08.03.2010 · Rätselhafte Jubelformen sind eine Standardsituation des Profifußballs. Der Ohrschrauber wurde jüngst zum Brustwarzenschrauber weiterentwickelt. Noch immer beliebt ist der Leibchenauszieher. Und dann kam Spiderman.
Von Christian EichlerFür seinen Chef Louis van Gaal war Philipp Lahm am letzten Mittwoch gegen Argentinien noch der beste deutsche Nationalspieler. „Das war auch nicht schwer“, fand der Bayern-Trainer. Zwar hatte Gegenspieler Jonas Gutierrez, wegen seiner langen, schwarz behaarten Beine „Spiderman“ genannt, den kleinen Münchner wiederholt eingewickelt.
Doch wenigstens blieb Lahm das Schlimmste erspart, ein Tor von Gutierrez. Was nämlich danach passiert, sah man nun beim 6:1-Sieg von Newcastle United, dem Tabellenführer der englischen „Championship“, gegen Barnsley. Der Spinnenmann flitzte los, gab einen giftigen Schuss ab, der satt im Netz landete - und feierte die fette Beute mit einer roten „Spiderman“-Maske.
Diese Form der Freude erfordert logistisches Geschick. Es ist nicht einfach, jede Woche neunzig Minuten lang eine Gummimaske in der kurzen Arbeitshose mit sich herumzutragen, ohne sich dabei einen Wolf zu laufen. Eine Maske zudem, die an mehr als neunzig Prozent der Arbeitstage am Feierabend unbenutzt wieder in der Requisite landet. Denn Gutierrez ist einer der torungefährlichsten Spieler, die das Land der Gauchos je hervorbrachte. Das einzige Tor, das er vor seinem Glücksschuss vom Wochenende in 27 Saisonspielen in der Zweiten Liga erzielt hatte, war Anfang November gegen den Tabellenletzten Peterborough.
Jubelnde Spieler, das letzte Geheimnis des Fußballs
Man kann ihn verstehen: Wer so selten trifft, muss sich, wenn er trifft, wenigstens bemerkbar machen. Allerdings tragen zur Rubrik „rätselhafte Jubelformen“ - dieser Standardsituation des Profifußballs - auch Leute bei, die dauernd treffen oder wenigstens trafen, wie Luca Toni. Derzeit ist er immer noch nicht wieder fit genug, um seinen Ohrschrauber auch in der Heimat zu zeigen. Als Rekonvaleszent verfolgte die Bayern-Leihgabe das 0:0 zwischen Roma und Milan im Verfolgerduell der Serie A.
Dafür hat der Verteidiger Sergio Ramos nun in Madrid eine anatomische Weiterentwicklung des Toni-Jubels präsentiert: den Brustwarzenschrauber. Nach seinem Treffer zum 2:2 gegen den FC Sevilla formte der Real-Mann zunächst mit den Handflächen ein V, dann drehte er in angedeuteter Form mit spitzen Fingern an seinen Brüsten herum. Was wollte er der Welt sagen? Oder war es nur eine Botschaft an ein sehr exklusives Publikum, etwa das Versprechen an eine entfernte Bekannte, ihr nun die OP zu bezahlen? Oder die Andeutung der für den späteren Abend vorgesehenen Freizeitgestaltung? Niemand weiß es. Jubelnde Spieler, das letzte Geheimnis des Fußballs.
Von braven Soldaten und roten Rittern
Eine solche Deutung - Torjubel als Darstellung des geplanten Feierabendprogramms - wäre allerdings auch eine plausible Erklärung für die weit verbreitete Jubelform, die Rafael van der Vaart nach seinem 3:2-Siegtreffer in der Nachspielzeit zeigte: Er riss sich das Leibchen vom Leib. Ohne das weiße Hemd gab es Gelb, aber das war dem früheren Hamburger Holländer wurscht. Für Real war es ein Feiertag, der 13. Sieg im 13. Heimspiel der Saison, und das nach einem 0:2-Rückstand, bei dem Sevilla das Kunststück fertiggebracht hatte, zwei Tore zu erzielen, ohne ein einziges Mal bewusst aufs Tor geschossen zu haben: durch ein Eigentor von Real und durch eine Freistoßflanke, die zufällig im Netz landete.
Nach dem 0:2 hatte sich der teuerste Spieler der Welt bezahlt gemacht. Cristiano Ronaldo schoss sein 20. Saisontor im 21. Einsatz in spanischer Liga und Champions League - und trug nach dem Anschlusstreffer demonstrativ ohne jeden eitlen Jubel den Ball wie ein braver Soldat im schnellen Schritt zum Anstoßpunkt zurück. Es war der Anfang der Wende, und weil Barcelona in Unterzahl nach einer Roten Karte für Zlatan Ibrahimovic in Almeria nur 2:2 spielte (Lionel Messi traf zweimal zum Ausgleich), ist Real nun Tabellenführer in Spanien.
Wie jubeln Spekulanten?
Tabellenführer in England ist Manchester United. Der unverwüstliche Paul Scholes traf zum 1:0-Sieg in Wolverhampton, was ausreichte, weil Chelsea nicht in der Liga tätig war, nur im Pokal (2:0 gegen Stoke). Interessanter als das sind die sich häufenden Berichte über Versuche, den einst lukrativsten und nun mit am höchsten verschuldeten Fußballklub der Welt aus dem Spinnennetz des Amerikaners Malcolm Glazer zu befreien. Eine Fan-Gruppe namens „Red Knights“ will genug Geld zusammenbringen, um Manchester United zu kaufen. Der „Observer“ meldete, dass sogar Trainer Alex Ferguson dieses Unterfangen mit eigenem Kapital unterstützen wolle - was Ferguson umgehend als „völligen Unfug“ bezeichnete.
Ein anderes Blatt, „The People“, berichtete, dass Pini Zahavi, der als mächtigster Agent der Fußballszene gilt (und einst für Roman Abramowitsch den Chelsea-Kauf erledigte), nun ebenfalls eine United-Übernahme einfädeln wolle. Der Israeli hat demnach bei potenten Investoren eine Milliarde Pfund auf einem Schweizer Bank-Konto gesammelt, um den größten Deal der Fußballgeschichte zu machen. Wenn das stimmt, dann dürfte Glazer aus seinem unseligen Ausflug in das englische Spiel einen riesigen Gewinn heim nach Florida nehmen. Und dort den Treffer des Jahres feiern. Wie jubeln Spekulanten? Wir vermuten: ganz still und heimlich. Im Superman-Kostüm. (siehe auch: Die Jubelperversen)