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Eichlers Eurogoals 20.000 Pfund für eine Telefonnummer

 ·  Platzverweise, ein brennendes Badezimmer, wilde Weibergeschichten - Mario Balotelli beweist: Lernfähigkeit ist eine völlig überschätzte Eigenschaft. Aber wenigstens ein Punktsieg gelang ihm über Wayne Rooney.

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© AFP Er will doch nur eine Telefonnummer - 20.000 Pfund hätte er dafür aber nicht bieten müssen: Mario Balotelli

In den meisten Fällen hängt der Kontostand auch mit dem Bildungsstand zusammen. Als tröstliche Ausnahme bleibt der Fußball. Denn auch im ganzheitlichen Fußball des 21. Jahrhunderts, der seine Talente auch menschlich zu formen und sozial zu bilden versucht, gibt es noch Spieler wie Mario Balotelli. Spieler, die beweisen: Lernfähigkeit ist eine völlig überschätzte menschliche Eigenschaft.

Im englischen Spitzenspiel beim FC Arsenal hätte der Stürmer von Manchester City reichlich Gelegenheit zum Lernen gehabt. Seine erste rüde Attacke, gestrecktes Bein in Kniehöhe, wurde vom Schiedsrichter übersehen.

Die zweite, mit gestrecktem Bein in Hüfthöhe, blieb ebenfalls ohne größere Bestrafung. Statt froh zu sein, noch mitspielen zu dürfen, und sich ein wenig zurückzuhalten, trat der aus Ghana stammende Italiener weiter zu, bekam noch vor der Pause Gelb und holte sich in der letzten Spielminute mit einer plumpen Grätsche doch noch die mehrfach verdiente Rote Karte.

Nach dem Platzverweis war es nicht vorbei mit der Dämlichkeit. Seinen Trainer Roberto Mancini brachte Balotelli auf die Palme, weil er betont beleidigt im Schneckentempo quer über den Platz Richtung Ausgang schlich, während seinem Team die Zeit für den Ausgleich davonlief. So verlor City 0:1 und büßte, inzwischen acht Punkte hinter Manchester United, die wohl letzte Titelchance ein.

Balotelli ist vermutlich der Fußballprofi mit dem für ihn günstigsten Verhältnis von Gehalt zu Gehirn. Beziehungsweise: mit dem für seinen Klub ungünstigsten. Zwei Platzverweise in einer Saison, ein angezündetes Badezimmer, zerstörte Autos, wilde Weibergeschichten. Aber was will man schon erwarten von einem Fußballer, der gerade 21 ist und dem ein von Ölmilliarden besoffener Klub über zwölf Millionen Euro im Jahr zahlt?

Er geht damit recht freizügig um. Wie englische Medien tiefschürfend recherchierten, bot er kürzlich einer jungen Dame allein für ihre Telefonnummer 20.000 Pfund. Im Internet hätte er geldsparend herausfinden können, dass er deren Dienste auch für den regulären Tagessatz von 500 Pfund bekommen hätte.

Immerhin bekam er kürzlich für seine Leistungen endlich einmal gute Noten in den Zeitungen. Zumindest in jener Zeitung, die eine andere Gespielin die privaten Stürmerqualitäten Balotellis und die des ebenfalls von ihr getesteten Kollegen Wayne Rooney bewerten ließ.

Resultat: Klarer Punktsieg für Balotelli, mit 9,5 von 10 möglichen. Dafür wird er nun von seinem Chef ausgezählt. Mancini, in dieser Saison schon vom Arbeitsverweigerer Carlos Tevez geplagt, erklärte zu Balotelli: „Mir reicht es. Wir haben noch sechs Partien, und er wird in diesen sechs Partien nicht spielen.”

Von diesen moralischen Abgründen des verdorbenen Profifußballs erholt man sich am besten mit einem Abstecher in die ehrliche Welt der Amateure. Dort trug sich im vergangenen Monat ein besonders interessanter Rechtsfall in einer unteren holländischen Liga zu. Ein Spieler bekam die Rote Karte - während er bewusstlos auf der Trage lag.

Der Schiedsrichter hatte dem Ohnmächtigen beim vorangegangenen Ellbogenschlag gegen sein Kinn eine Schwalbe unterstellt. Das erinnert an blöden alten Ärztewitz: „Herr Doktor, der Simulant von Zimmer X ist gestorben” – „Was, wirklich? Jetzt übertreibt er aber.”

Ja, im Amateurfußball ist der Sport noch ganz nah am richtigen Leben. An der Natur zum Beispiel. Beim Spiel zwischen San Lorenzo und Libertad de Charata in Argentinien kam es im März zu einem innovativen Elfmeterpfiff. Ein Schuss von Libertad-Stürmer Walter Gorosito traf die Latte, flog nach oben, traf den Ast eines Baumes und fiel wieder herunter.

Marcelo Escobar, Verteidiger von San Lorenzo, ging von einem Abstoß aus und fing den Ball auf. Doch der Schiedsrichter urteilte, dass der Ast im Spielfeld war, der Ball damit auch, so dass also nun ein Handspiel vorlag. Er gab Elfmeter. Lag er damit richtig? Hätte es vielmehr Gelb gegen den Gärtner geben müssen? Könnte ein Baum auch ein Tor erzielen? Oder eine Abseitsstellung aufheben?

Auch aus Saudi-Arabien wurde ein Fall gemeldet, der ein Feld neuartiger Delikte eröffnet: Tätlichkeit mit im Mund aufs Spielfeld geschmuggeltem Tatwerkzeug. Für gewöhnlich können Fußballer einander nur mit primitiven Mitteln attackieren, also den Werkzeugen des eigenen Körpers, Fuß, Hand oder Stirn.

Die Mitnahme von Waffen aufs Spielfeld hat das Regelwerk vorsorglich untersagt. Es gibt da allerdings eine Ausnahme, auf die nur niemand gekommen war, bis ein Spieler des saudischen Zweitligaklubs Al-Diriyah, der wohl wegen seines erstaunlichen IQ die Rückennummer 99 trug, die Gesetzeslücke entdeckte: Kaugummi.

Als sein Gegenspieler eines Teams namens Sdoos ihn nervte und nach einem Zweikampf nach dem Schiedsrichter schrie, der jedoch abwinkte, biss Nummer 99 noch zwei-, dreimal kräftig aufs Tatwerkzeug, speichelte es tüchtig ein – holte es dann flink aus dem Mund und drückte es dem Gegenspieler aufs Auge. Er blieb straflos. Vermutlich war der Schiedsrichter auf diesem Auge blind.

Von all diesen seltsamen Vorfällen ist es nicht mehr weit zum wohl kuriosesten Elfmeterpfiff der Fußballgeschichte. Ausgelöst wurde er von einem sonst nicht näher bekannten englischen Amateurfußballer namens Richard in den 90er Jahren.

Die Frage dahinter: Kann eine nicht vorhandene Hand Hand spielen? Den Fall aus der Gegend um Bristol verewigte der englische Journalist Danny Baker in einer „Times“-Kolumne 1998 als „strengste Schiedsrichterentscheidung aller Zeiten“. Richard hatte demzufolge nach einem Arbeitsunfall nur noch einen Arm.

Bei einem Amateurspiel streifte der Ball den leeren, herunterhängenden Ärmel. Der Schiedsrichter gab Elfmeter wegen Handspiels. „Nach einigen Minuten erregter Proteste“, so Baker, „holt der bestrafte Spieler mit seinem verbleibenden Arm aus, haut dem Schiedsrichter eine runter und wird vom Platz gestellt.“

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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