04.01.2007 · Jürgen Klinsmann ist längst wieder in Kalifornien, man hört und sieht kaum etwas was von ihm. Und doch sind er und seine Philosophie allerorts präsent - nicht nur im Fußball. Wie der Klinsmann-Effekt weiterlebt und instrumentalisiert wird.
Von Michael HoreniWolf Lepenies ist im Herbst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. Der Soziologe und Schriftsteller ist ein aufmerksamer Beobachter der deutschen Gesellschaft, und daher wurde er auch nach der Wirkung der Fußball-Weltmeisterschaft gefragt, nach dem „Klinsmann-Effekt“. Dabei ging es um die Frage, ob der Bundestrainer mit seinen Methoden den Deutschen nicht nur einen schönen Sommer bescherte, sondern womöglich Mut zum Aufbruch gemacht hat. „Dieser Klinsmann-Effekt wird nachhaltiger im Ausland sein als bei uns“, sagte er kühl voraus. In Deutschland, so Lepenies weiter, sei die optimistische Stimmung vielleicht nur eine Episode. Es spricht manches dafür, dass an der unterschiedlichen Wahrnehmung, an dieser Differenz von innen und außen, etwas dran ist; dass sich die Sicht auf das Land womöglich stärker verändert hat als das Land selbst.
Am 1. Januar hat die deutsche Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union begonnen, und dass sich der Klinsmann-Effekt im Ausland noch nicht verflüchtigt hat, machte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor wenigen Wochen deutlich. „Jürgen Klinsmann ist weg. Aber der Klinsmann-Effekt ist noch sehr lebendig“, sagte Barroso. Der Portugiese appellierte an die Regierung in Berlin, während der sechsmonatigen Präsidentschaft das europäische Projekt mit dem Geist des früheren Bundestrainers voranzubringen. „Angela Merkel kann so etwas werden wie der Jürgen Klinsmann der Politik“, sagte er. In Deutschland hat das nach der Weltmeisterschaft niemand mehr behauptet.
„Er hat die Nation motiviert und glauben lassen“
„Klinsmann ist einer der wichtigsten Menschen für Fortschritt in Deutschland. Er hat die Nation motiviert und sie an die Zukunft des Landes glauben lassen. Er hat den Menschen gezeigt, dass Probleme gelöst und neue Wege eingeschlagen werden können. Er hat die Bedingungen geändert, um erfolgreich sein zu können. Klinsmann ist ein großartiger Leader“, sagt Paul Dolan, Vorstandsvorsitzender des Economic Forum Deutschland. Der gemeinnützige Verein hat es sich seit einigen Jahren zur Aufgabe gemacht, den Standort Deutschland zu stärken. Dolan stammt aus New York, und er wünscht sich, dass Wirtschaft und Politik in Klinsmanns Geist Arbeitsplätze schaffen.
Die große Koalition mit der Bundeskanzlerin, die Klinsmann nach geglückter Weltmeisterschaft in die Arme schloss, will an solch konsequente Leitbilder lieber nicht mehr erinnert werden. In Berlin ist das Unentschieden heilig, aber nicht der Glaube, mit Risiko, Wahrhaftigkeit und Entscheidungsfreude gewinnen zu können. In der Neujahransprache der Kanzlerin kehrte der unerwartete Erfolg der Nationalelf noch einmal als Leitmotiv zurück, rein rhetorisch.
Skurrile Mitnahmeeffekte und schräge Analogien
In der deutschen Wirtschaft gibt es mittlerweile ein gesteigertes Interesse an Klinsmanns Weg. Zahlreiche Unternehmen haben bei ihm angefragt, ob er über seine Arbeit referiere. Klinsmann hat die hochdotierten Angebote allesamt abgelehnt. Auch das World Economic Forum in Davos hat ihn für seine Jahrestagung Ende Januar in die Schweiz eingeladen. Es ist das hochkarätigste Treffen weltweiter Entscheidungsträger und Meinungsbildner.
Aber der Erfolg von Klinsmann führt auch zu mitunter skurrilen Mitnahmeeffekten und schrägen Analogien; in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur, in den Medien. Das Frankfurter Institut für umweltorientierte Logistik etwa hat sich der durchaus ehrenwerten Aufgabe verschrieben, für ein ständiges Fahren mit Licht auf deutschen Straßen zu werben. Im Sinne von Klinsmann, selbstverständlich. „Starten wir einen neuen Anlauf - bauen wir auf den Zusammenhalt der Verkehrsteilnehmer und nennen es den Klinsmann-Effekt“, heißt es dort.
Beliebtes Klinsmann-Etikett
In einer Rezension über das Erste Autorentheater in Berlin wurde allen Ernstes „eine Art Klinsmannisierung des deutschen Theaters“ gefordert: „Mit Teamgeist, Selbstvertrauen und kollektiver Inspiration soll aus heftig differierenden Einzelleistungen das optimale Ganze entstehen.“ Auch der Radrennstall T-Mobile, von der Dopingaffäre um den entlassenen Jan Ullrich geschüttelt, heftete sich bei seinen Aufräumarbeiten gleich das Klinsmann-Etikett um. Von einer „grundlegenden Prüfung“ aller Strukturen und Personen im Team war die Rede, und dabei wurde der „Klinsmann-Effekt“ beschworen, um die Aufbruchstimmung glaubhaft zu machen. Weitere Entlassungen folgten. Aber ist der Radsport jetzt etwa sauber?
Die ernstgemeinten Nutzbarmachungen sowie die lächerlichen Vereinnahmungen von Klinsmanns Reformen sind auch deswegen so leicht möglich, weil ein paar Tage nach der WM mit dem Bundestrainer auch die Deutungshoheit über den Reformkurs wieder nach Kalifornien verschwand. Seitdem hat sich Klinsmann über die Weltmeisterschaft und die Folgen für das Land noch nicht geäußert - und auch nur vage über die Veränderungen im deutschen Fußball und seine Perspektive in den kommenden Jahren.
Löw als Nachfolger in Position gebracht
Aber der Bundestrainer hält Reformen ohnehin „für einen permanenten Prozess“, nicht für ein einmaliges Ereignis, und die Weiterentwicklung beherzigt er auch für sich nach der WM. Er bildete sich nach einigen Monaten schon wieder weiter, auf der Duke University in North Carolina. Es geht ihm um die Sache. Das Angebot, für den amerikanischen Verband als Nationaltrainer zu arbeiten, lehnte er daher kurz vor Weihnachten ab. Es ging um die Abstellung der Spieler und seinen Stab. Klinsmann konnte nicht frei darüber entscheiden. Er konnte die Bedingungen nicht ändern; also sagte er ab. Dabei hätte er gerne weiter als Nationaltrainer gearbeitet.
Einfluss auf seine Nachfolge in Deutschland hatte Klinsmann schon während der Weltmeisterschaft genommen. Schon nach dem Viertelfinale wies er öffentlich darauf hin, dass Löw die Fähigkeit habe, die Nationalelf alleine zu führen. Er bereitete ihm den Weg. „Ich habe dem DFB nach der WM gesagt, es gibt nur einen in Deutschland, der unsere Philosophie fortführen kann - und das ist Jogi Löw in seiner unglaublich sympathischen Art“, sagte Klinsmann unlängst in einem Interview mit der „Zeit“. Sein Votum hat geholfen, um eine kontinuierliche Entwicklung bei der Nationalmannschaft zu ermöglichen. Aber die Frage, wie viel Klinsmann in Löw steckt, ist auch nach einem sehr erfolgreichen Start noch nicht ganz klar. In sechs Länderspielen unter Löws Regie holte die DFB-Auswahl fünf Siege und ein Unentschieden bei 24:2 Toren - und geht als Tabellenführer ihrer EM-Qualifikationsgruppe ins neue Jahr. Aber vielleicht ist diese Frage im Moment auch gar nicht so wichtig, sondern erst, wenn es auch für ihn und die Nationalelf einmal kritisch wird.
Klinsmanns Schatten lastet nicht auf Löw
Löw ist es dennoch erstaunlich schnell gelungen, aus der Rolle des Assistenten zu treten und seinen eigenen Stil zu entwickeln. Dabei hilft ihm auch die Entfernung, die Klinsmann wieder zwischen sich und Deutschland gelegt hat. Der Abstand fördert zum einen die Mystifizierung seines Vorgängers, aber er verschafft Löw im Alltag zugleich einen großen Freiraum. Der Schatten Klinsmanns lastet nicht auf ihm, er kann ungleich leichter seinen Weg finden als etwa Berti Vogts, der als Bundestrainer stets unter der Allgegenwart des verehrten Franz Beckenbauer litt. Klinsmann aber schreibt keine Kolumnen in Boulevardblättern über den deutschen Fußball, tritt nicht als Fernsehkommentator auf, repräsentiert keinen Bundesligaklub und steht auch nicht als Fußballinstanz für die letzte Frage zur Verfügung.
Wenn Löw und Klinsmann miteinander telefonieren, dann reden sie meist über private Dinge. Sie telefonieren meist nach Länderspielen. Wenn Klinsmann etwas auffällt, ein Spieler oder eine ungewöhnliche Entwicklung, dann erwähnt er das. Als Besserwisserei eines Vorgängers, der nicht loslassen kann, empfindet das Löw überhaupt nicht. Dafür ist er zu souverän. Meistens sind sie ohnehin einer Meinung. So wie früher.
Qualität der Artikel
Markus Schwamborn (schwambo)
- 03.01.2007, 22:58 Uhr
Bundesverdienstkreuz ?
K Zinser (klaus_zinser)
- 04.01.2007, 01:37 Uhr
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |