Eines der interessantesten Phänomene der Fußball-Phantasie ist der eingebildete Pfiff. Ein feines Beispiel dafür hat nun das Spitzenspiel der Premier League zwischen Manchester United und Tottenham Hotspur geboten. Es ist kurz vor Ende, die Spurs drängen auf den Ausgleich.
United-Stürmer Nani dringt in den Strafraum ein, sein Gegenspieler hakelt ein wenig von hinten. Es ist ein Tackling in homöopathischer Dosis. Der leichtgewichtige Portugiese, im Nebenberuf ein begabter Capoeira-Tänzer, sinkt dahin wie von einer Bärenpranke erlegt. Elfmeter, schreien die Spieler und Fans von Manchester.
Was tut Schiedsrichter Mark Clattenburg? Nichts. Seine Pfeife, deren schrillen Klang 70.000 Zuschauer nun hören wollen, schweigt. Nur Tottenham-Torwart Heurelho Gomes will einen Pfiff gehört haben - einen zu seinen Gunsten. Denn Nani hat, kaum zu Boden gegangen, den Ball mit dem Arm gespielt.
„Eine der größten Fehlentscheidungen des Fußballs“
Im Fußballhirn von Gomes sagt eine Stimme: Wenn es kein Elfmeter für die anderen ist, ist es Freistoß für uns. Doch er hätte besser auf sein Ohr als auf sein Hirn gehört. Denn wie der Elfmeterpfiff bleibt in diesem Fall der Freistoßpfiff ein eingebildeter Pfiff. Der Schiedsrichter hat nämlich die Situation als Vorteil für Tottenham gewertet, weil Gomes den Ball nach Nanis Handspiel mühelos aufnehmen konnte.
Nun also legt Gomes den Ball mitten in seinen Strafraum, geht ein paar Meter zurück, um Anlauf zu nehmen für den Freistoß (der ja gar keiner ist). Da taucht plötzlich der wieder auferstandene Nani neben dem Ball auf. Und wie er da so steht, merkt Nani: Hey, es hat ja gar keiner gepfiffen. Und schießt den Ball ins leere Tor. Erst jetzt pfeift der Schiedsrichter - zum 2:0-Endstand. Tottenhams Trainer Harry Redknapp ist außer sich, er spricht später von „einer der größten Fehlentscheidungen in der Geschichte des Fußballs“. Wobei Trainer in solchen Fällen seltsamerweise immer nur die Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern meinen und nicht die von eigenen Spielern. Also immer nur falsche Pfiffe oder ausgebliebene Pfiffe, aber nie eingebildete Pfiffe.
Vielleicht braucht der Fußball ja gar nicht so sehr den Video-Beweis wie den Audio-Beweis? Schon seltsam, dass die wichtigsten Entscheidungen in diesem Milliardenspektakel des 21. Jahrhunderts immer noch mit simpelster Akustik-Technik aus dem 19. Jahrhundert verkündet werden: mit der Trillerpfeife, dem meistgehörten Musikinstrument der Welt. Ihre interpretatorische Vielfalt beschreibt ein Hersteller so: „Je nach Situation ertönt sie als scharfer gebieterischer Anpfiff oder manchmal nur als sanft ermahnende Nachdrücklichkeit.“
Barcelonas Torwart und die akustische Tätlichkeit
Reicht dieses Klangspektrum noch aus, um im Geräuschteppich eines brodelnden Stadions unverwechselbar zu bleiben? Schließlich schaffen es einfallsreiche Menschen, mit Einsatz von Zunge oder Finger trillerpfeifenartige Töne zu erzeugen. Einen solchen stieß vor zwei Wochen der Torwart José Manuel Pinto im günstigen Moment in unanständiger Absicht aus. Beim Stand von 1:0 für sein Team, den FC Barcelona, stürmte César Santín vom FC Kopenhagen allein auf ihn zu.
Da pfiff Pinto und hob den Arm, als wäre das Spiel unterbrochen, und so brach Santín seinen Lauf ab, weil er glaubte, der Angriff wäre wegen Abseits unterbrochen. Es war aber kein Abseits, es war auch keine Unterbrechung, es war nur eine vorgetäuschte Unterbrechung. Der gefälschte Pfiff, diese akustische Tätlichkeit, führte dazu, dass Kopenhagen die große Ausgleichschance verschenkte. Und dazu, dass Pinto von der Europäischen Fußball-Union für zwei Spiele gesperrt wurde - eine Strafe, auf die Barcelona pfeifen kann, denn Pinto ist nur Ersatztorwart.
Enten, Polizeihunde, Füchse, Fasane und Eichhörnchen
Der originellste Pfiff des Fußball-Wochenende kam allerdings aus der belgischen Provinz, von einem Spielplatz mit dem schönen Namen „Regenbogenstadion“. Dort, in Waregem im bäuerlichen Westflandern, ist der Profifußball vom echten Leben noch nicht so weit entfernt wie in den strahlenden Arenen der großen Ligen. So kam es bei der Partie zwischen Zulte-Waregem und Lokeren zu einer seltsamen Unterbrechung durch den Schiedsrichter: eine Ente befand sich auf dem Spielfeld.
Nun sind Tiere am Ball nichts Unbekanntes. Schon 1969 schrieb ein Polizeihund Fußballgeschichte, als er beim Revier-Derby Schalke gegen Dortmund dem Schalker Friedel Rausch ins Gesäß biss. Beim Glasgower Derby 1996 wurde neben zwei Trainerfüchsen auch ein vierbeiniger Fuchs gesichtet (er entkam). 1997 fing Carlos Secretario von Real Madrid einen Hasen, und in der Champions League hatten ein Fasan (in Barcelona 2002) und ein Eichhörnchen (bei Arsenal 2006) ihren großen Auftritt.
Im Zoo des Fußballs ist die Ente der Klassiker
Ein Schwein, dem Metzger entkommen, hielt beim österreichischen Pokalspiel SPG Wattens-Wacker gegen SV Salzburg 2003 sechs Ordner zwanzig Minuten lang auf Touren (es wurde nach dem Spiel von Fans als Maskottchen adoptiert und vor dem Schlachter bewahrt). Und noch an diesem Wochenende musste das türkische Spitzenspiel zwischen Bursaspor und Fenerbahce wegen einer Katze im Strafraum unterbrochen worden.
Doch im Zoo des Fußballs ist die Ente der Klassiker. Eine wurde 2006 beim finnischen Erstligaspiel TPS gegen KuPS von einem Eckball ins Koma geschossen (und von einem Feuerwehrmann reanimiert). Bayern-Torwart Sepp Maier hechtete 1976 im Bundesligaspiel gegen Bochum einer Ente hinterher, bekam das Watscheltier aber nicht zu fassen. Die belgische Ente war nun besonders zäh. Sie entzog sich zunächst allen Nachstellungen, ehe der Stürmer Mahamadou Habib Habibou die Gelegenheit und das Tier beim Schopf packte und über die Werbebande warf. Sie landete glücklich auf zwei Beinen und entfernte sich. Das Publikum pfiff anerkennend.