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Arbeitslose Fußballspieler : Die Wahrheit der Wäscheleine

  • -Aktualisiert am

Benjamin Schüßler: Eigentlich ein, wie man so leicht schreibt, gestandener Profi. Bild: Picture-Alliance

Was passiert mit Profifußballern, die plötzlich arbeitslos werden? Der Dokumentarfilm „Zweikämpfer“ wirft einen unverstellten Blick auf ihr Leben – und begleitet sie in die hintersten Ecken der Fußballwelt.

          In T-Shirt und Jogginghose sitzt Benjamin Schüßler zu Hause in Oberhausen auf dem ausgezogenen Schlafsofa und entdeckt Vietnam. Er ist 30, seine Mutter ist zu Besuch und hat den Arm ganz vorsichtig um seine Schulter gelegt, während Schüßler ihr aus dem Internet vorliest, wie die Profifußballklubs in Vietnam heißen. „Dan-tap, Tan-Tan-long“, klingen die Vereinsnamen aus seinem Mund. VfL Osnabrück, SC Paderborn, Rot-Weiß Oberhausen hießen seine Klubs bis dahin, solide Zweite Bundesliga. „Wos-dong-bing“, liest er den nächsten vietnamesischen Erstligaverein vom Tablet ab. „Was für ein Ding?“, fragt die Mutter.

          Letzte Hoffnung Vietnam?

          Ein Vertrag in der vietnamesischen Liga erscheint in jenem Moment als die große, die letzte Hoffnung für Schüßler. In Deutschland findet er nach elf Jahren im Profifußball schlagartig keinen Klub mehr. Wir sitzen dank der Kamera des 44-jährigen Berliner Dokumentarfilmers Mehdi Benhadj-Djilali praktisch neben den Schüßlers auf dem Schlafsofa.

          „Zweikämpfer“ heißt Benhadj-Djilalis Dokumentarfilm über eine Gruppe arbeitsloser Profispieler, die sich im Sommer 2011 in einem Trainingscamp der Fußballer-Interessensvertretung VdV fit hält und sich irgendeinem vielleicht doch noch interessierten Verein zeigen will. Beim „11mm Fußballfilmfestival“ in Berlin wurde „Zweikämpfer“ als bester Film ausgezeichnet. Im Genre der Sportdarstellung ist der Film ein Leuchtturm. Er erreicht das Höchste, was ein Dokumentarfilm leisten kann: einen unverstellten Blick auf die Wirklichkeit. Im Sport ist das heute auch das Seltenste.

          Kinotrailer : „Zweikämpfer“

          In gigantischem Ausmaß wird heute über Fußball berichtet, zwischen sechs und 24 Uhr gibt es kaum eine Minute, in der nicht irgendwo im Fernsehen der Ball rollt. Wir sehen die Wirklichkeit nur noch selten, sondern zu oft eine Inszenierung: Bayern Münchens Trainer Pep Guardiola etwa tritt wöchentlich drei-, viermal vor die Kameras, aber wie er wirklich arbeitet, was er denkt, bleibt für das Publikum vage. Seine Medienauftritte sind zum Großteil ein Schauspiel. Die meisten Medien geben sich damit zufrieden, diese Inszenierung des Sports abzubilden. So entsteht eine zweite, eine mediale Realität. Dann beginnt Mehdi Benhadj-Djilalis Film „Zweikämpfer“, und man erfährt, was die reale Realität ist.

          Vietnam wird gleich zu Beginn des Films zum Zauberwort: Wenn nichts mehr geht, klammern sich die arbeitslosen Fußballer an diese Fotos vom herrlichen Strand in Vietnam, die ihnen ein niederländischer Spielerberater geschickt hat: Dort könne er sie unterbringen. Benhadj-Djilali fokussiert sich auf vier Fußballer, Christian Mikolajczak, der mal DFB-Pokalsieger mit Schalke war, Nico Frommer, Julian Lüttmann und Benjamin Schüßler, alles, wie man so leicht schreibt: gestandene Profis.

          Der erzwungene Abschied als Glück

          Wir sitzen mit den vier in der Umkleidekabine des Arbeitslosen-Teams, als der Trainer ihnen sagt, Männer, welcher Klub nehme Fußballer, die so eine Scheiße spielten. Wir fahren im Mannschaftsbus mit, wir sind beim Weizenbier dabei, als sie den Anruf eines Vereinsdirektors imitieren, der nie kommt. Wir erleben, wie sich die Wege trennen, Frommer und Lüttmann finden noch Engagements im unterklassigen Profifußball - während Mikolajczak und Schüßler nach Vietnam fliegen. Wie in einem Gladiatorencamp trainieren die beiden mit nacktem Oberkörper in der flirrenden Hitze von Saigon in der privaten Trainingsgruppe des niederländischen Beraters. Weiter weg von einem Profileben, wie sie es kannten, kann man nicht sein.

          Auf der Hotelterrasse in Vietnam suchen Schüßler und Mikolajczak vorsichtig, zaudernd zwischen Hunderten Betttüchern an der Wäscheleine einen Platz für ihre nassen Trainingssachen. Das ist die schönste, die stärkste Szene des Films: Zwei Männer, die nur ein kleines Plätzchen für sich in der Welt suchen, Aus Vietnam werden sie ohne Vertrag, ohne Begründung, wieder heimgeschickt.

          Während Frommer und Lüttmann mit ihrem Fußball-Engagements in Heidenheim und Oldenburg das Karriereende nur ein wenig aufgeschoben haben, erscheint der erzwungene Abschied vom Profispiel für Mikolajczak und Schüßler im Film als Glück: Sie lernen loszulassen. Schüßler beginnt als Reha-Trainer mit Schlaganfallpatienten zu arbeiten. Mikolajczak wird Feuerwehrmann. Anfang Mai läuft „Zweikämpfer“ beim DOK.fest in München. Danach muss Benhadj-Djilali darauf hoffen, dass ein Verleih den Film in die Kinosäle bringt, dass eine Fernsehanstalt ihn ausstrahlt.

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          Quelle: F.A.Z.

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