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Eichlers Eurogoals Den eigenen Tod überlebt

 ·  Im Fußball gibt es nicht nur eine alltäglich banale, sondern auch eine lebenslänglich fatale Schicksalhaftigkeit. Eine Reihe Profis kollabierten und starben auf dem Platz. Patrice Muamba überlebte - und sollte José Mourinho dankbar sein.

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© REUTERS Nicht nur in Bolton wünschen die Fans Patrice Muamba schnelle und gute Besserung

Die Gipfelregion des europäischen Fußballs ist zweigeteilt. Besser gesagt: bipolar. Der eine, der positive Pol, heißt Barcelona. Es ist die Welt des schwerelos schönen Fußballs, ein Spiel ohne Abgründe, zelebriert vom brillant bescheidenen Messi, gelenkt von dem sanftäugigen, sozialverträglichen Guardiola.

Der andere, der negative Pol, heißt Real Madrid. Es ist die Welt des Ergebnisfußballs, vorgeführt vom Selbstdarsteller Ronaldo, gesteuert vom skrupellosen Provokateur Mourinho.

Soweit das Klischee. In der Welt der Wirklichkeit liegen die beiden Pole gar nicht so weit auseinander. Die zählbaren Leistungen von Messi und Ronaldo zum Beispiel sind fast deckungsgleich. Mit seinen drei Treffern am Mittwoch gegen Getafe hatte der Argentinier die Führung der spanischen Torjägerliste von dem Portugiesen wieder übernommen.

Am Wochenende glich Ronaldo mit drei Toren beim 5:1 gegen San Sebastian wieder aus. Beide haben nun je 35 Ligatreffer auf dem Konto, und es sind noch neun Partien zu bestreiten – ein Torjägerduell auf einem Niveau, wie es der Fußball noch nie gesehen hat.

Und Mourinho? Er ist nicht der Antifußball-Trainer, als den ihn viele gern sehen. Er hat mit Chelsea, manchmal sogar mit Inter, erst recht mit Real auch attraktiven Fußball gezeigt. Aber im Gegensatz zu allen Kollegen, die im modernen Fußball und seinem gehobenen Jargon etwas auf sich halten, hat Mourinho keine „Philosophie“. Er hat keine Philosophie, er hat Methoden. Und die orientieren sich an den konkreten Gegebenheiten, nicht an einer abstrakten Idee. Mourinho kann schön, aber auch anders.

Und ob man ihn mag oder nicht, sicher ist, dass er eine Menge bewegt hat. Und dass ohne Mourinho Fabrice Muamba wohl nicht mehr leben würde.

Der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler der Bolton Wanderers, der vor einer Woche beim Spiel in Tottenham mit Herzstillstand zusammengebrochen war, hat in der Folge etwas paradox Klingendes geschafft: seinen eigenen Tod zu überleben.

Wenige Tage nach dem, was Kardiologen den „plötzlichen Herztod“ nennen, atmete Muamba wieder ohne künstliche Hilfe. Er war bei Bewusstsein und unterhielt sich mit Besuchern.

Eine Reihe von Fußballprofis ist in den vergangenen zehn Jahren auf dem Platz kollabiert und gestorben. So wie der Kameruner Marc-Vivien Foé, 28 Jahre alt, 2003 beim Confederations Cup in Lyon. Der 24 Jahre alte Ungar Miklós Fehér 2004 im Einsatz für Benfica Lissabon. Der 35 Jahre alte Schotte Phil O’Donnell, in einem Ligaspiel mit Motherwell 2007.

Oder Spanier Antonio Puerta, 22 Jahre, zweimaliger Uefa-Cup-Sieger mit dem FC Sevilla, im Spiel gegen Getafe 2007. Das letzte Opfer war in der vergangenen Woche der Inder Venkatesh, der nach Herzstillstand während eines Spiels in Bangalore in der nationalen A-Liga starb. Laut Zeitungsberichten gab es keinen Rettungswagen. Der Spieler wurde mit einer Rikscha ins Krankenhaus gebracht. Als er eintraf, war er tot.

Dass Fabrice Muamba Glück hatte, dass er 78 Minuten überlebte, in denen sein Herz nicht mehr schlug, verdankt er vor allem der schnellen und exzellenten Erstversorgung. Und damit auch: José Mourinho.

Der Portugiese erlebte als Chelsea-Trainer im Oktober 2006 bei einem Spiel in Bolton, wie schlecht die Notfallversorgung für Spieler in der Premier League war. Sein Torwart Peter Cech erlitt bei einer Kollision einen Schädelbruch. Danach musste Cech in der Kabine dreißig Minuten auf einen Krankenwagen warten.

Der wütende Mourinho nutzte seine Medienwirkung, um die ärmlichen medizinischen Zustände in der reichsten Liga der Welt anzuprangern: Es gehe hier um eine Sache, die „viel wichtiger ist als Fußball.“ Der offizielle Protest des FC Chelsea führte dazu, dass seit 2007 bei jedem Spiel der Premier League ein Notarzt und eine Ambulanz ausschließlich für Spieler und Offizielle bereit stehen müssen.

Muamba wurde von sechs Ärzten zehn Minuten lang erstversorgt, wobei nach Auskunft des Vereinsarztes Jonathan Tobin auch fünf Stromstöße des Defibrillators das Herz nicht wieder zum Schlagen brachten. Deshalb sah Tobin ihn als „in Wirklichkeit tot“ an.

48 Minuten nach dem Kollaps erreichte Muamba eine Spezialklinik, wo es nach einer weiteren halben Stunde endlich gelang, sein Herz wieder in Gang zu setzen. „Wenn ich jemals das Wort Wunder gebrauchen würde, dann trifft es auf diesen Fall zu“, sagte der behandelnde Kardiologe. Am Samstag feierten die heimischen Fans Muambas Rettung vor dem 2:1-Sieg gegen Blackburn mit Gesängen und Transparenten.

Ein anderes Fußballer-Drama hat sich vor wenigen Tagen zum dreißigsten Mal gejährt. Es ist der Fall von Jean-Pierre Adams, der in den 70er Jahren in über zwanzig Länderspielen zusammen mit dem ebenfalls aus Schwarzafrika stammenden Marius Trésor die Innenverteidigung der französischen Nationalmannschaft gebildet hatte. Wegen ihrer Stärke und ihrer Hautfarbe nannte man die beiden die „garde noire“, die schwarze Wache.

Als Adams 34 Jahre alt war und seine Karriere beim Drittligaklub Chalon ausklingen ließ, unterzog er sich 1982 wegen Kniebeschwerden einer Operation. Es war ein Routine-Eingriff. Er wachte nie wieder auf. Ein Gericht stellte als Ursache der Tragödie Versäumnisse bei der Anästhesie fest. Seit dem 17. März 1982, seit über dreißig Jahren, liegt Jean-Pierre Adams im Koma.

Das alles nur mal als kleine Erinnerung vor einem hoffentlich erregenden, dramatischen Saisonfinale, in dem all die Emotionen, die wir an diesem Sport so mögen, wieder höchste Wellen schlagen werden: die aufgerissenen Augen und hochgeworfenen Arme wegen eines nicht erhaltenen Einwurfs; die großen Tragödien später Gegentore und schicksalhafter Abseitspfiffe.

Und natürlich auch die leidenschaftlichen Diskussionen über Gut und Böse, über das Richtige und Falsche bei der Art, ein Fußballspiel anzugehen; der erbitterte Streit über die Gegenpole von Schönheit und Zweckmäßigkeit, von Barca und Real; die unkontrollierbare Ohnmacht angesichts der ewigen Rätsel dieses Spiels; und vor allem natürlich das große Klagen über das eigene, grausame Pech und das unverdiente Glück der anderen.

Es gibt aber, daran sollte man sich ab und zu mal kurz erinnern, auch im Fußball nicht nur eine alltäglich banale, auch eine lebenslänglich fatale Schicksalhaftigkeit – eine, in der Unglück nicht ein Pfostentreffer ist, sondern eine Betäubung, aus der es kein Erwachen gibt; und Glück nicht ein abgefälschter Schuss, sondern ein Fußballspiel, in dem man den eigenen Tod überlebt.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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