08.12.2008 · Ivan Klasnic trifft erstmals in Europas torärmster Top-Liga. Und Bernd Schuster geht nach der nächsten Pleite geschickt in die Defensive - obwohl er offenkundig kein Abwehrstratege ist. Christian Eichler blickt in seiner wöchentlichen Kolumne Eurogoals über die Spielfelder des Kontinents.
Von Christian Eichler, BrüsselFür eine Minute am Abend des 20. Juni war er der Mann des Jahres im europäischen Fußball. Für jene 119. Minute in Wien, in der der Kicker aus Hamburg-Altona sein Team mit dem 1:0 im EM-Viertelfinale in den siebten Himmel schoss. Welch eine Geschichte, nur ein Jahr, nachdem er mit zwei Nierentransplantationen dem Tod von der Schippe gesprungen war. Weil Geschichten im Fußball aber nicht immer lang halten, manchmal nur ein Tor lang, hielt diese nur sechzig Sekunden. Dann glichen die Türken in der Nachspielzeit der Verlängerung aus und gewannen das Elfmeterschießen gegen die geschockten Kroaten. 3:1 im Elfmeterschießen gegen Kroatien: Die Türkei trifft im Halbfinale auf Deutschland
So wurde es das traurigste Tor des Ivan Klasnic. Und das letzte - für ein halbes Jahr. Selbst in Bremen wird sich heute mancher fragen, wo ihr kroatischer Knipser (49 Tore in 152 Spielen) danach gelandet ist. Die Antwort: bei einem Kellerkind der torärmsten Top-Liga Europas. Zwölf Spiele lang passte sich Klasnic der französischen Tor-Deflation an, traf nicht für den FC Nantes.
Freude eines Fuchses
Dann kam am Samstag Serienmeister und Tabellenführer Olympique Lyon. Klasnic wurde nach einer Stunde eingewechselt. Er erzielte eine Minute später den Ausgleich, schoss kurz vor Schluss per Elfmeter das Siegtor, und in seinem Gesicht beobachte „L'Équipe“ eine „unverhohlene Freude“ - „die eines Fuchses, der lange keine Beute mehr gemacht hatte“. Endlich eine schöne Klasnic-Geschichte. Eine, die länger hält als eine Minute.
In Frankreich (11 Tore am vorletzten Spieltag) bringt man es mit zwei Toren zum Titelthema der größten Sportzeitung. In Spanien (44 Tore an diesem Spieltag) reicht das nicht. Selbst Thierry Henry, einst weltbester Stürmer, heute nur noch Reserve für Eto'o, traf dreimal beim 4:0 des Tabellenführers Barcelona gegen Valencia. Der Zweite, Villarreal, drehte den 0:3-Pausenrückstand gegen Favoritenschreck Getafe zum 3:3. Atletico Madrid gewann 5:2 in Gijon. Jeder darf mal, das Motto in Spanien - besonders beim Meister, bei Real Madrid: 3:4 gegen Sevilla.
Irre Viertelstunde in Madrid
In einer einzigen irren Viertelstunde Mitte der zweiten Halbzeit passierte im kalten Regen von Bernabeu mehr als in mancher kompletten Champions-League-Vorrundengruppe. Real traf zum 2:3, traf zum 3:3, traf den Pfosten, traf die Latte, traf Torwart Palop, der zweimal sensationell parierte, dazu flog Robben wegen Beschimpfung des Schiedsrichters vom Platz - und alles war wie damals auf dem Schulhof: Alle von den Weißen wollten ein Tor schießen.
Und praktisch jedes Mal, wenn die anderen mal aus ihrer Hälfte kamen, waren sie in Überzahl, und so gewannen sie dann auch. (Tipp: Wenn Sie jemals im Mittelmeerurlaub vor Gericht geraten, nehmen Sie sich keinen spanischen Verteidiger. Jedenfalls keinen aus Madrid. Er ist fähig und flott, aber nie dort, wo Sie ihn brauchen.)
Das Volk fordert Calderons Kopf statt Schusters Skalp
Leider ist auch Trainer Bernd Schuster nicht der Erfinder des modernen Defensivfußballs - seine Spätphase als Libero in Leverkusen war eher ein Missverständnis. Nun steht er mit Real neun Punkte hinter Barcelona, wo man nächsten Samstag antreten muss, und Schuster sagt, man könne „derzeit nicht gegen Barca gewinnen“. Da geht einer in Deckung, macht sich klein, bisher funktioniert es: Das Volk forderte am Sonntag nicht den Skalp des blonden Deutschen, sondern den von Präsident Ramon Calderon.
Der hat den Fans allerlei teure Spieler geschenkt, zuletzt vor allem Holländer, Sneijder, van der Vaart, letzte Woche Huntelaar, und was macht der Real-Anhang? Er ruft: „Wo sind Kaka und Cristiano Ronaldo?“ Man hat's nicht leicht als Fußball-Boss, in Zeiten der Krise: Der Kredit beim Volk ist noch schneller weg als der bei der Bank. (Mehr spanischr Fußball: Manipulationsverdacht in Spanien: „Die da oben wissen doch Bescheid?“)