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Diego Maradona Der Vulkan schlummert nur

20.11.2008 ·  Glasgow war der passende Ort für das Maradona-Revival. Der einstige argentinische Weltstar gibt bei seinem Debüt als argentinischer Nationaltrainer eine ruhige, fast reife Vorstellung. Der Vulkan ist noch aktiv, aber nicht mehr eruptiv.

Von Christian Eichler, Glasgow
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Maradona ist wieder da. Nur: als was? Genie auf Umschulung? Oder nur ein großes Missverständnis? Trainer, das ist etwas für ausgeglichene Temperamente, nicht für einen „vulkanischen Charakter“, wie Diego Maradona von seinem früheren Mitspieler Jorge Valdano beschrieben wurde. Und wohl weil er weiß, dass alle nur darauf warten, den alten, unberechenbaren Maradona zu erleben, hat er bei seinem Debüt als Nationaltrainer eine ruhige, fast reife Vorstellung gegeben. (siehe auch: Argentinien: Das Experiment Maradona)

War es die Sorge um die erkrankte schwangere Tochter, zu der er zwei Stunden nach Schlusspfiff in Glasgow per Privatjet flog? War es der dankbare Gegner? War es die uninspirierte, aber geschlossene Leistung seines neuen Teams? Der 1:0-Sieg in Schottland zeigte einen beherrschten Maradona. Und das war nun wirklich unberechenbar von ihm.

Der Vulkan ist noch aktiv, aber nicht eruptiv

Die Botschaft des Abends: Der Vulkan ist noch aktiv, aber nicht eruptiv. Wie jede seismologische Vorhersage ist das natürlich ohne Gewähr. Erste Zeichen von Aktivität zeigte Maradona erst nach 17 Minuten, als es schon 1:0 durch Rodriguez stand. Erbost über das Stellungsspiel des Verteidigers Heinze, stürmte er an die Linie, wo er in der übergroßen Thermo-Trainingsjacke fast wieder so kugelrund aussah wie in seiner Zweieinhalbzentner-Zeit vor der Magenverkleinerung.

Aber das war eine optische Täuschung – aus der Nähe und ohne Polsterung wirkt er wieder fast drahtig. Ein Job als Jungbrunnen? Maradona gibt zu, „dass ich Argentinien brauche“. Und Argentinien brauche ihn, „braucht Führung“. Um Mitarbeiterführung also bemühte sich Maradona in dieser 17. Minute, bei seinem ersten Ausflug als Trainer. Und machte gleich einen schönen Anfängerfehler: Er brüllte Heinze mitten in eine Abwehraktion hinein an. Er lenkte seinen Spieler vom Wesentlichen ab. Das blieb allerdings doppelt folgenlos. Die Szene brachte keine Gefahr. Und Heinze spielte genau so weiter wie vorher.

Ein Mann, der für eine Bühne geboren ist

Maradona ist immer noch ein Naturereignis. Ein Mann, der für eine Bühne geboren ist. Wenn er eine hat, wächst er, bis er sie ganz ausfüllt. Alle Rollen, Posen, Gesten, zumindest jene, die den öffentlichen Teil des Trainerjobs ausmachen, erfüllt er jetzt schon virtuos. Den Anführer: Der seine Leute am Ende so dramatisch umarmt, als kämen sie vom gefährlichen Einsatz fürs Vaterland heil zurück. Den Staatsmann: Der mit Pathos von der „Hoffnung für die Zukunft“ für sein Land spricht, denn seine Leute „zeigten, dass sie Männer sind, sie machten mich stolz“. Den Psychologen: Der seinen Spielern nach „unserer Minikrise“ in der WM-Qualifikation „die Angst vor dem Verlieren nehmen“ wollte, „und das ist gelungen“. Den PR-Profi: Der mit einem munteren „Hola“ vor die Presse tritt, von der „großartigen Erfahrung“ dieses Abends spricht und mehr Fragen zulässt, als der Pressesprecher angekündigt hat.

Und nicht zuletzt: den Schauspieler. Ob ihm Terry Butcher die Hand geschüttelt habe? Maradonas Antwort, mit todernstem Ton: „Butcher? Welcher Butcher?“ Man erklärt es ihm: der Assistenztrainer der Schotten, der bei der WM 1986 im englischen Team stand, das von Maradonas „Hand Gottes“ betrogen wurde; und der am Montag erklärt hatte, er werde Maradona nie verzeihen – worauf der Argentinier konterte, die Engländer hätten ihren einzigen WM-Titel 1966 durch ein unrechtmäßiges Tor gewonnen (das „Wembley-Tor“ gegen Deutschland). Natürlich kennt Maradona Butcher. Aber er fragt: „Wer ist Butcher?“ Und plötzlich funkelt da ein unverschämt breites Grinsen.

Glasgow wurde der passende Ort für das Maradona-Revival

Es sei das erste Mal, dass er in dieser Woche lache, sagt Maradona – er habe sonst immer an die Tochter und ihr Baby denken müssen. Den Vater des werdenden Enkels, Angreifer Sergio Aguero, ließ er am Dienstag heimfliegen zur Verlobten, über deren Zustand dann schon vor der Partie Entwarnung kam.

Und Glasgow wurde der passende Ort für das Maradona-Revival. Hier hat er als 18-Jähriger sein erstes Tor für Argentinien erzielt und Europa erstmals mit seinem einmaligen Talent verblüfft. Hier lieben sie ihn, weil er 1986 die Lieblingsfeinde der Schotten, die Engländer, mit seinem Handtor so gelinkt hatte (und ihnen anschließend mit seinem Jahrhundert-Solo den Rest gab). Ja, es war sogar ein Schotte, der Fußball einst nach Argentinien gebracht hatte, und ein anderer zog nun in Glasgow daraus den logischen Schluss: „Ohne Schottland kein Maradona“.

Die Unwägbarkeiten der Hochzeitsnacht

Das vermutlich Schwerste, was Maradona nun lernen muss, ist die Langeweile. Sie ist Teil der Job-Beschreibung. Der vielleicht einzige Fußballer, der nie langweilig war, hat einen guten Teil seiner ersten Trainertage so verbracht: mit dem DVD-Studium von Schottland – Island, Schottland – Mazedonien, Schottland – Norwegen. Drei Spiele, die nicht nur für einen wie ihn eine Strafe sein müssen. Demnächst auf dem Bildschirm: Venezuela und Bolivien, die nächsten Gegner in der WM-Qualifikation.

Aber man weiß ja noch nicht einmal, ob Maradona dann, im März, noch Trainer ist. Nach kaum einer Woche hatte er ja schon wieder mit Rücktritt gedroht, weil der mächtige Verbandsboss Grondona ihm den Wunsch-Assistenten Ruggeri nicht geben will. Auf der argentinischen Platte deuten sich tektonische Verwerfungen an. Vor dem Spiel hatte Grondona gesagt: „Maradona zu haben, das schafft Vorfreude wie auf eine Hochzeitsnacht. Du bist aufgeregt und hoffst, dass es wundervoll wird. Aber du weißt nie, was wirklich geschehen wird.“ Schon gar nicht, wenn man einen Vulkan heiratet.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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