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Eichlers Eurogoals Beckhams Abschied mit Tränen und Verzweiflung

15.03.2010 ·  Der Glanz der italienischen Liga ist verblasst. Inzwischen bietet die Serie A Praktikumsplätze für Reservisten und Rekonvaleszenten. Einer davon ist David Beckham, der sich schwer verletzte. Thomas Hitzlsperger ereilte der maximale Gesichtsverlust.

Von Christian Eichler
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Italien leidet an der Fußballkrankheit, der Verlauf ist akut. 2006 feierte man den WM-Titel, 2007 den letzten Champions-League-Sieg, aber man hatte sich wohl zu sehr daran gewöhnt, um zu merken, dass etwas zu Ende ging. Wie das oft ist in solch schönen Ländern - man gewöhnt sich zu sehr daran, von den Göttern verwöhnt zu werden, oder wenigstens von den Schiedsrichtern. Und zeigt vor lauter Nationalstolz nicht die nötige Demut und Dankbarkeit denen gegenüber, die einem internationalen Glanz schenkten.

Dem Mann, der die ersten großen Auswärtserfolge aus Frankreich, England, Deutschland heimbrachte, ging es exakt an diesem Montag vor 2054 Jahren an den Kragen. Das Handlungsmuster der Vorstandssitzung vom 15. März 44 v.Chr. zeigte schon gewisse Muster, die man in vergleichbaren Situationen bis heute bei Fußballklubs und deren Führungskräften wiederfindet.

Entscheidungsträger erklären rückhaltlose Unterstützung, dabei funkelt schon der Dolch im Gewande. Allerdings hat unsere zivilisierte Zeit gegenüber dem ruppigen Rom der Asterix-Ära den Vorteil, dass ein entlassener Trainer oder ausgemusterter Profi von heute im Gegensatz zu Julius Cäsar keine 23 Stiche bekommt, sondern eine ordentliche Abfindung.

Tränen in den Augen und Verzweiflung im Gesicht

Auch mit David Beckham, der auszog, dem rissig gewordenen Fußball-Stiefel ein wenig Politur zu schenken, hat es kein gutes Ende genommen. Am Mittwoch hatte er noch seinen großen Gefühlsauftritt im Old Trafford von Manchester, die 26-minütige Rückkehr an den Ort, wo er in zehn Jahren zum größten Glamour-Star des Fußballs geworden war. Beckham kam, als nichts mehr zu gewinnen war, der AC Mailand lag 0:3 hinten, aber das Volk feierte ihn. Es war Abschiedsbeifall.

Am Sonntag ist er, mit Tränen in den Augen und Verzweiflung im Gesicht, im San Siro von Mailand an den Spielfeldrand gehumpelt, ehe man ihn auf einer Trage wegbeförderte. Das Stadion verließ er auf Krücken. Die Achillessehne ist kaputt, und mit bald 35 Jahren ist es unwahrscheinlich, dass man ihn auf einer der großen Fußballbühnen noch einmal sehen wird.

Milan gewann 1:0 gegen Chievo Verona, rückte bis auf einen Punkt an den Tabellenführer Inter heran, der in Catania 1:3 verlor, es war nur eine Randnotiz an einem tristen Abend. Nach seiner Auswanderung nach Amerika war Beckham als Leiharbeiter nach Mailand gegangen, um noch einmal eine WM für England spielen zu können. Auch wenn es ein Zufall ist, dass ihn gerade dort nun die vermutlich finale Verletzung ereilt hat: Italien ist im Fußball dieser Tage zur Sackgasse geworden.

Juventus führt schnell und verspielt ein 3:0 doch noch

Das Land hat am Ball den Anschluss verpasst: die Stadien berüchtigt (im Durchschnitt 63 Jahre alt), das Publikum verängstigt und schrumpfend, die Klubs finanziell zerrüttet, die Liga vom Bestechungsskandal immer noch angeschlagen, allen voran Juventus, das am Wochenende das Kunststück fertigbrachte, gegen den Tabellenletzten Siena nach zehn Minuten 3:0 zu führen und am Ende 3:3 zu spielen. Dazu sind die größten Stars mehr und mehr auf dem Sprung in andere Ligen (wie zuletzt Kaká und Ibrahimovic) und die Klubs international so schwach, dass der Serie A der Verlust des vierten Champions-League-Startplatzes droht, den sie seit dessen Einführung vor zehn Jahren inne hatte.

Die Italiener zehren in der dafür relevanten Fünf-Jahres-Wertung nur noch von der entfernten Vergangenheit, von der Saison 2005/06, als die Bundesliga-Klubs in den europäischen Wettbewerben patzten und die Serie A glänzte. Spätestens in der übernächsten Saison, wenn 2005/06 aus der Wertung gefallen ist, werden die Klubs der Bundesliga vier Champions-League-Plätze unter sich verteilen können - vielleicht auch schon in der nächsten, sollten die aktuell noch fünf deutschen Teams in den beiden europäischen Wettbewerben in diesem Frühjahr weiter punkten (während Italien nur noch zwei im Rennen hat).

Hitzlsperger mit dem maximalen Gesichtsverlust

Es gab mal eine Zeit, da war Italien das gelobte Land des Fußballs. Deutschland feierte dort 1990 seinen letzten Weltmeistertitel. Franz Beckenbauer, der danach versonnen über den Rasen des Olympiastadions von Rom spazierte, verewigte damals seinen Titel als „Kaiser“, der auf Cäsar zurückgeht. Fast das halbe deutsche Weltmeister-Team von 1990 spielte früher oder später in der Serie A, und für alle war das ein Riesensprung für Karriere und Konto. Und heute? Ist Italien auf dem Weg zur Resterampe, bietet die Serie A Praktikumsplätze für Reservisten, Rekonvaleszenten und Wiedereinsteiger, die irgendwie noch zur WM wollen.

Bei der Bayern-Leihgabe Luca Toni scheint das sogar leidlich zu klappen, nach zweimonatiger Verletzungspause schoss er Bayern-Leihgabe mal wieder ein Tor, beim 3:3 mit AS Rom in Livorno. Doch Diego, vor Ribéry und Robben der größte Star der Bundesliga, ist in Turin im Mittelmaß gelandet. Und noch düsterer sieht es für einen anderen aus, für Thomas Hitzlsperger, der sich vom Nationalspieler und Kapitän des Champions-League-Klubs VfB Stuttgart zum Ersatzmann beim Abstiegskandidaten Lazio Rom machen ließ.

Im Januar wechselte er nach Italien, es sollte eine erste Etappe sein auf dem weiten Weg nach Südafrika. Doch nach einer bisher völlig verkorksten Zeit in Rom hat ihn nun beim 0:2 gegen Bari der maximale Gesichtsverlust ereilt: in der 37. Minute eingewechselt (und das auch noch für einen gewissen Metuzalem), in der 69. ausgewechselt. Für die Karriere von Fußballern im modernen Rom entspricht das der Strafe, die die Karriere von Politikern im antiken Rom in ähnlichen Fällen ereilte: 23 Dolchstiche.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. Für FAZ.NET fasst er in einer wöchentlichen Kolumne seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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