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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eichlers Eurogoals Die „Gunners“ als Kanonenfutter

 ·  Arsenal erlebt beim 2:8 in Manchester eine Niederlage historischen Ausmaßes. Dabei hat Trainer Wenger eine volle Kasse. Aber wie gibt er sein Geld erfolgreich aus?

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© dapd Zahlen können ernüchternd sein: Arsenal verliert in Manchester mit 2:8

Frage an den Trainer: „Werden Sie bis Mittwoch Geld ausgeben?“ Antwort: „Wir arbeiten sehr hart daran. Aber es ist nicht leicht.“ Man könnte es ein Luxusproblem nennen, wenn einer sein Geld nicht unter die Leute bekommt. Aber vielleicht hat Arsène Wenger einfach den Zeitpunkt verpasst, um die Schnäppchen-Mentalität hinter sich zu lassen - und um zur Not auch einmal einen überteuerten Preis für einen Spieler zu bezahlen, den er braucht.

Und zu teuer findet der Trainer des FC Arsenal fast alle Spieler im englischen Fußball, spätestens seit der Milliardär Roman Abramowitsch mit seinen Einkaufstouren für den FC Chelsea seit 2003 die Preise verdarb. Wenger wollte dieses Wettrennen des finanziellen Wahnsinns nicht mitmachen. Unter ihm ist der FC Arsenal bis heute der einzige wirklich profitable Klub der Premier League - und doch zahlt Wenger nun womöglich die Zeche dafür.

Im Klassiker bei Meister Manchester United erlebte Wenger am Sonntag eine seiner bittersten Stunden. Es war eine Niederlage historischen Ausmaßes. 2:8 - so hoch hatte ein Team des FC Arsenal zuletzt 1896 verloren, gegen Loughborough Town in der 2. Division. Stolz tragen die „Gunners“ die Kanone im Wappen. Erstmals tun sie das nun als Kanonenfutter.

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Manchester United hat seinen Spaß beim 8:2-Schützenfest © dapd Manchester United hat seinen Spaß beim 8:2-Schützenfest

Bis zum Toresschluss für Neueinkäufe in diesem Sommer am Mittwochabend, 23 Uhr englischer Zeit, will Wenger nun unbedingt noch neue Spieler kaufen. Ein Sinneswandel, der ein Stück Verzweiflung ist. Die Hoffnung des Elsässers, dass die überfällige Verschärfung der Finanzkontrolle europäischer Vereine die hochgerüsteten Subventionsteams wieder verschwinden lassen und die wenigen soliden Geschäftsmodelle belohnen würde, will und will sich nicht bewahrheiten.

Mitglieder der Liga oder im Klub der Kriminellen?

Denn Abramowitsch blieb nicht nur, es kamen auch noch die Araber. Manchester City ist mit dem Geld vom Persischen Golf vorbeigezogen. Am Sonntag gewann der neureiche Klub dank vier Toren des 38-Millionen-Euro-Einkaufs Edin Dzeko und eines Treffers des 46-Millionen-Euro-Neulings Sergio Aguero 5:1 in Tottenham. Selten bot der europäische Vereinsfußball ein so ein zerrissenes Bild wie in diesem Spätsommer. In den korrupt kontaminierten Mittelmeerligen wird entweder noch gar nicht gespielt, wie in der Türkei, wo nach dem Auffliegen des Systems der Spielabsprachen und den Verhaftungen mächtiger Präsidenten der Saisonstart in den September verlegt wurde.

Oder wie in Italien, wo die Spielergewerkschaft den ersten Spieltag am Wochenende bestreikte (man streitet mit den Klubs über die Aufnahme zweier Punkte in die Standardverträge, es geht darum, wer die von der Regierung beschlossenen Solidarzuschläge bezahlen soll und ob die Klubs ihre aufgeblasenen Kader in verschiedene Trainingsgruppen aufteilen können). Oder es wird nur ein bisschen gespielt, so wie in Griechenland, wo am ersten Spieltag fünf Partien stattfanden, die anderen drei fielen aus, weil noch nicht feststeht, ob alle beteiligten Teams noch Mitglieder einer sportlichen Liga sind oder schon Mitglieder im Klub der Kriminellen.

Der 40-Tore-Mann erzielt schon wieder drei Treffer

Und in Spanien, wo die Profis wegen ausstehender Gehälter bei mehreren maroden Klubs mit Verschiebung des Ligaauftaktes gedroht hatten, wurde dann zwar doch gespielt. Allerdings scheint nicht ausgeschlossen, dass dabei doch gestreikt wurde. Zum Beispiel in der Abwehr von Real Saragossa, die sich beim 0:6 gegen Real Madrid recht kampflos ergab. Cristiano Ronaldo, der 40-Tore-Rekordmann der letzten Saison, machte dabei gleich mit drei Treffern weiter.

In der Mitte Europas ist dagegen schon eine Menge passiert. In der Bundesliga zum Beispiel haben 17 von 18 Teams schon mindestens ein Spiel verloren - während es in Spanien wieder einmal so aussieht, als könnten Barca und Real sich nur gegenseitig schlagen, und in England, als gelte das gleiche nun für die beiden Klubs aus Manchester. Beide liegen sie nach den triumphalen Siegen gegen die beiden ehemaligen Topklubs aus London mit je neun Punkten aus drei Spielen ganz vorn.

Schönheitsideal im englischen und europäischen Fußball

Das kommt nicht ganz überraschend, aber sehr überraschend ist dann doch die Rasanz des Niedergangs bei Arsenal. Erlebt England die Implosion eines Modells, das den englischen Fußball nachhaltig verändert und modernisiert hat? Als Wenger 1996 aus Japan zum FC Arsenal kam, galt der Klub als der langweiligste der Premier League, die Spieler verhielten sich unprofessionell, und der Kapitän, Tony Adams, war schwerer Alkoholiker.

Binnen kurzer Zeit spielte Arsenal einen modernen, erfolgreichen Fußball, und die Spieler unterwarfen sich in Verhalten, Ernährung, sozialem Umgang einem strengen Kodex. Arsenal wurde zum einzigen ernsthaften Rivalen von Manchester United. Und mehr als das: zum neuen Schönheitsideal im englischen und europäischen Fußball.

Arsenal „kollabiert in der zweiten Halbfzeit“

15 Jahre später ist dieses Modell immer noch erfolgreich, aber nur noch wirtschaftlich, nicht sportlich. Das klubeigene, stets ausverkaufte Emirates-Stadion und die weltweite Vermarktung machen Arsenal zu einer Geldmaschine, aber sportlich mehren sich Zeichen der Auflösung. Wenger hat keinen neuen Henry, Vieira oder Bergkamp mehr gefunden. Der Kapitän und letzte Weltklassespielers, Cesc Fabregas, war in diesem Sommer von seiner Rückkehr nach Barcelona nicht mehr abzubringen. Und das eigene Publikum wandte sich zuletzt wütend gegen Team und Trainer.

Man könne sich „bei den Fans nur entschuldigen“, räumte Wenger nach dem 2:8 in Manchester ein. Es gab einige mildernde Umstände. Das Team war durch acht Ausfälle dezimiert und nach der Hitzeschlacht in Udine am Mittwoch, wo es mit einem 2:1-Sieg die Champions-League-Qualifikation geschafft hatte, erschöpft. So „kollabierte es in der zweiten Halbzeit“, wie Wenger fand.

Bis Mittwoch kann Wenger sein Gold noch ausgeben

Dennoch kam die naive Art, in der Arsenal die Tore herschenkte, einer Kapitulation gleich, auch eine Folge der personellen Vorlieben Wengers. Nie hat er einmal richtig in einen gestandenen Innenverteidiger investiert, so dass im Abwehrzentrum zumeist Lehrlinge dilettieren. Und in der Offensive ist es immer derselbe, technisch wendige, aber allzu leichtgewichtige Spielertypus vom Schlage eines Rosicky oder Arschawin, auf den Wenger setzt und der für Gegner von der physischen Wucht von United kein Problem ist.

Wird Arsène Wenger nun das letzte und prominenteste Opfer des Trainer-Trends im aktuellen Fußball? Jenes Trends, der all die bestraft, die zu sehr einer fixen Idee von Fußball nachhängen - wie Louis van Gaal. Die Dogmatiker der altmodischen Schönheit sterben aus, es gilt ein neues, jüngeres Ideal. Aber noch sitzt Wenger fest im Sattel. Er hat ein Team mit immer noch enorm viel Können und Talent, das noch vor einem halben Jahr Barcelona besiegte. Er hat eine volle Kasse, und er hat noch Zeit bis Mittwoch kurz vor Mitternacht, um sein großes Problem zu lösen: Geld auszugeben.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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