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Eichlers Eurogoals Der Dritte im Zweikampf

Einem englischen Schiedsrichter wurde schmerzhaft in Erinnerung getreten, dass er im Duell um den Ball nichts zu suchen hat. Ein Österreicher zeigt sich erfinderisch bei der Schiedsrichterbeleidigung. Und Strafen sind im Fußball sehr relativ.

© dapd Vergrößern Foul am Schiedsrichter: Lee Probert nimmt es mit Humor

Ein Schiedsrichter hat es schwer genug. In England noch schwerer. Vielleicht sollte er besser Schienbeinschoner tragen, wie die Spieler. Denn auch ihm, dem Mann, der als einziger auf dem Platz den Ball gar nicht will, kann es passieren, dass er plötzlich im falschen Moment am falschen Ort ist. Und nirgendwo tut das dann so weh wie in der Premier League.

Christian Eichler Folgen:  

Lee Probert machte eigentlich alles richtig in der 14. Minute des Spiels zwischen Wigan und Fulham. Er hielt sich etwas abseits vom Geschehen, nahe des Mittelkreises. Plötzlich aber misslang ein Pass, und der Ball kam genau auf ihn zu – keine Sekunde später taten das auch die im Tiefflug-Tackling heranrauschenden Steve Sidwell und Ben Watson. Man nennt das auf der Insel eine „Fifty-fifty-Challenge“, ein Ball, der in diesem Moment keinem gehört.

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Es liegt in der DNA englischer Kicker, die Fünfzig-fünfzig-Chance mit hundert Prozent Einsatz anzugehen. Allerdings ist im üblichen Zweikampfmuster keine dritte Person vorgesehen. Und laut Regelwerk ist der Schiedsrichter ja auch Luft. Am liebsten wäre er es in diesem Moment wohl auch gewesen.

Liverpool vs Manchester United © dpa Vergrößern Würdevolles Gedenken: Die Spieler von Manchester United ehren die 1989 verstorbenen Fans des Erzrivalen Liverpool

Der Ball entkam dem Sandwich der knochenharten Tackler, nicht aber der Schiedsrichter. Mit aufgerissenen Augen und schmerzverzerrtem Gesicht wälzte sich Probert auf dem Boden – und hatte augenblicklich zum Schaden auch den Spott. „Ich glaube, er will einen Freistoß“, scherzte der Live-Reporter von „Sky“, und während Probert unter allgemeiner Heiterkeit behandelt wurde, legte der Kommentator noch einen nach: „Lee Probert weiß jetzt, wie es sich anfühlt, in der Premier League im Mittelfeld zu spielen.“

Zum Glück erwies der Mann sich der Aufgabe gewachsen und zeigte, was Engländer sehen wollen von Helden des Alltags: Härte und Humor. Noch im Liegen zeigte Probert Watson die Rote Karte – natürlich nur im Scherz. Eine Minute später stand er wieder, biss auf die Zähne, das Publikum, das nichts anderes erwartet hatte, spendete Beifall, weiter ging es. Wigan gewann 2:1.

Kühbauer gegen die Kreaturen

Die Szene dürfte nicht wenigen Fußballfreunden, auch wenn sie Lee Probert bisher gar nicht kannten, leise Schadenfreude bereiten. Wie zum Beispiel Dietmar Kühbauer, der sich am selben Wochenende in Wien mit dem Schiedsrichter Gerhard Grobelnik anlegte und später mit dessen ganzem Berufsstand. Der frühere österreichische Nationalspieler und Wolfsburger Profi, inzwischen Trainer beim FC Admira, musste schon nach 13 Minuten auf die Tribüne, worauf sein Team zeigte, dass es auch ohne den Chef ganz gut geht: Es gewann 5:1 gegen Mattersburg.

Das konnte Kühbauer aber nicht besänftigen. „Ich fühle mich langsam gefrotzelt von den Schiedsrichtern“, zeterte er auf der Pressekonferenz. Und bereicherte dann den ohnehin reichen Sprachschatz der Schiedsrichterbeschimpfung um eine aparte alpine Wortschöpfung: „Mir gehen diese Kreaturen nur am Socken.“

Auch der Tod braucht ein Ticket

Ob das Wortspiel ein Nachspiel hat? Das weiß man nie im Fußball, und auch nie, wie teuer es wird und wie lange es dauert. So brauchte es ja 23 Jahre, bis vor kurzem amtlich festgestellt wurde, wie sehr Polizei und Politik ihr Versagen bei der Hillsborough-Katastrophe vertuscht haben. Und dass definitiv nicht die ins Stadion strömenden Liverpool-Fans für den Tod von 96 Menschen im überfüllten Liverpool-Fanblock verantwortlich waren. Während am Sonntag vor der unglücklichen 1:2-Niederlage der auf einen Abstiegsplatz abgestürzten Liverpooler gegen Manchester United Spieler und Zuschauer noch einmal der Toten gedachten, treten immer mehr empörende Details von Hillsborough zu Tage.

Argentina Soccer © dapd Vergrößern Nur auf dem Spielfeld Grund zum Jubeln: Mauro Camoranesi (l.) wird zu einer 50.000-Dollar-Strafe verurteilt.

Zuletzt war es ein Brief aus dem Jahr 1989, in dem der Verein Sheffield Wednesday als Stadionbesitzer nur einen Monat nach der Katastrophe beim englischen Fußballverband um Entschädigung für entgangene Ticketeinnahmen ersuchte – weil die fatale Entscheidung der Polizei, die drängenden Massen durch ein offenes Tor ins Stadion und in den schon überfüllten Zuschauerblock strömen zu lassen, eben auch dazu geführt hatte, dass viele Fans ins Stadion kamen, ohne zu bezahlen. Die Logik ist so zynisch wie zwingend: Damit das Geschäft läuft, braucht auch der Tod ein Ticket.

Camoranesis späte Strafe

Fast genauso lang, 18 Jahre, hat es gedauert, bis Mauro Camoranesi für ein Foul zur Verantwortung gezogen wurde. Der gebürtige Argentinier, 2006 mit Italien Weltmeister und später mit dem VfB Stuttgart erfolgloser Bundesligaprofi, hatte als Jüngling in der Heimat die Karriere des Kollegen Roberto Pizzo 1994 mit einem unfassbar brutalen Foul beendet. Der Tritt mit gestrecktem Bein, der den Unterschenkel zertrümmerte, ist erst nun, nach Camoranesis Rückkehr in die argentinische Liga, von der Justiz abschließend abgearbeitet worden. Der oberste Gerichtshof von Buenos Aires bestätigte das Urteil eines Gerichts, das das Foul zwar nicht als vorsätzlich, aber „abnorm“ eingestuft hatte. Es verurteilte den Profi zu einer Geldstrafe von 50.000 Dollar plus Zinsen.

Das also ist der Preis für eine kaputte Karriere – immerhin einen Hauch mehr als das, was Manchester City im April an die Uefa bezahlen musste, weil das Team nach der Pause im Europa-League-Spiel gegen Sporting Lissabon zu spät zur zweiten Halbzeit erschienen war. Die einminütige Verspätung kostete 30.000 Euro.

Eine Minute Verspätung ist so teuer wie ein verherrlichter Völkermord

Zum Glück traf es keinen Armen. Überraschend bleibt dennoch, wie das Tarifsystem des großen europäischen Fußballs funktioniert. Strafbar machte sich zum Beispiel auch jene Horde bulgarischer Fans, die die Besucher aus Sarajevo zum Europa-League-Qualifikationsspiel bei Levski Sofia im Juli mit einem Transparent empfing, das zwei Massenmörder feierte: „Mladic und Arkan haben euch niedergemacht. Und jetzt wir.“

Strafbar schon, aber nicht allzu sehr. Letzte Woche belegte die Uefa den Verein mit einer Strafe von 30.000 Euro. Eine Minute zu viel Pause kostet im Fußball so viel wie ein verherrlichter Völkermord.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 24.09.2012, 13:49 Uhr

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