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Die WM und ihre Folgen Der missgönnte Triumph

03.01.2007 ·  Diese Schwalbenkönige haben uns rausgeschmissen, ihr Fußballverband ist korrupt, und wie konnte dieser Materazzi nur so etwas zu Zidane sagen! Hierzulande gönnt man den Azzurri den WM-Titel nicht recht.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Nicht als Sommermärchen, eher als unverhofften, vielleicht sogar unverdienten Lottogewinn haben die meisten Italiener die Weltmeisterschaft 2006 in Erinnerung. Die Freude über eine solche Überraschung ist darum nicht geringer. Noch immer flattern zahllose grünweißrote Landesfahnen, inzwischen merklich gebleicht, in der Wintersonne von Balkons, Baukränen und aus Fenstern im italienischen Wind.

„Campioni del mondo!“, was anfangs wie eine Beschwörung wirkte, weil viele es gar nicht glauben konnten, ist heute eine stolze Selbstverständlichkeit. Die italienische Post präsentierte unlängst eine Sondermarke, welche die jubelnde Mannschaft nach dem Berliner Finale zeigt. In fast jeder Poststelle hängen die Marken mit Sonderstempeln zum Verkauf aus; es gab offizielle und nachgemachte Sondermünzen zum historischen Ereignis.

WM-Titel garniert mit heimischem Fußballskandal

Der Eifer, auch nach dem Feiern noch etwas Greifbares vom Triumph in Händen zu haben, hängt natürlich mit dem gleichzeitig bekanntgewordenen Fußballskandal zusammen, der das Image des Calcio nachhaltig beschädigt hat. Was immer auch durch Moggi und Co. kaputtgegangen ist, scheinen viele Tifosi zu denken, wenigstens diesen Weltmeistertitel kann uns keiner mehr nehmen.

Aber es gibt auch Italiener, die im Finale den Franzosen die Daumen gedrückt haben. Nicht aus Gerechtigkeitssinn wegen des miserablen Angsthasenfußballs der Azzurri in der Vorrunde, das wäre ja noch schöner. Nein, unser Gemüsehändler etwa erzählt noch heute mit traurigem Blick, wie er vor dem Fernsehen den Franzosen die Daumen drückte und sich über den Sieg im Elfmeterschießen nicht freuen konnte. Er besaß eine Karte für das Finale, doch wegen der Krankheit eines mitreisenden Freundes ist er nicht nach Berlin gefahren. Nun wollte er wenigstens daheim in Venedig erleben, daß er als Live-Zuschauer nur eine traurige Niederlage miterlebt hätte. Aber es kam bekanntlich anders.

„Es ist tatsächlich wahr“

Die meisten seiner Landsleute hatten, als es dann soweit war, keine nennenswerten Probleme mit dem Jubeln. Schließlich waren es die leidenschaftlichen Tifosi, die Europa das kollektive Ritual des Autokorsos geschenkt haben, wie das nach ihren Siegen längst auch die deutschen Fans zum Aufgalopp der landesweiten Partys imitieren. Wenn überhaupt, dann war gegenüber der schranken- und geradezu besinnungslosen Begeisterung der deutschen Gastgeber in Italien so etwas wie eine Hemmung auszumachen. Das lag an der Zeitverzögerung, mit welcher die meisten erst realisierten, was für ein unerwartetes Glück ihnen widerfahren ist.

„Es ist tatsächlich wahr“, lautete denn auch ein zurückhaltender Zeitungstitel am Tag nach dem Erfolg. Augenscheinlich hatte nach den Hiobsbotschaften der vorherigen Wochen kaum jemand mit dem Titel gerechnet und mußte sich nach vielen Rückschlägen und allerhand ganz unitalienisch pessimistischer Unkerei erst einmal die Augen reiben.

Grölende Opas, Massenbad in Venedigs Lagunen

Nach dem hochverdienten Sieg in der Verlängerung gegen Deutschland beließ man es noch bei den traditionellen Autocorsi, aber nach dem verschossenen Elfmeter von Trezeguet gab es kein Halten mehr: Menschen sprangen angezogen in Brunnen und Flüsse, vor allem in Venedig mit Lagunen und Kanälen gab es beste Voraussetzungen für ein nicht ganz hygienisches, aber beeindruckend dionysisches Massenbad Tausender: Grölende Opas im Anzug, die durchs warme Lagunenwasser schwimmen, Mädchen, die sich in Unterwäsche kreischend von Brücken stürzen, Ragazzi, die ihre Heißblütigkeit offenbar nur durch immer neue Kopfsprünge abkühlen können, dazu Motorboote mit dröhnenden Discoboxen und Wasserfontänen, die mit Absicht von den Schiffsschrauben auf die jubelnde Menge abgeschossen werden - das sind dann unwiederholbare italienische Nächte, von denen zuvor seit dem Sieg 1982 gegen Deutschland in Madrid Eltern ihren Kindern erzählt hatten. Nun weckten Väter ihre kleinen Söhne mitten in der Nacht, damit diese hinterher sagen können, sie seien 2006 dabeigewesen.

Doch der Jubel konnte auf Dauer nicht verdrängen, daß dies ein merkwürdiger, irgendwie unnatürlicher Weltmeistertitel war. Das fing an mit der Mißgunst der restlichen Welt: Ausgerechnet die Stars der manipulierten und verschobenen Serie A dürfen den Weltpokal einheimsen. Ausgerechnet ein korrupter Fußballverband näht sich den vierten Stern - damit nur mehr übertroffen von Brasilien - ans Trikot. Was war mit der von italienischen Medien geforderten und beförderten Sperre von Torsten Frings? Wie konnte der rustikale Verteidiger Materazzi den Weltstar Zinedine Zidane provozieren? Und ist ein Weltmeistertitel, den man im Elfmeterschießen errungen hat, nicht irgendwie wertloser als andere?

Und ob wir den Titel verdient haben!

Gerade die Deutschen, die so oft nach durchwachsenen Turnieren im Endspiel landeten, die 1974 gegen eine bessere Mannschaft siegten und 1990 einen zweifelhaften Elfmeter für den Finalsieg benötigten, müßten solche Mäkeleien der Unterlegenen vertraut klingen. In Italien, wo man mit Nachkriegsarmut, Gastarbeitern, Mafia, nicht verarbeitetem Faschismus und Skandalpolitik allerhand schmälernde Beurteilungen gewohnt ist, führt solche Kritik nur zum Zusammenschluß: Und ob wir den Titel verdient haben! So wird noch heute jeder Tifoso einem ausländischen Kritiker stolz entgegenhalten. Und vorrechnen, daß bei Weltmeisterschaften noch nie eine Mannschaft kein reguläres Gegentor kassierte (Buffon wurde in der Tat nur durch ein Eigentor von Materazzi überwunden), daß die Italiener keineswegs nur Catenaccio gespielt, daß sie etwa gegen die Ukraine im Viertelfinale nach Herzenslust angegriffen haben und gegen Deutschland mit Macht das Elfmeterschießen durch beherzte Attacken in der Nachspielzeit vermeiden konnten.

Es ist schwer zu widerlegen, daß in Italien die beste Mannschaft Weltmeister wurde, daß Trainer Marcello Lippi - etwa im Gegensatz zu seinem argentinischen Kollegen Pekerman, der sein Team durch Auswechslungen ruinierte - der beste Taktiker war. Und daß Zidane mit seinem Ausrasten gegenüber einer - übrigens nicht einmal unwitzigen - Provokation von Materazzi nur ein sporthistorisches Fanal von Unkollegialität und Dummheit hinterlassen hat. Einem Italiener wäre das nicht passiert.

Motivation via Katastrophe

Doch weder taktische Finesse noch Schlagfertigkeit reichten alleine aus, um aus dem verwöhnten Star-Ensemble einer wankenden Serie A einen Weltmeister zu machen. Wahrscheinlich waren es gerade die Nachrichten über Zwangsabstieg und Punktabzug, über Vereinswechsel und Sperren, dazu kamen die Verhöre beim Staatsanwalt und der Beinahe-Suizid ihres alten Kameraden Pessotto, was die Mannschaft zusammenschweißte. „Ohne Moggi wären wir nie und nimmer Weltmeister geworden“, lautet eine Einschätzung, die man auch aus der Distanz von rund fünf Monaten immer wieder hört.

Wahrscheinlich ist an dem Paradox einer Motivation via Katastrophe einiges dran, wahrscheinlich bedurfte es des Appells an die Sportlerehre, damit die technisch hervorragenden Spieler in der Tat ihr gesamtes Potential abriefen und unbezwingbar wurden. Wenn das so war - und nicht das Losglück mit den einfachsten Gegnern im Achtel- und Viertelfinale die Italiener so weit gebracht hat -, hat die Weltmeisterschaft 2006 den Italienern ein kurioses Drama geschrieben.

Titelgewinn mit makabrem Beigeschmack

Denn dem einstigen Juventus-Manager Luciano Moggi, gegen den eine Anklage wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ vorbereitet wird und auf den Schadensersatzforderungen in Höhe von rund vierzig Millionen Euro zukommen, hat niemand die Rolle als WM-Maskottchen in die Wiege gelegt. Und sein Nachfolger Pessotto, der in seiner Verzweiflung über den korrupt heruntergewirtschafteten Klub Juventus Turin keinen anderen Ausweg mehr sah als den Sprung aus dem Dachfenster des Klubhauses, wäre beinahe zum tragischen Todesopfer geworden; daß seine Tat die Kollegen motivierte, gibt dem Titelgewinn einen makabren Beigeschmack, für den die Spieler freilich nichts können.

Bei den Fans haben solche Begleiterscheinungen die gemischten Gefühle angesichts des Titels nur vermehrt: Als angeschlagener und geschmähter Außenseiter angereist, beinahe in der Vorrunde ausgeschieden, durch Skandale erst zusammengeschweißt, am Ende mit dem Pokal in Händen - und dann im Wirrwarr der Prozesse und Sanktionen zum Alltag übergegangen.

Langeweile in der Serie A

Inzwischen spielen Weltmeister wie Buffon, Camoranesi und Del Piero in der zweiten Liga auf dem Dorf. Weltstars wie Cannavaro, Zambrotta, aber auch Schewtschenko und Emerson haben der finanziell angeschlagenen Serie A den Rücken gekehrt. Im noch langweiliger gewordenen Liga-Alltag ohne Juventus sowie mit einem abgestraften und geschwächten AC Mailand dominiert Inter Mailand nach Belieben.

Das ist gut für Weltmeister wie Materazzi und Grosso, aber schädlich für die Spannung und die Atmosphäre. Nach dem Höhenflug ist der italienische Fußball wieder in der landestypischen Dauerkrise angekommen. Doch das unangenehme Gefühl, daß hier der Falsche Weltmeister geworden wäre, daß Italien angesichts der eigenen Misere den Titel nicht verdient hätte - das wird keinen Italiener beschleichen. Von einem unglücklichen Gemüsehändler einmal abgesehen.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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