Home
http://www.faz.net/-gu2-6xaol
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eichlers Eurogoals Die lieben Verwandten

30.01.2012 ·  Nicht nur im Schloss Bellevue leidet der Ruf des Präsidentenamtes. Auch bei Fußballverbänden gibt es Vetternwirtschaft: Blatters Neffe bekommt Fernsehrechte, Platinis Sohn einen Job in Qatar.

Von Christian Eichler
Kolumne Bilder (4) Lesermeinungen (0)
© AFP Gute Freunde kann niemand trennen: Fifa-Chef Blatter (r.) und der brasilianische Fußball-Allmächtige Teixeira (l.) mit dem brasilianischen Staatspräsidenten Lula

Wer will heute noch Präsident sein? Man gerät so leicht in ungute Umgebung, so schnell in generellen Verdacht. Und das nicht nur im Schloss Bellevue. Auch im Fußball, dem letzten Hort der Seriosität im öffentlichen Leben, hat man es immer schwerer, seinen guten Ruf zu wahren.

Fangen wir ganz oben an. Bei Sepp Blatter. Der versprach seinen Gehilfen in einer bewegenden Rede im Juni des vergangenen Jahres, „das Fifa-Schiff zurück in klares, transparentes Wasser zu führen“.

Im Rückblick klingt das so, als kündige Kapitän Francesco Schettino seinen Passagieren an, die „Costa Concordia“ wieder auf Kurs zu bringen und die fidele Kreuzfahrt fortzusetzen. Sechs Tage nach Blatters Ankündigung „totaler Transparenz“ verkaufte der Fußball-Weltverband seine WM-Fernsehrechte für den asiatischen Markt an einen Neffen von Sepp Blatter. Die Fifa erklärte: „Der Präsident war nicht anwesend, als diese Entscheidung getroffen wurde.“ Na dann.

Platini hat nur einen Sohn - bei der Qatar Sports Investment

Michel Platini, der Präsident der Europäischen Fußball-Union, hat keinen Neffen, jedenfalls keinen bekannten. Aber einen Sohn. Der hatte seinen ersten großen Auftritt als kleiner Junge, der für den berühmten Vater bei dessen Abschiedsspiel eingewechselt wurde. Inzwischen ist Laurent Platini groß geworden und hat etwas Anständiges gelernt, er ist Jurist. Und Michel Platini bemüht sich mit seinem „Financial Fairplay“-Projekt, den europäischen Vereinsfußball finanziell zu sanieren.

Es soll verhindern, dass milliardenschwere Investoren ihren Klubs endlos teure Spieler und damit Erfolge kaufen können – und dabei die Preise so hochtreiben, dass solide wirtschaftende Klubs die Dummen sind. Einer der neuesten dieser Fußball-Heuschrecken, die Platini senior bekämpfen will, ist die Qatar Sports Investment (QSI).

Sie übernahm 2011 Paris St-Germain und trieb den Klub mit Spielerkäufen von fast 100 Millionen Euro an die Spitze der französischen Liga. David Beckham hat man zwar nicht bekommen, dafür konnte QSI nun eine andere Verstärkung vermelden: den Eintritt des jungen Juristen Laurent Platini in die Rechtsabteilung.

Medaillendieb als Stellvertreter

Ja, die lieben Verwandten. Der Schwiegervater von Ricardo Teixeira, der Blatter-Vorgänger Joao Havelange, sollte als Fifa-Präsident sogar mal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen werden und steht nun, mit 95, eher als Architekt eines korrupten Systems dar. Von dem hat auch der Schwiegersohn offenbar reichlich profitiert.

Zum Beispiel soll er als Präsident des brasilianischen Verbandes mit dem Organisationskomitee der WM 2014 einen interessanten Vertrag ausgehandelt haben: Demnach wäre ein WM-Gewinn zu fünfzig Prozent sein persönlicher Gewinn, ein WM-Verlust aber zu 99,99 Prozent der Verlust des Verbandes. Derzeit läuft eine Ermittlung wegen Geldwäsche gegen Teixeira (es geht um 9,5 Millionen Dollar Schmiergeld, die er von der früheren Fifa-Vermarktungsagentur erhalten haben soll).

Um sich ganz der Aufklärung dieser für einen Ehrenmann ungeheuerlichen Vorwürfe zu widmen, hat Teixeira die Amtsgeschäfte vorübergehend an den Kollegen José Maria Marin übergeben. Der führte sich gleich gut ein – indem er bei der Siegerehrung der Copa São Paulo eine Medaille stahl. Eine Kamera zeigte, wie Marin die Medaille in seiner Tasche verschwinden ließ, während der Torhüter von Corinthians leer ausging. Der regionale Verbandsvorsitzende sagte einem Reporter, so etwas sei “völlig normal”. „Es bleiben immer Medaillen übrig. Willst du auch eine?“

Auch Europa hat seine Präsidenten

Ein anderer brasilianischer Präsident, der des Traditionsklubs FC Santos, hat es auch nicht leicht mit dem Geld. Luis Alvaro de Oliveira Ribeiro musste jüngst die Frauen- und die Futsal-Abteilung des Vereins schließen. Als Grund nannte er Sparzwänge – um Jungstar Neymar mit einer 50-prozentigen Gehaltssteigerung auf 15 Millionen Euro pro Jahr in Brasilien zu halten. Wobei Neymar natürlich eigentlich aus einem ganz anderen Grund blieb: „Weil ich diesen Klub einfach liebe. Ich bin wie ein Fan.“

Aber wozu brauchen wir auch Brasilianer? Wir haben in Europa doch auch reichlich Fußballtalent. Gerade im Präsidentenbereich. So kam Maurizio Zamparini bei der US Palermo, die ihm praktischerweise auch gehört, im Jahr 2011 auf die sportliche Zahl von sechs Trainerentlassungen. Einer dieser Trainer, Stefano Pioli, hatte den Job in der Sommerpause übernommen und war ihn vor dem ersten Spieltag schon wieder los.

Dem aktuellen Platzhalter, Bortolo Mutti, reichten schon zwei Spiele, um den Klub-Paten zu Don-Corleone-haften Worten zu bewegen: „Meine Stimmung ist düster. Mutti hat schwere Fehler begangen. Fehler, die nicht noch einmal begangen werden.“ Abmahnungen auf sizilianisch.

Abmahnungen auf Kroatisch

Kroatisch klingen sie so: “Du dreckiges Monster, wasch dich mal. Bastard, mieser Bastard. Ich werde dich wie eine Katze verdreschen.“ (Vdravko Mamic, Boss von Dinamo Zagreb, zu einem Reporter, der ihn zu einem Betrugsverdacht befragte). In Griechenland ist derweil der Kollege Giorgos „Batman“ Batatoudis nach dem libyschen Exil wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht, aber nicht in seiner Eigenschaft als alter Chef von Paok Saloniki, sondern als prominenter Eintrag in der kürzlich veröffentlichten Liste der größten Steuersünder des Pleite-Landes.

Er schuldet Griechenland 2,5 Millionen Euro an Steuern. Aber den Staat bescheißen, das kann ja dort jeder. Viel origineller war das Kunststück, das Batatoudis 2009 gelang: die Fernsehrechte seines Klub für einen Schnäppchenpreis an sich selbst zu verkaufen (und dafür mit einer Bewährungsstrafe davonzukommen).

Präsident einer Schafherde

Und wo soll das alles hinführen? Steht man als Präsident heute denn schon mit einem Bein im Gefängnis? Da gilt es mehr denn je, als Führungskraft und moralische Instanz, zu der man als Präsident berufen ist, vornehme Ruhe und Würde zu bewahren. Einen kleinen Trick, der dabei hilft, schauen wir uns abschließend beim unberechenbarsten aller Präsidenten ab, dem Rumänen Gigi Becali, der sich einst als Jesus im Kreise seiner Apostel (den Fußballprofis von Steaua Bukarest) in einer Kopie von Leonardos „Abendmahl“ in Öl malen ließ.

Der cholerische Milliardär, der Konkurrenten gern als „fette Zigeuner“ beschimpft und Homosexuelle als „Kranke“, hat für dieses Jahr Besserung gelobt. Er weiß einen sicheren Plan, „meine Seele zur Ruhe zu bringen“. Becali will sich „drei- oder viertausend Schafe“ kaufen und ihnen beim Grasen zuschauen. Präsident einer Schafherde, ein Traum.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

Jüngste Beiträge

Ergebnisse, Tabellen und Statistik