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Diskussion über EM-Boykott Redefreiheit für die deutschen Spieler

 ·  Die politischen Zustände in der Ukraine sind auch eine Herausforderung für Bundestrainer Löw und sein Team. Der ehemalige Nationalspieler Christoph Metzelder rechnet mit einer „deutlichen Positionierung“ - und Philipp Lahm fordert klare Worte von der Uefa.

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© dpa Wie sollen wir uns verhalten? Bundestrainer Löw (im Foto links) und Kapitän Lahm

Eigentlich will Joachim Löw an diesem Montag nur die ersten personellen Entscheidungen im Hinblick auf die Fußball-Europameisterschaft bekanntgeben. Der Bundestrainer wird bei einer Veranstaltung in Rastatt (Dependance des Generalsponsors) die Namen der Profis nennen, mit denen er für das EM-Turnier plant und die beiden anstehenden Trainingslager auf Sardinien sowie in Südfrankreich bestreiten möchte. Weil aber inzwischen eine breite Diskussion um die Menschenrechtsverletzungen im EM-Gastgeberland Ukraine entbrannt ist, wird in Rastatt auch die Meinung der Teamführung besonders gefragt sein - und das sportliche Prozedere vielleicht sogar überschatten.

Alle Gruppenspiele in der Ukraine

Schließlich absolviert die deutsche Elf, die in Danzig das EM-Quartier beziehen wird, ihre drei ersten Gruppenspiele alle in der Ukraine. Darunter die Partie gegen die Niederlande, die in Charkiw stattfindet, wo die erkrankte ehemalige Regierungschefin Julija Timoschenko eine Haftstrafe von sieben Jahren absitzt. Zudem argumentiert die deutsche Politik derzeit im europäischen Vergleich am vehementesten gegen die Missstände in der Ukraine. Fast alle Politiker wollen ihren Besuch bei Turnierspielen in den dortigen Fußballarenen absagen.

Je näher der EM-Start rückt, desto mehr wird auch die Führung der Nationalmannschaft damit konfrontiert, wie sie in der Öffentlichkeit auf die brisante Problematik reagieren soll. „Ich bin mir sicher, dass Joachim Löw und Oliver Bierhoff in dieser Diskussion weitergehen und sich gemeinsam mit der ganzen Mannschaft deutlich positionieren werden. Auch als Zeichen an das ukrainische Volk“, sagte der ehemalige Nationalspieler Christoph Metzelder dieser Zeitung. Der 31 Jahre alte Verteidiger von Schalke 04 gehörte bei drei Turnieren als Stammkraft zur deutschen Elf (2002, 2006, 2010) und ist zugleich Vizepräsident der deutschen Spielergewerkschaft VdV.

„Wir müssen Spiele gewinnen“

„Ich glaube aber nicht, dass Politiker den Sportlern Ratschläge geben sollten, wie sie sich gegenüber der Ukraine zu verhalten haben. Fußballer sind erst einmal für den Sport zuständig. Wir müssen Spiele gewinnen. Dagegen sollte die Politik alle diplomatischen Möglichkeiten ausschöpfen, um etwas in diesem Land zu bewirken“, sagt Metzelder.

Nationalmannschaftsmanager Bierhoff ließ zuletzt ein Interview des Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an die Nationalspieler verschicken, in dem sich Wolfgang Niersbach zu den fragwürdigen Vorgängen in der Ukraine geäußert hatte. Zugleich erhielten die Kicker in der internen Mitteilung den Hinweis, dass jeder von ihnen frei sei in der eigenen Meinungsäußerung. Laut Niersbach soll sich daraufhin ein namentlich nicht genannter Spieler in dieser Woche bei ihm telefonisch gemeldet haben, der sich Gedanken um seine öffentliche Position in der Ukraine-Thematik gemacht hätte. Dabei kann es sich nur um den Kapitän Philipp Lahm gehandelt haben, der sich beim Verbandspräsidenten darüber offenbar die Rückendeckung für ein Interview einholte.

Dem am Montag erscheinenden Magazin „Der Spiegel“ sagte Lahm: „Meine Ansichten zu demokratischen Grundrechten, zu Menschenrechten, zu Fragen wie persönlicher Freiheit oder Pressefreiheit finde ich in der derzeitigen politischen Situation in der Ukraine nicht wieder.“ Dazu forderte der Münchner die Europäische Fußball-Union (Uefa) und deren Präsidenten Michel Platini auf, sich deutlich zur Frage der Menschenrechte in der Ukraine zu äußern. „Ich glaube, dass er Position beziehen sollte. Und ich bin gespannt, was er zu sagen hat.“

Es geht darum, sich argumentativ zu wappnen

Wie die F.A.S. in ihrer Ausgabe vor zwei Wochen berichtet hatte, steht der DFB seit einiger Zeit in Kontakt zum Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löning (FDP). Offenbar geht es vor allem darum, sich argumentativ zu wappnen. Direkte Kritik an der Ukraine, dem Präsidenten Janukowitsch oder an der Uefa, die sich als Veranstalter der EM in den politisch brisanten Fragen völlig heraushält, war von den deutschen Topfunktionären jedenfalls (noch) nicht zu vernehmen. Wohl ist man sich aber einig, dass sich die Nationalspieler auch während des Turniers äußern dürfen, wenn sie möchten.

Kapitän Lahm hat damit angefangen. Während der Vorbereitung auf die EM erhält das Team noch von einem Journalisten und erfahrenen Osteuropa-Korrespondenten eine politische Einstimmung auf die beiden Gastgeberländer. „Wenn es authentisch und ernst gemeint ist, finde ich es gut, wenn Fußballer auch selbst politische Meinungen äußern. Es gab in der Geschichte des Fußballs immer wieder Spieler, die politisch aktiv waren. Denken wir nur an den jungen Paul Breitner. Auch die Nationalmannschaft könnte beim Ukraine-Thema ihre Meinung kundtun. Es sollte natürlich von ganzem Herzen kommen und nicht aufgesetzt wirken“, sagt Metzelder.

Argentiniens WM-Trainer Menotti zeigte 1978 große Zivilcourage, als er sich nach dem Titelgewinn im eigenen Land weigerte, den WM-Pokal anzunehmen und dem Junta-Chef Videla zur Gratulation die Hand zu reichen. Die unterlegene Mannschaft aus den Niederlanden blieb der Siegerehrung demonstrativ fern und setzte damit ein Zeichen des Protestes gegen die brutale Militärdiktatur. Dagegen fiel damals der deutsche Kapitän Berti Vogts unangenehm auf, als er sagte: „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“

Oligarchen setzen sich über Recht hinweg

Ihr ungutes Gefühl, dass nun in der Ukraine, wo von Janukowitsch nicht nur mit eisenharter Hand regiert wird, sondern auch Oligarchen sich regelmäßig über Recht und Gesetz hinwegsetzen, ein solch herausragendes Sportereignis stattfinden würde, formulierte im Winter schon die weltweite Fußballergewerkschaft Fifpro. Hier ging es nicht um die politische Situation oder die Verletzung der Menschenrechte. In einem Schwarzbuch über den osteuropäischen Fußball wurde auf eindrucksvolle Weise dargestellt, wie schlecht die Arbeitsbedingungen für Profis auch in diesem Land sein sollen.

Berichtet wurde in dem mehr als hundertseitigen Bericht von Gewalt gegen Spieler, rassistischen Übergriffen von Fans, Manipulationsversuchen, Vertragsbruch und Korruption. Fifpro-Chef Theo van Seggelen brachte die Kritik auf den Punkt: „Die Ukraine ist nicht der ideale Platz für eine Veranstaltung wie die EM.“

So weit will Christoph Metzelder nicht gehen. Aus Sicht des ehemaligen Nationalspielers könnte man sich auch über kleine Erfolge freuen. „Es wäre doch schon viel erreicht, wenn die Nationalelf mit tollen Leistungen ein friedliches Gefühl in die Ukraine hineinträgt.“

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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