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Eichlers Eurogoals Ab in die Wüste

 ·  Will Sven-Göran Eriksson kein Löwe sein, weil es ihm in München zu kalt ist? Oder glaubt er nicht an Wärmecreme und Neoprenanzüge? Dann muss er wohl zu den Scheichs.

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© dpa Vergrößern Warm eingepackt: Sven-Göran Eriksson ist zu wenig kältebeständig für die „Löwen“

Wahrscheinlich ist der Winter schuld. Schuld daran, dass Sven-Göran Eriksson doch nicht zu 1860 München wollte. Es ist ja in Deutschland gerade richtig frostig. Da bekam der alte Schwede, über den sich bei diesem komischen Zweitligaklub die Klubführung und der jordanische Investor so richtig in die Haare gekriegt hatten, wohl kalte Füße. Und sagte ab. Was wirklich schade ist, denn hierzulande hatte man sich gerade ein wenig in die Eriksson-Fachliteratur eingearbeitet.

An der ist kein Mangel seit seiner fidelen Zeit als englischer Nationaltrainer - in der Regel allerdings nicht verfasst durch Spieler, sondern durch Gespielinnen. So etwa eine schwedische Wetteransagerin, die von intensivem Einzeltraining in skandinavischen Sommerhäusern berichtete. Und von Erikssons Vorliebe für Sprühsahne auch abseits kulinarischer Anwendungen. Oder eine englische Sekretärin, von der die Welt erfuhr, dass der berühmte Trainer es immer kuschelig warm braucht: „Nach dem Sex stand er auf, zog sich seinen Baumwoll-Pyjama an und konnte dann erst einschlafen.“

Vermutlich hatten die Engländer sich ihren ersten ausländischen Nationaltrainer etwas winterhärter vorgestellt, zumal er ja aus dem kalten Norden kam. Bei seiner Ernennung Ende 2000 herrschte im Mutterland des Fußballs eine gewisse Aversion gegen diese Fremdlösung vor, die die „Daily Mail“ mit landeskundlicher Nachhilfe über das Volk der Schweden flankierte: „Wir haben unser Geburtsrecht an eine Nation von sieben Millionen Skifahrern und Hammerwerfern verkauft, die ihr halbes Leben in der Dunkelheit verbringen.“

Eine Beschreibung, die irgendwie prophetisch klang für Erikssons fünfeinhalbjährige Amtszeit als bestbezahlter Nationaltrainer der Welt – in der ersten Hälfte schien die englische Sonne noch über ihm, in der zweiten war Polarnacht.

Eriksson und die Scheichs

Finsternis herrschte spätestens seit Erikssons Reise nach Dubai im Januar 2006, auf Einladung eines Scheichs, der angeblich einen Premier-League-Klub kaufen wollte. Eriksson empfahl ihm Aston Villa und zeigte sich bereit, für jährlich 7,5 Millionen Euro plus Prämien danach den Trainerjob dort zu übernehmen - obwohl er, kurz vor der WM in Deutschland, noch den England-Posten innehatte.

Er wollte für den Scheich sogar gleich eifrig einen Beckham-Transfer einfädeln. Und lästerte genüsslich über einige englische Nationalspieler. Pech für Eriksson, dass der Deal ein Fake war. Und der falsche Scheich ein echter Boulevardreporter. Vielleicht war das ja nun bei den Treffen mit dem jordanischen Spender der Münchner „Löwen“ einfach nur umgekehrt? Diesmal ein echter Araber, aber der falsche Eriksson?

Blitzeis bei den Löwen

Jedenfalls konnten die Sechziger froh sein, dass die Verpflichtung des Trainerstars Guardiola durch den großen Nachbarn FC Bayern die Posse um ihre Nicht-Verpflichtung des Nicht-Mehr-Trainerstars Eriksson in die Rubrik Kurzes und Kurioses verdrängte. Anfang der Woche waren die frostigen Beziehungen zwischen Investor Hasan Ismaik und Präsident Dieter Schneider ganz leicht angetaut, als der Verein (51 Prozent Anteile am Fußballklub, kein Geld) dem Eriksson-Wunsch des Investors (49 Prozent, viel Geld) nachgab.

Ende der Woche, nach der knappen Absage von Eriksson, war schon wieder Blitzeis zwischen den Löwen und dem Baulöwen aus Dubai. Schneider sei schuld, schimpfte Ismaik. Durch sein Zögern sei der Zeitpunkt verpasst worden, an dem Eriksson „enthusiastisch war“.

Ab in die warme Wüste

Aber wahrscheinlich ist dann doch der Winter schuld. Denn der bald 65-jährige Schwede, der im letzten Jahrhundert ein sehr erfolgreicher und ehrgeiziger Mann war, ist auf seine alten Tage lieber Salonlöwe. Und bekommt sein Geld da, wo es warm ist. Zuletzt überwinterte er drei Monate lang als Klubtrainer bei BEC-Tero Sasana in Thailand. Nun wird er „Technischer Direktor“ (also Chef des Trainers Walter Zenga) bei al-Nasr Athletic, dem Fünften der Profiliga von Saudi-Arabien – dem Land, in dem einst erstklassige Trainerkarrieren auf lukrative Weise versanden.

Vor wenigen Tagen ist dort Frank Rijkaard als Nationaltrainer entlassen worden, mit einer Abfindung von angeblich rund drei Millionen Euro. Man erinnert sich: Der Mann hatte noch vor fünf Jahren das beste Team der Welt trainiert, den FC Barcelona, ehe ihn Guardiola ablöste – und zuletzt nur noch eine Wüstentruppe, die beim „Golf-Cup 2013“ mit Niederlagen gegen Irak und Kuweit ausschied.

Wärmecreme und Neopren

Übrigens gibt es für alle Warmduscher unter den Trainern mindestens zwei handfeste Tipps, wie man auch den europäischen Winter auf der Bank unbeschadet überstehen kann. Der erste stammt von Moritz Volz, Außenverteidiger bei 1860 München, der vorher 150 Spiele in der englischen Premier League bestritt. Seine Erlebnisse in England hat er in dem sehr unterhaltsamen Buch „Unser Mann in London“ festgehalten – darunter den so lustigen wie blasenfreundlichen Brauch der Kicker des FC Wimbledon, großflächig Wärmecreme in der Unterhose von Teamkameraden zu verteilen. Warum nicht auch mal beim Trainer?

Der zweite Tipp stammt vom französischen Torwart Jeremie Janot, der nach 16 Jahren beim Traditionsklub AS St-Etienne zuletzt zum Zweitligisten FC Le Mans wechselte. Sein Ratschlag an Kollegen und an alle anderen, die bei Winter-Spielen im Stadion nicht genug Auslauf für innere Erwärmung bekommen: Als Unterwäsche einen Neopren-Anzug tragen. Und: die Stadionuhr genau im Auge behalten. „Wenn noch 15 Minuten zu spielen sind, pinkelst du dir in die Hose. Das hält warm, bis man unter die Dusche kann.“

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

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