20.03.2009 · Kompliziert ist die Lage bei EM-Gastgeber Ukraine, nicht nur wegen der nächsten Präsidentschaftswahl. Die Finanzkrise potenziert alle Versäumnisse, das Land steht vor dem finanziellen Kollaps. Nun bleiben Argumente jenseits des Uefa-Katalogs: Gastfreundschaft und Improvationskunst. Michael Horeni blickte sich vor Ort um.
Von Michael HoreniPetro Deminski sitzt in seinem holzgetäfelten Arbeitszimmer an einem Tisch, in den grüner Marmor eingelassen ist. Der Tisch ist so groß, dass eine ganze Fußballmannschaft bequem Platz daran fände. Aber eigentlich ist der Tisch viel mehr als nur ein Tisch. Er ist ein in Marmor gehauener Businessplan. Im Marmor sind die Konturen eines Fußballfeldes abgebildet, der Mittelkreis besteht aus dem Sternesymbol der Champions League, an den Kopfenden steht hinter den beiden Toren „FC Karpaty“. Einmal in kyrillischer, einmal in lateinischer Schrift. Es ist der Name des ukrainischen Erstligaklubs, der von Präsident Petro Deminski geführt wird. Offensichtlich sollen der FC Karpaty Lemberg und die Champions League einmal in einem Atemzug genannt werden. Als dieser Tisch für den Präsidenten gemacht wurde, gab es noch keine Wirtschaftskrise. Deminski sitzt auf einem Stuhl, der eher einem Thron gleicht, mit edlem Stoff bezogen und einem eingearbeiteten goldenen Vereinswappen. Deminski ist auch viel mehr als nur ein Präsident. Er ist der reichste und mächtigste Mann in der Westukraine. Und wenn man eine Stunde mit Petro Deminski geredet hat, kann man den Eindruck gewinnen, dass der Oligarch auch die Macht besitzt, die Europameisterschaft 2012 in der Ukraine und in Polen platzen zu lassen.
Lemberg als Brücke zu Polen und zu Europa
Die EM, die eigentlich als großangelegtes Konjunkturprogramm wirken sollte, wird in der Ukraine derzeit von zwei unkontrollierbaren Kräften in die Zange genommen. Von der Finanz- und Wirtschaftskrise, die zerstörerisch tobt in der Ukraine vor Deminskis gut gesicherten Türen, die nur von innen zu öffnen sind und von kantigen Männern bewacht werden.
Und von den politischen Gefechten in Kiew, die dazu geeignet sind, das Land lahmzulegen und sportpolitische Kollateralschäden in Europa zu hinterlassen. Dazu muss man wissen, dass Lemberg als einer der vier ukrainischen (neben vier polnischen) Spielorte vorgesehen ist, über die im Mai von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) entschieden wird. Lemberg ist die einzige vorgesehene Stadt der Westukraine, des europäisch zugeneigten Teils des Landes. Sie ist die Brücke zu Polen und zu Europa.
Schwarze Geländewagen und Personenschutz
In Lemberg, einer malerischen Stadt mit über hundert Kirchen und herrlichen Bauten aus k. u. k. -Zeiten, lebt sozusagen der Geist der politischen Idee, mit der sich die EM in der Ukraine und Polen legitimiert. „Lemberg ist das Tor zum Westen. Ich bin überzeugt: Wird Lemberg nicht Austragungsort der EM 2012 sein, wird es keine EM in der Ukraine geben“, sagt Deminski. „Und wenn die Ukraine die EM nicht austragen kann, wird das politische Konsequenzen auf allen Ebenen haben - für die Politiker und das ganze Land.“ Man kann das als Warnung verstehen.
Deminski war Bergbauingenieur, dann Bergbaudirektor, und als das Land den Kommunismus abschaffte, gehörte ihm bald das Bergwerk und danach noch einiges mehr. Beim Aufbau der EM aber ist die zentrale Figur Lembergs nicht dabei, obwohl er das gerne wäre. Das ist untypisch für ein Land, in dem ohne die kleine Gruppe von Oligarchen wirtschaftlich wie politisch nicht viel zu machen ist. Sie haben sich fast alle einen Fußballklub zugelegt. Wenn sie mit ihren schwarzen Geländewagen und Personenschutz vorfahren, wie in der vergangenen Woche am goldenen „House of Football“ des ukrainischen Verbandes, wirkt das wie die Zusammenkunft des ukrainischen Schattenkabinetts.
Die Wirtschaftskrise hat vor Dynamo Kiew nicht haltgemacht
In Donezk kontrolliert Rinat Achmetow mit einem Geflecht aus rund dreißig Unternehmen große Teile der ostukrainischen Stahl- und Kohleindustrie. Er führte seinen Klub Schachtar Donezk mit Millionen in die Champions League und kümmerte sich auch um den Stadionbau für die EM. Die Nachfrage nach ukrainischem Stahl ist dramatisch eingebrochen, die halbe Stadt von Arbeitslosigkeit betroffen.
In Kiew hat die Familie Surkis den Fußball unter ihrer Kontrolle. Grigori Surkis ist Präsident des ukrainischen Fußballverbandes und treibende Kraft der EM-Bewerbung. Er kaufte vor gut zehn Jahren den Vorzeigeklub Dynamo Kiew, den mittlerweile sein Bruder führt. Die Wirtschaftskrise aber hat auch vor Dynamo Kiew nicht haltgemacht. Vor dem gigantischen Trainingszentrum am Kiewer Stadtrand sind die früher obligatorischen Wachmänner mit den Kalaschnikows verschwunden. Es wird überall gespart, auch Gärtner und Küchenhilfen dürfen sich nicht mehr so zahlreich nützlich machen wie in den ukrainischen Boomjahren. Aber das sind Kleinigkeiten.
Nervosität in der Ukraine und am Genfer See
In den EM-Städten fehlt es an den großen Dingen. Mal an Straßen, mal am Flughafen, mal am Stadion selbst, mal an Hotels, meistens an mehreren Voraussetzungen gleichzeitig. Im Februar hat Uefa-Generalsekretär David Taylor die acht vorgeschlagenen Städte sowie die vier Ersatzspielorte begutachtet. Er wird sein Ergebnis in Kürze der Exekutive vorlegen. Nicht nur in Lemberg und den anderen ukrainischen Städten ist man nervös. Auch in Nyon am Genfer See, am Sitz der Uefa.
„Wir müssen Entwicklung zeigen“, sagt Oleg Zasadni, Leiter der Abteilung Euro 2012 in Lemberg. Die Stadt aber hat sich nicht mit Deminski auf die Konditionen einigen können, damit er die Finanzierung des Stadions von Karpaty übernimmt. Es ging um Grundstücke als Gegenleistung. Nun hat sich die Stadt entschlossen, ein eigenes Stadion auf den Feldern vor der Stadt zu bauen, ohne Beteiligung des Klubs. „Diese Position könnte die Uefa dazu bringen, Lemberg als ,high risk' einzuschätzen“, sagt Deminski. Dort, wo im Jahr 2001 Johannes Paul II. vor einer Million Menschen über zwei Dutzend griechisch-katholische Märtyrer der stalinistischen und nationalsozialistischen Verfolgung seliggesprochen hatte, stehen nur ein paar Kräne, es ist die Andeutung einer Stadionbaustelle. Die Uefa kontrolliert mittlerweile monatlich die Entwicklung bei den Gastgebern.
Auf die Investitonskraft der Oligarchen bleiben alle angewiesen
Yuri Kardaschewski ist Lemberger Stadtrat für Jugend und Sport. Er war mal Trainer im Kick-Boxen, und Wladimir Klitschko gehörte zu seinen Schülern. Er sitzt in einem kleinen Büro und sagt mit der durchgedrückten Brust eines Kampfsportlers: „Man muss sich nicht wundern, dass es mit dem Land und der Europameisterschaft nicht vorangeht, wenn Politiker und Oligarchen darum streiten, wer die größeren Patrioten sind.“ Er gehört zu denjenigen Politikern in der jungen Demokratie, die versuchen, den politischen Einfluss der Oligarchen einzudämmen. Aber auf deren Investitionskraft bleiben sie alle angewiesen.
Manche Oligarchen fühlen sich mittlerweile für soziale Stabilität und das Gemeinwesen zuständig. Das nutzt auch ihren Interessen, und der Fußball ist dafür ein dankbares Werkzeug. „Karpaty ist das Gesicht der westlichen Ukraine“, sagt Deminski. „Aber derzeit sind Investitionen in den ukrainischen Fußball ein rein patriotisches Investment. Es ist unmöglich, Profit daraus zu ziehen.“ Er glaubt, dass nun mehr Geld in den Aufbau der Infrastruktur, in die Jugendarbeit investiert werden müsse. Nicht mehr in teure Transfers. Karpaty hat das schon getan und andere Klubs auch. Manche Fußball-Akademien des Landes sind in einem solch erstklassigen Zustand, wie man ihn selbst bei Bundesligaklubs nicht immer findet.
Die Ukraine steht kurz vor dem finanziellen Kollaps
Vor rund zwei Wochen stufte die Ratingagentur Standard & Poor's das Land jedoch auf „CCC+“ herab. Damit ist die Kreditwürdigkeit der Ukraine auf das Niveau Pakistans gesunken. Die Arbeitslosigkeit steigt immer weiter. Die Währung befindet sich im freien Fall, seit Beginn des Jahres hat sie rund 40 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Die Inflation galoppiert. Das Land ist abhängig von Krediten des Internationalen Währungsfonds. Es besteht die Sorge, dass bald die Renten nicht mehr bezahlt werden können, wenn der IWF die nächste Rate verweigert. In Kiew gewähren manche Restaurants bei Barzahlung 30 Prozent Rabatt.
Der Kampf um eine EM mit ihren schon zu normalen Zeiten peniblen Uefa-Vorgaben wirkt da schon surreal. Die Gelbe Karte haben Polen und die Ukraine schon im vergangenen September von der Uefa gesehen - da war die Wirtschaftskrise noch eine diffuse Gefahr. Mittlerweile ist die Welt eine andere, aber die Kriterien des Verbandes sind dieselben. Die Uefa verlangt, dass Verträge mit acht Stadien, Städten und Flughäfen unterzeichnet werden. Im November bewarben sich für eines der Flughafenprojekte in der Ukraine über ein halbes Dutzend ausländische Investoren, fast alle sind mittlerweile abgesprungen. Vor der Finanzkrise konnte man in der Ukraine sagen: Mit den Oligarchen geht fast alles, ohne sie fast nichts. Aber jetzt?
Noch ist Odessa nur Ausweichstandort
Odessa ist die reichste Stadt des Landes, und dort soll alles so weiterlaufen wie in den vergangenen Jahren - im Doppelpass zwischen Oligarchen und Politik zu gegenseitigem Nutzen. Aber so einfach ist das nicht mehr. Oleg Marus ist die rechte Hand des Präsidenten von Chernomorets Odessa. Er ist gleichzeitig Chef der regionalen Sportbehörde. „Wir haben die Kosten für den Kader um 20 Prozent gesenkt“, sagt Marus. Das Geld fließt in das neue Stadion, von dessen Tribüne aus man das Schwarze Meer sehen kann.
Odessa ist vom ukrainischen Verband nur als Ausweichstandort nominiert, aber die Uefa kann das noch ändern. Odessa zählt auf seinen mediterranen Charme, die Schönheit der Stadt - und die Finanzkraft von Leonid Klimow. Ihm gehören neben dem Verein eine Bank und einige Bauunternehmen. Welch überragende Bedeutung ein Mann wie Klimow auch in Zeiten der Krise hat, das verraten die Zahlen von Oleg Muratow. Er ist der Chef der Wirtschaftsabteilung der Region Odessa, eines Gebiet so groß wie die Niederlande. Auf rund eine Milliarde Euro summieren sich die Infrastrukturmaßnahmen in Odessa, nur 30 Prozent entfallen auf den Staat, 70 Prozent auf „andere Quellen“. Gemeint sind Klimow und weitere Großinvestoren. „Der Staat unterstützt durch Steuernachlässe auf Investitionen“, sagt Muratow. Reales Geld ist nicht in der Kasse.
Argumente jenseits des Kriterienkatalogs
Mit wirtschaftlichen Kennziffern ist mit Blick auf die EM nicht mehr viel zu holen. Die überwältigende Gastfreundschaft und Improvisationsfähigkeit, mit denen die Ukraine dem Turnier jedoch ihr eigenes Gepräge verleihen könnte, sind Argumente jenseits des Kriterienkatalogs. Es sind die großen Stärken eines Landes, in dem Europa eine Seite von sich entdecken könnte, die es bei Europameisterschaften so bisher noch nicht kennengelernt hat. Der Glaube, es trotz der Krise mit Herz und letzter Kraft doch noch auf ganz eigene Weise irgendwie schaffen zu können, ist überall in der Ukraine spürbar.
Anatoli Schepel ist Leiter der Jugendakademie von Dynamo Kiew, der großen Talentschmiede des Landes. Mit dem Sechzigjährigen verbinden sich sowjetische Vergangenheit und europäische Zukunft. „Ein Land, dem es gelungen ist, im Zweiten Weltkrieg in wenigen Monaten seine Wirtschaft hinter den Ural zu verlegen“, sagt Schepel, „das wird auch die EM schaffen.“ Die Europameisterschaft - sie ist der große vaterländische Kampf der Ukraine.
Spannend!
Andreas Schulz (Quintus_Icilius)
- 20.03.2009, 19:35 Uhr
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |