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Freitag, 17. Februar 2012
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Dietmar Hamann „Vom Nationalteam erfahre ich nur aus der Zeitung“

05.10.2004 ·  Unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann spielt Dietmar Hamann keine Rolle mehr in der Nationalmannschaft. Er gilt als „Fußballer von gestern“. Im Interview spricht er über Klinsmanns neuen Weg und seine Perspektiven in der DFB-Elf.

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Während der Fußball Europameisterschaft war Dietmar Hamann noch eine Stütze der deutschen Nationalelf. Vom neuen Bundestrainer Jürgen Klinsmann wurde der 31jährige nicht mehr berücksichtigt. Trotzdem will der Defensivspieler seine Karriere in der Nationalmannschaft (51 Länderspiele) fortsetzen. Sein Ziel: die WM 2006 im eigenen Land.

Warum spielen Sie überhaupt noch Fußball?

Warum? Weil ich noch drei, vier Jahre auf hohem und höchstem Niveau Fußball spielen kann - und mir macht das immer noch großen Spaß.

In Deutschland jedoch, so kann man es seit der EM überall hören und lesen, werden Sie von Kritikern immer wieder als der personifizierte Spieler von gestern dargestellt - zu langsam, zu bedächtig, zu mutlos. Hat sich das nicht bis zu Ihnen rumgesprochen?

Natürlich habe ich das mitbekommen. Aber es war doch klar, daß es nach der Europameisterschaft Kritik geben würde - und daß die Kritik überzogen sein würde, das war mir auch klar. Der Mechanismus ist doch in allen großen Ländern gleich, wenn es nicht läuft. Ich spiele seit 17 Jahren Fußball, und wie immer machen es sich die Leute zu einfach. Die meisten können meine Leistung überhaupt nicht beurteilen, weil Sie mich das ganze Jahr über nicht sehen. Bei der EM habe ich aber auch nicht die Leistung gebracht, die ich zu zeigen imstande bin - vor allem in den beiden letzten Spielen gegen Lettland und Tschechien. Da werde ich auch nichts schönreden.

Haben Sie eigentlich die beiden Länderspiele gegen Österreich und Brasilien gesehen?

Ich habe das Spiel gegen Brasilien teilweise gesehen, die Partie in Österreich nicht.

Aber nun heißt es, die Nationalmannschaft spiele unter dem neuen Bundestrainer modernen, schnelleren und mutigeren Fußball - und Jürgen Klinsmann will so Weltmeister werden. Klappt das?

Es ist doch immer das gleiche bei einem neuen Trainer: Jetzt werden die Dinge herausgestellt, die vorher gar nicht viel anders waren. Es wird anders berichtet - aber ob das nun wirklich ein anderer Fußball ist? Ein 1:1 gegen Brasilien ist ein respektables Ergebnis. Ob sich der Fußball tatsächlich so verändert hat, das kann ich nicht sagen, nicht nach zwei Spielen.

Wie ist eigentlich Ihr Kontakt zu Jürgen Klinsmann - bei der EM gehörten Sie zusammen mit Ballack und Kahn noch zu den tragenden Säulen seines Vorgängers?

Ich habe mit ihm vor dem Länderspiel gegen Österreich gesprochen.

Wie es heißt, hätten Sie miteinander besprochen, daß Sie nun erst einmal nicht mehr zum Aufgebot gehören - und sich schön ruhig verhalten. Korrekt?

Was wir besprochen haben, möchte ich nicht wiedergeben. Das verkünde ich nicht über die Zeitung. Ich habe weder aufgehört in der Nationalmannschaft noch mit ihr abgeschlossen. Dabei kann man es im Moment belassen.

Über Ihre Zukunft haben Sie mit dem Bundestrainer seitdem also nicht mehr gesprochen?

Nein, das nicht.

Wundern sich nicht Ihre Kollegen in Liverpool, daß der deutsche Fußball auf einen Spieler verzichtet, der in England über Jahre eine wichtige Rolle spielt?

Natürlich gibt es solche Gespräche. Die Leute in Liverpool wissen sehr wohl zu schätzen, daß ich hier bin. Aber ob sie die Entscheidung verstehen, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, was im nächsten Jahr passiert. Ich bin nicht nachtragend. Ich schaue nach vorne.

Woran liegt es, daß Ihre Leistungen in Deutschland jetzt und auch oftmals in der Vergangenheit viel kritischer als in England betrachtet werden?

Die Erklärung ist eigentlich ziemlich einfach: Fußball ist ein Tagesgeschäft, und da zählen Leistungen von vor zwei, drei Jahren nichts mehr. Man wird immer wieder am letzten Spiel gemessen. Bei den Länderspielen habe ich immer wieder versucht, mein Bestes zu geben und mich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Die Berichterstattung ist nach der mißglückten EM natürlich negativ. Einen anderen Grund kann ich nicht sehen. In England kann ich mich jede Woche aufs neue beweisen.

Die WM 2006 ist für Sie nicht abgehakt?

Nein, auf keinen Fall. Es ist das größte Ereignis im Fußball - und dazu noch im eigenen Land. Ich werde alle Möglichkeiten nutzen, um dorthin zu kommen.

Ungeduldig werden Sie also nicht?

Nein, denn zwei Jahre sind im Fußball eine lange Zeit. Und wenn Jürgen Klinsmann die jungen Spieler nicht jetzt spielen läßt, wann dann? Da gibt es bei mir keinen Neid, und ich setze mich auch nicht unter Zugzwang.

Es hat sich seit der EM einiges verändert: die Spielausrichtung, die alltäglichen Abläufe im Umfeld, Ballack wurde Kapitän, Kahn muß um seinen Stammplatz kämpfen. Waren solche Veränderungen nicht wirklich dringend nötig?

Die Bewertung der Veränderungen ist immer abhängig vom Erfolg. Ich denke, Rudi Völler hat in den vier Jahren hervorragende Arbeit geleistet. Das sollte man nicht vergessen. Wir wurden Vizeweltmeister, in der Qualifikation zur EM blieben wir ungeschlagen - und bei der EM hat uns das Quentchen Glück gefehlt, das wir bei der WM hatten. Wenn wir gegen Holland gewonnen hätten, bin ich überzeugt, daß wir mindestens das Viertelfinale erreicht hätten. Wir hatten vier Jahre lang eine richtige Mannschaft. Wenn nun Jürgen Klinsmann einige Dinge verändert, dann muß man ihm dazu die Möglichkeiten geben - und schauen, was am Ende dabei herauskommt.

Welchen Kontakt haben Sie noch zu Ihren Kollegen in der Nationalmannschaft?

Ich habe mit niemandem gesprochen.

Wirklich mit niemandem?

Nein. Ich habe zu Jens Jeremies Kontakt und auch zu Christian Ziege - und die beiden sind auch nicht mehr dabei. Was ich von der Nationalmannschaft erfahren habe, weiß ich aus dem Fernsehen oder den Zeitungen.

Nach der Saison könnten Sie Liverpool ablösefrei verlassen. Zieht es Sie zum Ende Ihrer Karriere noch einmal nach Deutschland - könnte das auch ein Vorteil vor der WM sein?

Ich werde nicht nach Deutschland zurückkehren, weil ich zur WM will. Wenn ich gut Fußball spiele, wird das honoriert - ganz egal in welchem Land ich spiele. Liverpool wird bei Vertragsgesprächen mein erster Ansprechpartner sein. Aber ich bin ziemlich offen. Ich bin jetzt sechs Jahre hier und würde auch ganz gerne bleiben. Aber das Gefühl, nach Deutschland zurückkehren zu wollen, kommt bei mir immer wieder mal durch. Ausschließen will ich eine Rückkehr auf keinen Fall. Ein, zwei Jahre in der Bundesliga zu spielen, das wäre schon reizvoll.

Welche Ziele haben Sie sich für die letzten drei, vier Profijahre noch gesetzt?

Liverpool ist seit 15 Jahren nicht mehr Meister geworden. Sollte ich hierbleiben, wäre dieser Titel mein größtes Ziel.

Und mit der Nationalmannschaft?

Wenn ich zurückkehren sollte, ist die WM mein großes Ziel. Weltmeister im eigenen Land - das ist ein Traum.

Welche Chancen schätzen Sie höher: Daß Sie in die Nationalelf zurückkehren oder dann mit dem Team Weltmeister werden.

Gute Frage - beides ist möglich.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.10.2004, Nr. 40 / Seite 20
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