kapitän des Nationalteams ernannt – womit nicht alle glücklich sind. Die Fußball-Website „socceramerica.com“ fand es schon schlimm genug, dass ein Treter wie Jones überhaupt für die USA spiele. Die Ernennung zum Kapitän sei „ein dunkler Tag in der Geschichte des Nationalteams“. Das Fazit, übrigens in deutscher Sprache formuliert: „Jermaine Jones, Nein Danke!“
Bewusste Fouls sind of Match-entscheidend
Carlos Anton (carlosanton)
- 23.01.2012, 15:35 Uhr
Spielverbote
Heribert Mühl (Ruebezahl24)
- 23.01.2012, 15:06 Uhr
Gökhan Inler
Mathias Kluber (Mor-Rioghain)
- 23.01.2012, 14:59 Uhr
Real ist gefordert
Thomas Seifert (Thomas_Seifert)
- 23.01.2012, 13:46 Uhr