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Dietmar Hamann im Gespräch „Viele Spieler leben in einer Scheinwelt“

02.02.2012 ·  An diesem Dienstag erscheint das Buch von Dietmar Hamann, der einst 345.000 Euro in einer Nacht verlor. Im FAZ.NET-Interview spricht der frühere Nationalspieler über Saufen, Zocken und seinen Spitznamen „The Kaiser“.

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© dapd „The Didi Man“: Dietmar Hamann gibt in seinem Buch Einblicke in sein Leben - auch abseits des Fußballplatzes

Herr Hamann, in Ihrem Buch, das an diesem Dienstag erscheint, erzählen Sie von einer Nacht, in der Sie 345.000 Euro bei einer Cricket-Wette verloren haben. Sie geben auch zu, zu viel getrunken zu haben. Ist das Buch, von dem Auszüge im Daily Mirror erschienen sind, eine Art Lebensbeichte?

So kommt das wohl in Deutschland rüber. Ich habe die Schlagzeilen in den deutschen Boulevard-Blättern auch gesehen und war überrascht, dass der Eindruck entstanden ist, ich sei wett- und alkoholsüchtig gewesen. Das war ich nicht. Nachdem mich meine Frau mit den Kindern verlassen hatte, bin ich in ein Loch gefallen. Das Wetten war eine Ablenkung. Und ich habe zwei, drei Bier abends getrunken, aber ich war kein Säufer, ich war damals ja noch für Manchester City aktiv. Es geht um einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten, den ich auf sechs, sieben Seiten beschrieben habe. Die restlichen 275 Seiten handeln davon, was in den letzten zehn, 15 Jahren passiert ist. Es sind lustige Anekdoten dabei, aber es ist kein Witzebuch.

Doch normal ist es nicht, 345.000 Euro bei einem Cricket-Freundschaftsspiel zwischen Australien und Südafrika zu verzocken?

Nein, natürlich nicht. Ich habe am nächsten Tag in den Spiegel gesehen und mich gefragt, was mit mir los ist. Mir war klar, dass ich den Dingen begegnen musste, ohne Ausflüchte, ohne in Selbstmitleid zu verfallen und ohne die Schuld bei anderen zu suchen. Ich habe zu der Zeit meine jetzige Freundin kennengelernt. Sie war eine große Hilfe und hat dafür gesorgt, wieder Normalität in mein Leben reinzubringen.

Warum eigentlich Cricket?

Cricket hat in England einen sehr hohen Stellenwert. Es ist ein Sport, wo alles gefragt ist. Vor allem die Hand-Auge-Koordination ist sehr wichtig. Mich hat das Spiel sofort fasziniert. Inzwischen spiele ich selbst Cricket, aber auf bescheidenem Niveau.

Und wetten Sie heute noch?

Nein, ich habe damit aufgehört, aber ich hätte auch kein Problem damit, mit ein paar Leuten am Nachmittag auf die Pferderennbahn zu gehen und kleinere Beträge zu setzen. Es ist keine Sucht.

Es scheint, als wäre aber gerade auf der Insel die Wettleidenschaft bei Fußballprofis weit verbreitet.

Das ist tatsächlich ein Problem. Wetten hat hier in England einfach eine große Tradition, man braucht nur an die Buchmacher zu denken. Aber ich habe den Eindruck, dass auch auf dem Festland mehr und mehr englische Verhältnisse herrschen, was das Wettfieber angeht.

Es gibt noch ein anderes Vorurteil: Englische Fußballprofis trinken gerne mal einen über den Durst.

Das war vielleicht vor zehn, zwanzig Jahren so, hat sich jedoch geändert. Die Fitness ist so wichtig geworden, dass man sich regelmäßige Pub-Besuche nicht mehr leisten kann. Die Spieler werden ja auch regelmäßig auf ihre körperliche Verfassung getestet, tragen GPS-Gürtel, damit die Laufleistung genauestens ermittelt werden kann. Und dann ist da ja noch die enorme Medienpräsenz, die dafür sorgt, dass jeder Fehltritt gleich an die Öffentlichkeit kommt.

Doch der Satz in Ihrem Buch, dass Profifußballer nie richtig erwachsen werden, trifft auch auf die heutige Spielergeneration zu?

Ich denke schon. Viele Spieler leben in einer Scheinwelt. Wenn sie dann über dreißig sind, realisieren sie, dass in ein paar Jahren Schluss mit dem Fußballspielen ist, und sie wissen nicht, was sie dann tun sollen. Da haben gleichaltrige Männer, die schon seit vielen Jahren mit beiden Beinen im richtigen Leben stehen, einen Vorteil.

War der Führerschein-Entzug wegen Alkohol am Steuer ein Wendepunkt in Ihrem Leben?

Wendepunkt ist der falsche Ausdruck. Das passierte im Jahr, als ich ohne Verein war, nach der Zeit bei Manchester City. Das kann nicht sein, sagte ich mir. Es war ein weiterer Punkt, der mir gezeigt hat, dass sich was ändern muss. Ich wollte Trainer werden, und da hat man ja auch eine Vorbildfunktion.

Sie starteten bei Stockport County Ihre Trainerkarriere - ein Fünftligaklub im Süden von Manchester.

Stockport County hat eine große Tradition und eine sehr treue Anhängerschaft. Wir hatten bei den Heimspielen 3500 bis 4000 Zuschauer. Fünfte Liga in England kann man nicht mit fünfter Liga in Deutschland oder Italien vergleichen. Ich habe bei Stockport County als Teammanager sehr viel gelernt, musste viele neue Spieler verpflichten und Verhandlungen mit den Beratern führen, was sehr frustrierend sein kann. Und ich habe unter Profibedingungen mit der Mannschaft trainieren können.

Nach nur wenigen Monaten haben Sie dann aber das Handtuch geworfen.

Der Verein sollte von einem Konsortium von drei, vier Leuten übernommen werden. Und dieses Konsortium hatte mich als Trainer vorgeschlagen. Aber dann haben sich die Verhandlungen mit den bisherigen Klubinhabern hingezogen. Irgendwann hatten die Leute, die hinter mir standen, die Nase voll. Da wurde mir klar, dass die Sache hier nichts mehr für mich ist. Aber die Zeit bei Stockport hat mir gezeigt, dass der Trainer- oder Teammanager-Job, wie das in England heißt, das Richtige für mich ist.

In Ihrem Buch heißt es, Sie seien seit Ihrer Geburt ein Engländer.

Als ich vor 14 Jahren auf die Insel kam, habe ich mich von Anfang hier wohl gefühlt. Die Leute sind einfach weniger verbissen. Es gibt keine Hektik und keinen Stress, alles ist ruhiger und gemächlicher. Und je weiter du in den Norden von England kommst, umso freundlicher werden die Menschen. Ich weiß noch, wie ich anfangs im Kalender immer nachschaute, wann eine Länderspielpause ist und ich nach München fliegen kann. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich glücklicher war, wenn ich wieder in der Maschine Richtung England saß.

In England nennt man Sie auch Kaiser" - der Ritterschlag für einen Fußballer.

Das hat aber nichts mit Franz Beckenbauer zu tun. Michael Owen hat mir zu Liverpooler Zeiten den Spitznamen gegeben. Wir spielten nach der Mittagspause in der Kantine vom FC Liverpool häufig Billard, immer in Zweier-Teams, Michael an meiner Seite. Der Fernseher lief meistens nebenher, und dort hat Michael Ralf Souquet gesehen, einen großartigen deutscher Billardspieler. Als sich Souqet umdrehte, stand hinten auf seinem Shirt „The Kaiser". Michael wollte mir ein T-Shirt mit dem Aufdruck „The Kaiser" besorgen. Das ist nie passiert. Aber der Spitzname Kaiser ist mir geblieben.

Das Gespräch führte Roland Wiedemann.

Quelle: F.A.S.
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