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Eichlers Eurogoals Die Anelka-Ibrahimovic-Ronaldo-Nummer

 ·  Nicolas Anelka beschimpft andere und hat selbst kaum sportlichen Erfolg. Einen Weltrekord hält er dennoch. Nun versucht es Anelka in China - denn der Lebensraum für ichbezogene Fußballer schwindet.

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© dpa Nicolas Anelka spielte schon für Real Madrid, Paris St-Germain, Manchester City, Fenerbahce Istanbul, Bolton Wanderers und Chelsea

Im Posteingang findet sich eine Mail vom englischen Fußballverband. Die Betreffzeile lautet: “England needs Christian back with the winning team!“ Sehr schmeichelhaft. Aber auch besorgniserregend. So weit ist es also schon gekommen im Mutterland des Fußballs? Erschüttert wirkt es von den Blamagen der beiden Schwergewichte aus Manchester in der Champions League.

Ein Team aus Zypern und eins aus der Schweiz im Achtelfinale; dafür die beiden Führenden der Premier League nur noch in der Europa League. Und schon wird Alex Ferguson, als erfolgreichster Klubtrainer der Welt noch vor vier Wochen für sein 25-jähriges Dienstjubiläum bei United gefeiert, von der Boulevardpresse angezählt.

Die „Mail“ beschrieb Manchester United als „wankende Supermacht, die darum kämpft, ihren Platz in einem sich verändernden Europa zu halten.“ Das klang fast, als gehe es Ferguson da auch nicht besser als Premierminister David Cameron. Der hatte, nur einen Tag nach dem Aus von United in Basel, als es beim Euroretter-Treffen in Brüssel in die nächtliche K.o.-Runde der politischen Champions League ging, auch nichts mehr zu melden.

Einer, den England ausdrücklich nicht mehr braucht, ist Nicolas Anelka. Der Franzose, der mit 18 schon als kommender Weltstar galt und von diesem Ruf bis heute zehrt, ist noch fast überall, wo er als Heilsbringer kam, als Stinkstiefel wieder gegangen. Zum Beispiel bei Real Madrid, wo er wegen Trainingsverweigerung gesperrt wurde und im Kofferraum floh.

Oder im Nationalteam, in dem er in der Pause seines letzten Spiels, bei der WM 2010 gegen Mexiko, Trainer Raymond Domenech als „Hurensohn“ bezeichnete und später die Verbandschefs, die ihn dafür sperrten, als „Clowns“. Und auch beim FC Chelsea, für den er im Champions-League-Finale 2008 den entscheidenden Elfmeter verschoss.

Nun ist das Kapitel beendet. Vor zwei Wochen eröffnete ihm Trainer André Villas-Boas, dass er ab sofort die Kabine und die anderen Räumlichkeiten der ersten Mannschaft nicht mehr betreten darf. Finanzielle Einbußen sind damit wohl nicht verbunden. Anelka wird, wie nun bekannt wurde, nach China wechseln, wo der 32-jährige Franzose bei Shanghai Shenhua in den nächsten beiden Jahren 20 Millionen Euro verdienen soll.

Wenigstens ist keine Ablöse fällig. Aber auch so sieht die finanzielle Bilanz derartig aus, dass Anelka als der teuerste fortgesetzte Irrtum in der Geschichte des europäischen Fußballs gelten muss. Die einzige Bestmarke seiner Karriere ist der Weltrekord in der Addition von Transfersummen. Seine früheren Klubs Real Madrid, Paris St-Germain, Manchester City, Fenerbahce Istanbul, Bolton Wanderers und Chelsea zahlten für ihn insgesamt 128 Millionen Euro an Ablöse.

Richtig verdient hat an ihm nur der FC Arsenal, bei dem Trainer Arsène Wenger weitsichtig genug war, den 17-Jährigen aus Versailles für weniger als eine Million Euro zu holen und dann, nur zwei Jahre später, als er nicht nur dessen Talent, sondern auch dessen Charakter kannte, für 35 Millionen, eine schöne Rendite, an Real zu verkaufen.

Solche Spieler nerven natürlich, andererseits sind sie auch ein bisschen das Salz in der Suppe. Worüber sollte man sich sonst aufregen? Aber es ist eine Gattung, deren natürlicher Lebensraum schwindet. Selbst in der Einkaufsabteilung von Real Madrid suchen sie ja heute nicht mehr diesen allzu ichbezogenen und sozial unverträglichen Typ Fußballer, nehmen wir vielleicht mal Cristiano Ronaldo aus, der allerdings bei aller Eitelkeit ein sehr effizienter und auch mannschaftsdienlicher Spieler ist.

Na gut, außer vielleicht in den direkten Duellen gegen den FC Barcelona, in denen er es immer besonders gut machen will – und dann, wie beim 1:3 im 248. „Clásico“ am Samstag, entweder den freien Kollegen Angel di María übersieht und die Chance zum 2:0 vergibt (und Barcelona gleich darauf zum 1:1 durch Alexis Sanchez ausgleicht); und später freistehend die Kopfballchance zum 2:2 auslässt (worauf Barcelona praktisch im Gegenzug das entscheidende 1:3 durch Cesc Fabregas erzielt).

Real wird stärker, wird geschlossener, und doch fehlt immer wieder etwas. Barca ist und bleibt der Maßstab, nicht nur spielerisch, auch bei der Einstellung, der Auswahl der Spielertypen, bei ihrem vorbildlichen Verhalten in der Gruppe. Selbstdarsteller und Ego-Kicker haben dort keinen Platz. Jeder muss für andere arbeiten, gerade da, wo er nicht persönlich glänzen kann.

Deshalb wurde ein Zlatan Ibrahimovic als teurer Irrtum nach nur einer Saison wieder nach Italien zurückgeschickt und durch den Teamplayer David Villa ersetzt. So ist Barca das aktuelle Vorbild nicht nur spielerisch, technisch oder taktisch, sondern fast noch mehr mannschaftlich. Wenn schon all die Superstars wie Xavi, Iniesta, Messi, Fabregas sich perfekt kollektiv verhalten, dann müssen wir das doch erst recht tun, wenn wir was gewinnen wollen – es ist eine Botschaft, die jeder Fußballer, bis hinunter in die Kreisliga, verstehen kann.

Auch in der Bundesliga entfaltet das Barca-Bild Wirkung. Borussia Dortmund gewann den Titel ohne Star, ja ohne Spieler, die auch nur einen Hauch von Stargehabe zeigten. Auch in einem Weltklasse-Ensemble wie dem FC Bayern dominiert der Teamgeist. Keiner wagt es, sich wie was Besseres aufzuführen, außer manchmal Arjen Robben, der sich das aber auch nur dann ungestraft erlauben kann, wenn seine aktuelle Form mindestens Weltklasse ist.

Der einzige Neuling, der in den letzten Jahren in die Bundesliga kam und die gockelhafte Anelka-Ibrahimovic-Ronaldo-Nummer probierte, war der Österreicher Marko Arnautovic. Zuvor bei Champions-League-Sieger Inter Mailand nur dadurch aufgefallen, dass er Samuel Eto’os Bentley verschlampte (die geklaute Karosse wurde später wiedergefunden), sagte er als Neuankömmling bei Werder Bremen zu Kapitän Torsten Frings den schönen Satz: „Wer von uns beiden hat denn die Champions League gewonnen?“ Solche Spieler, gerade wenn sie bei weitem nicht die Qualität eines Ronaldo haben, nur dessen Gehabe, wirken nur noch wie die Karikatur einer aussterbenden Gattung.

Selbst in Italien, wo man seit jeher die Gockel des Fußballs hätschelt, lernt man nun, dass sich auch Stars vorbildlich in die Gruppe einfügen können – so wie Miroslav Klose, der vielleicht unscheinbarste aller Weltstars des Fußballs, der bei Lazio Rom zunächst alle überraschte, indem er einmal freiwillig mit der Reserve trainierte und da auch noch das Ballnetz schleppte; dann aber natürlich vor allem mit seinen Toren und Torvorlagen.

Am Wochenende rettete er Lazio mit zwei Toren und einer Vorlage den 3:2-Sieg beim Tabellenletzten Lecce und damit einen Spitzenplatz in der Serie A. Die „Gazzetta dello Sport“ warf darauf mit den üblichen Übertreibungen um sich, bezeichnete Klose als „Außerirdischen“, „Zyklon“, „Gigant“ oder gleich als „Klosissimo“. Wir sind gespannt, wie sie das noch steigern können. Vielleicht so: „Italien braucht Miro!“

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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