Home
http://www.faz.net/-gu2-6vm6z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eichlers Eurogoals „Als wir mit dem Ball noch Gefühle ausdrückten“

 ·  Der Fußballspieler Socrates war ein Aha-Erlebnis. Er stand für den romantischen Fußball, er verschaffte den Liebhabern des Spiel jene Art von Glück, die von Kunst ausgeht, nicht von Kapitalanlagen. Eine Würdigung.

Kolumne Bilder (8) Lesermeinungen (1)
© Reuters Socrates: Ein Geliebter und Gescheiterter des brasilianischen Spiels

Es gab einmal eine Zeit, als ein Fußballprofi, der von einer „Philosophie“ sprach, damit Hegel, Marx und Nietzsche meinte. Eine Zeit, als ein Fußballprofi sogar selber hieß wie ein Philosoph. Sie ist seit Sonntag zu Ende. Da starb in Sao Paulo, nur wenige Stunden bevor sein alter Klub Corinthians die brasilianische Meisterschaft gewann, Socrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira Oliveira. Der Sohn eines amazonischen Steuerbeamten und autodidaktischen Philosophen, der dreien seiner sechs Söhne Namen aus Platos „Republik“ gegeben hatte (Socrates, Sostenes und Sophokles), wurde nur 57 Jahre alt.

Als Spieler hieß er einfach Socrates. Der Name passte, er wirkte wie ein Philosoph am Ball, ein Querdenker und Steilspieler, einer, der um die Ecke dachte und spielte, am liebsten mit der Hacke. Wie sein Namensvorbild, der große Philosoph, der sich gelassen das tödliche Gift des Schierlingsbechers einflößte, das man ihm reichte, starb auch der große Fußballer daran, dass er das Falsche trank oder zumindest zuviel davon.

Aber vielleicht auch daran, dass die künstlerische Romantik seines Spiels, der Sozialismus seiner Ideen, der Idealismus seiner Reformideen gegen die Realität des reich gewordenen und dabei verarmten brasilianischen Fußballs, gegen die Macht des Geldes und der alten Seilschaften, nicht ankam.

Socrates blieb ein Geliebter und Gescheiterter des brasilianischen Spiels – verewigt in den wunderbaren Nationalteams rund um das circensische Mittelfeld Zico, Falcao und Socrates, die bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1986 mit dem schönsten Fußball des Jahrzehnts gegen Italien und Frankreich ausschieden, weswegen nie wieder eine brasilianische WM-Mannschaft solch einen Fußball spielen würde; gescheitert auch als Sportpolitiker und Reformer, der in den korrupten Fußballstrukturen seines Landes nie an die entscheidenden Positionen kam, um etwas ändern zu können.

Der Spieler Socrates, das war der brasilianische Fußball vor der Champions League, vor der Europäisierung Brasiliens durch die großflächige Ausfuhr von Spielern in die Ligen Europas und in deren Königsklasse, wo sie keine Entdeckung, keine Verheißung von Magie mehr sein können, weil man sie Woche für Woche sehen kann; und auch vor der Zeit, als Brasilien defensive Disziplin lernte und vor allem Verteidiger exportierte. Er probierte es nur kurz in Europa, beim AC Florenz, kehrte rasch zurück, wegen der „totalen Unfähigkeit, fern von zu Hause zu leben“.

Bis in die späten Neunziger hinein war nur die Weltmeisterschaft die Bühne der Brasilianer, die Turniere wurden alle vier Jahre zu einer Wundertüte für den Rest der Welt, die sich noch nicht über das Internet augenblicklich ein Bild von jedem halbwegs talentierten Spieler machen konnte. Deshalb war die „Selecao“ jedes Mal eine Neuentdeckung. So wie die jungen Pelé und Garrincha, von denen vor der WM 1958 in Europa nie einer gehört hatte. Oder wie Jairzinho oder Rivelino 1970, die man nie gesehen hatte und dann nur einmal sehen musste, um hin und weg zu sein.

Und Socrates 1982, das war auch so ein Aha-Erlebnis. Dieser dürre Kerl mit dem Vollbart, der aristokratischen Erscheinung, der vollständigen Verweigerung von Athletik - der dann aber die kunstvollsten Pirouetten und Pässe vorführte; oder eben mal, im Vorrundenspiel gegen die Sowjetunion, nach doppelter Finte, ein Traumtor schoss, als er aus seinem lächerlich dünnen Oberschenkel einen Weitschuss von der Wucht einer Abrissbirne schüttelte.

Oder erst die unvergleichliche Lässigkeit, mit der er Elfmeter schoss – aus dem Stand. Aber so verschoss er auch den wichtigsten, im Elfmeterschießen des Viertelfinals 1986 gegen die Franzosen, das wohl beste WM-Spiel der 80er Jahre. Das war im Rückblick das Ende der Unschuld des brasilianischen Fußballs, jener romantischen Zeit, „in der wir mit dem Ball noch unsere Gefühle ausdrückten“, wie es Socrates schilderte.

Als Brasilien 1994 endlich, nach 24 Jahren, wieder Weltmeister wurde, spielte es wie die Europäer, und Socrates’ jüngster Bruder Raí, als Spielmacher gekommen, saß nur noch auf der Ersatzbank – aus der Kunst des Fußballs war die Arbeit geworden.

Einer wie Socrates hätte da schon keine Chance mehr gehabt, heute schon gar nicht: ein Fußballer, der sich „Künstler, nicht Sportler“ nannte, der schon während seiner Karriere alles war, Student, Kinderarzt, Musiker, Maler, Sozialist, Kämpfer gegen Armut und für Demokratie unter der Militärdiktatur, Anführer für die Mitbestimmung der Spieler (bei den Corinthians konnten sie mehrheitlich über den Trainer abstimmen), Kettenraucher (40 pro Tag), Trinker, Vater von fünf Söhnen (einen nannte er Fidel) und ein WM-Kapitän, der mit politischen Stirnbändern auflief. All das konnte ein Fußballer einmal sein.

All das konnten die Liebhaber des Fußballs einmal von einem Fußballer erhoffen. Für sie war Socrates ein Glück. Jene Art von Glück, die von Kunst ausgeht, nicht von Kapitalanlagen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

Jüngste Beiträge

Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.