Peter Neururer ist nicht die Traumbesetzung für die Rolle des perfekten Kronzeugen. Zunächst wurde der Trainer damit zitiert, dass er bei Schalke 04 Doping mit Captagon in der Saison 1989/90 mitbekommen habe (Siehe auch: Neururer: „Doping war im Fußball gang und gäbe“). Zwei Tage später sagte Neururer, er sei entweder falsch zitiert worden oder es habe eine unglückliche Vermischung seiner Aussagen stattgefunden. Während seiner Zeit auf Schalke sei die Sache mit Captagon längst abgeschlossen gewesen. Seine Aussagen bezögen sich auf die Jahre 1986 bis 1988 bei Rot-Weiss Essen und Alemannia Aachen. An seiner grundsätzlichen Behauptung aber, dass bis zu fünfzig Prozent der Spieler in den achtziger Jahren „verrückt nach Captagon“ gewesen seien, hält Neururer fest.
Ganz neu sind die Einlassungen, die zumindest tendenziell von Trainern und Spielern in diesen Tagen bestätigt wurden, nicht. Aber auch das Muster, wie der deutsche Profifußball auf die Dopingvorwürfe reagiert, hat sich in zwei Jahrzehnten kaum verändert. Eine auf drei Säulen basierende Strategien, ist dabei noch immer zu beobachten. Erstens: ausgrenzen. Zweitens: leugnen der grundsätzlichen Problematik. Drittens: einräumen, was ohnehin nicht mehr zu bestreiten ist.
„Derzeit nimmt die gesamte Sportmedizin Schaden“
An die Spitze der Ausgrenzungspolitik hat sich der deutsche Olympia-Chefarzt Wilfried Kindermann gesetzt. Der frühere Chefarzt der Fußball-Nationalmannschaft und Mitglied der Anti-Doping-Komission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) fordert nach Neururers Vorwürfen Konsequenzen - wohlgemerkt gegen den Trainer. „Wenn er mitbekommen hat, dass Spieler Captagon nahmen, hat er sich schuldig gemacht. Er hätte dies melden müssen. Und es wäre ein Hammer, wenn es stimmen sollte, dass Ende der achtziger Jahre fünfzig Prozent der Spieler dieses Mittel genommen hätten. Das muss er beweisen. Sonst sehe ich Probleme für Peter Neururers Zukunft als Trainer“, sagte Kindermann. Er forderte den DFB auf, gegen den Trainer vorzugehen.
In der Diskussion um die wegen des Skandals im Radsport suspendierten Freiburger Sportärzte waren solche deutlichen Worte von einem der renommiertesten Vertreter der deutschen Sportmedizin nicht zu hören. „Ich bin überzeugt, dass es in Freiburg etliche Ärzte gibt, die absolut sauber arbeiten. Derzeit nimmt die gesamte Sportmedizin Schaden“, sagte Kindermann. Er bemängelte vor allem das entstehende „Loch“ in der medizinischen Betreuung der Sportler. „Sehr viele Verbände und Athleten wurden von Freiburg aus medizinisch versorgt. Vor allem im Radsport, der dort traditionell betreut worden ist, kann diese Lücke nicht so schnell geschlossen werden“, sagte er.
„In dem Fall habe ich nichts Verbotenes getan“
In seiner Zeit als Leitender Arzt im Deutschen Leichtathletik-Verband hatte sich Kindermann 1995 bei den Weltmeisterschaften in Göteborg bei der Infundierung des Blutplasma-Expanders HES (eines Notfall-Medikaments für Schock-Patienten mit blutverdünnender Wirkung, mithin zur Verschleierung von Epo geeignet) an Stephane Franke selbst in der Grauzone des Dopings bewegt.
„Wenn ein Athlet über bisherige positive Erfahrungen berichtet und um eine entsprechende Infusion vor dem Wettkampf bittet, muss der Arzt entscheiden, inwieweit eine solche Maßnahme sinnvoll erscheint - vorausgesetzt, die gültigen Dopingregeln werden nicht verletzt. Im angesprochenen Fall habe ich nichts Verbotenes getan“, sagte Kindermann. Auch bei den Europameisterschaften 1998 in Budapest kam HES, wieder bei Franke sowie bei Damian Kallabis, zum Einsatz - mit Hilfe von DLV-Ärzten.
„Ist es verboten? Ist es gesundheitsschädigend?“
HES wurde später bei der nächsten Aktualisierung der Liste als verbotene Substanz aufgenommen. Kindermann gesteht gegenüber dieser Zeitung heute zum damaligen Thema HES ein „mulmiges Gefühl“, da generell und ihm selbst die den Epo-Missbrauch verschleiernde Wirkung von HES nicht klargewesen sei. Kindermann sagte allgemein zur Dopingproblematik: „Ich prüfe bei der Verabreichung von Medikamenten beziehungsweise Wirkstoffen: Erstens: Ist es verboten? Zweitens: Ist es gesundheitsschädigend?“ Das sei entscheidend.
Die Gefahr von Doping im Fußball sieht Kindermann seit Jahren immer nur als begrenzt an. Der Fußball sei zwar „nicht dopingfrei“, die Versuchung sei da, räumt Kindermann ein. Bestreiten kann dies ohnehin niemand mehr. Zuletzt antwortete er im Interview mit „Focus“ auf die Frage, ob ein einzelner gedopter Spieler der Mannschaft nütze, erstaunlich populistisch. „Das ist der Punkt. Ich habe Fußballer gesehen, die waren in einem jämmerlichen konditionellen Zustand, haben aber das entscheidende Tor erzielt.“ Das Argument, das dahintersteht, Doping bringe im Fußball nichts oder nur wenig, wird noch immer dankbar verbreitet - ob nun von DFB-Präsident Zwanziger oder von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff.
Dopingkontrollen noch auf bescheidenem Niveau
Die Fußballwelt hat aber auch schon andere Spieler gesehen - nämlich einen nachweislich gedopten Diego Maradona bei der WM 1994, der Argentinien zu erstaunlichen Leistungen trieb. Juventus Turin hat ebenfalls in den neunziger Jahren systematisches Doping vorgemacht, zu einer Verurteilung kam es wegen Verjährung nicht. Die These von Doping im Fußball untermauerte vor einigen Monaten das ZDF mit einer Videoaufnahme, die einst dem italienischen Fernsehen zugespielt worden war. Sie zeigt, wie sich der AC Parma 1999 auf sein Spiel des Jahres vorbereitete. Am Vorabend des Uefa-Cup-Endspiels gegen Olympique Marseille in Moskau (3:0) ließ sich Fabio Cannavaro - inzwischen Weltmeister und bei Real Madrid unter Vertrag - bereitwillig filmen, wie ihm das herzstimulierende Mittel Neoton verabreicht wurde.
Der Chefarzt des Internationalen Fußball-Verbandes, Michel D'Hooghe, war schon 2002 überzeugt, dass zahlreiche Spieler Epo missbrauchen. Und zu den Klienten des spanischen Dopingarztes Fuentes sollen auch namhafte Fußballprofis gehört haben. Aber noch immer bewegen sich die Dopingkontrollen auf bescheidenem Niveau. In der rund dreiwöchigen Vorbereitung der deutschen Nationalelf auf die WM 2006 kamen die Kontrolleure nur ein einziges Mal vorbei.
Den Kindermann zum Gärtner gemacht...
Thomas Seifert (Thomas_Seifert)
- 18.06.2007, 19:20 Uhr
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Lothar Krist (buji2007)
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