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Eichlers Eurogoals Der teuerste Titel der Geschichte

 ·  Geld schießt doch Tore – es muss nur genug Geld sein. Und genug Zeit bekommen, zur Not ein paar Minuten extra. Manchester City gibt 930 Millionen Pfund aus und wird durch zwei Tore in der Nachspielzeit Meister. Es ist nicht das erste blaue Fußballwunder.

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© REUTERS Gurppenbild mit großem Wert: Die Millionentruppe von Manchester City wird Meister - in der Nachspielzeit

Geben wir einmal kurz in die Suchmaschine des kollektiven Fußballhirns die Stichwörter „Nachspielzeit“ und „zwei Tore“ ein. Was wird passieren? Vermutlich Folgendes: 99 Prozent aller Befragten spucken mit einer Reaktionszeit von weniger als einiger Sekunde eine Antwort aus, in der die Begriffe „Bayern“ und „Manchester“ vorkommen. So etwas wie das Drama von Barcelona vergisst man eben nicht.

13 Jahre später hat der FC Bayern am Samstag mit dem 2:5 gegen Dortmund im Pokalendspiel die vielleicht schmerzlichste Niederlage erlitten seit den drei späten Leidensminuten des Champions-League-Finales 1999. Und nur einen Tag später lieferte wieder ein Team aus Manchester, ein anderes als damals, eine unvergessliche Nachspielzeit – deren Opfer nun kurioserweise der Sieger von damals war, Manchester United.

Schon 1999 war Manchester City ein vielleicht noch unwahrscheinlicheres Kunststück gelungen als dem großen Lokalrivalen, das war nur etwas untergegangen gegenüber dem Drama von Barcelona. Dort hatte United bei Beginn in der Nachspielzeit gegen die Bayern ja nur ein Tor benötigt, um das Spiel auszugleichen und die Verlängerung zu erzwingen.

Ein Tor kann immer mal fallen, das zweite war dann nur eine überraschende Zugabe. Doch eine Woche später brauchte City im Play-off-Spiel um einen Platz in der Zweiten Liga nicht nur ein Tor, es brauchte zwei, also eine Art Wunder. Denn nach 90 Minuten lag man gegen Gillingham 0:2 zurück.

Dann schoss Horlock den Anschlusstreffer, und in der 95. Minute gelang Dickov der unglaubliche Ausgleich. Es ist bis heute das späteste Tor, das je in einer Nachspielzeit im Wembley-Stadion erzielt worden ist. City gewann das Elfmeterschießen und stieg auf, und mit diesem Erfolg begann der Wiederaufstieg des abgestürzten Traditionsklubs.

Hätten sie damals den Aufstieg verpasst, wären die letzten guten Spieler weg gewesen und der Hauptsponsor auch, und wohl auch kaum ein Araber hätte sich später für sie interessiert. Deshalb galt das Spiel als historische Wendemarke der „Blues“ und das Tor von Dickov als das wichtigste der Vereinsgeschichte.

Bis zu diesem Sonntag, an dem sich der Klub an seine dramatische Nachspielzeit-Tradition erinnerte – und den Fans die erste Meisterschaft seit 44 Jahren bescherte, aber erst, nachdem es sie an den Rand des Nervenzusammenbruchs geführt hatte.

Joey Barton dreht durch, Alex Ferguson frohlockt

17 von 18 Heimspielen hatte City in dieser Saison gewonnen, nun musste nur noch ein einziger Erfolg gegen das Kellerkind Queens Park Rangers her, um die Meisterschaft vor United zu gewinnen. Doch trotz halbstündiger Überzahl nach einer Tätlichkeit des unverbesserlichen Joey Barton (der gegen seinen früheren Klub mal wieder Rot sah und Sergio Aguero während einer Spielunterbrechung in den Rücken trat) lag City nach 90 Minuten 1:2 zurück.

Und 200 Kilometer entfernt frohlockten Trainer Alex Ferguson und seine Spieler nach ihrem 1:0-Sieg in Sunderland schon heimlich über den späten Ausrutscher des Lokalrivalen und über ihren zum Greifen nahen 20. Titelgewinn.

Delirium, kindliche Freude und spontane Vergreisung

Dann aber machte sich Edin Dzeko, für 37 Millionen Euro aus Wolfsburg geholt, zuletzt aber nicht mehr erste Wahl, für die „Blues“ bezahlt und köpfte in der 91. Minute den Ausgleich. In diesem Moment begann das Publikum wieder zu erwachen und ans Wunder zu glauben, und Sergio Agüero, der Schwiegersohn von Diego Maradona, des Messias aller Fußball-Wundergläubigen, lieferte es.

In der 94. Minute wühlte er sich durch die Abwehr und hämmerte den Ball, der ihm glücklich wieder vor die Füße fiel, ins kurze Eck. Der Rest war Delirium, war kindliche Freude und spontane Vergreisung - in Manchester, wo City-Trainer Roberto Mancini erklärte, er fühle sich „nach alldem 90 Jahre alt“, und in Sunderland, wo Ferguson trotzig erklärte, es werde „100 Jahre brauchen“, bis City die Erfolge von United eingeholt habe.

Es war nur eine Frage der Zeit und des Preises

So wundersam dieses Finale wirkte, so wenig verwunderlich ist das Ergebnis der Meisterschaft, die es in letzter Minute entschied – das knappste in England seit 47 Jahren, als letztmals die Tordifferenz den Meister gemacht hatte. Denn der Erfolg von Manchester City - so sportlich überzeugend die Leistung des wuchtigen Angriffs und der stabilen Defensive über die gesamte Spielzeit war – ist und bleibt ein gekaufter Erfolg.

Es war nur eine Frage der Zeit und des Preises, wann sich die höchsten und schnellsten Ausgaben, die je im Fußball gemacht wurden, auch in einem Titelgewinn äußern würden. Es ist der teuerste Titel aller Zeiten, er hat weit über 800 Millionen Euro gekostet.

930 Millionen Pfund für drei Spielzeiten

Nach Berechnungen des „Telegraph“ hat City seit der Klubübernahme 2008 durch Scheich Mansour bin Zayed Al-Nahyan aus Abu Dhabi in nur knapp drei Spielzeiten bis Ende letzter Saison 930 Millionen Pfund ausgegeben.

Allein die Zahlungen für die Wahnsinnsgehälter der Spieler in dieser Zeit, 390 Millionen Pfund, übertrafen die operativen Einnahmen des Vereins, 365 Millionen, deutlich. Der Fehlbetrag wurde jede Saison aus Abu Dhabi ausgeglichen, insgesamt 565 Millionen Pfund bis Ende der Spielzeit 2010/11.

Geld schießt halt doch Tore

Nimmt man das Minus aus der aktuellen Saison dazu, der wohl ebenfalls in dreistelliger Millionenhöhe liegen dürfte, dann kommt man auf zwei Dinge: auf eine Summe, die in nicht mal vier Jahren eine Höhe erreicht hat, für die Roman Abramowitsch, der bisherige Zuschuss-Weltmeister des Fußballs, beim FC Chelsea mehr als doppelt so lang brauchte.

Und auf eine Erkenntnis, die das launische Spiel für ein, zwei Jahre schon mal widerlegen kann, die letztlich aber unumstößliche wirkt: Fußball ist eben doch käuflich – wenn die Kaufkraft stimmt. Allein Dzeko und Agüero, die Spieler, die City am Ende den Titel retteten, haben den Klub seit ihrem Kauf 2011 an Transferzahlungen und Gehältern über 100 Millionen Euro gekostet.

Ein ordentlicher Preis für zwei späte Treffer. Geld schießt halt doch Tore – es muss nur genug Geld sein. Und genug Zeit bekommen, zur Not ein paar Minuten extra.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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