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DFB und Argentiniens Junta : Das Geschäft mit den Mördern

In aller Freundschaft: Kapitän Berti Vogts schüttelt dem Argentinier Jorge Carrascosa vor dem Anpfiff des Freundschaftsspiels am 5. Juni 1977 im Stadion La Bombonera die Hand. Bild: picture alliance / dpa

Es ist eine eindrucksvolle Dokumentation: Argentiniens Diktatoren ermorden 1977 eine deutsche Studentin, der Deutsche Fußball-Bund tritt willfährig zum Freundschaftsspiel an.

          „Wir treten für die Menschenrechte ein in der ganzen Welt, nur hängen wir unsere Auffassung nicht so sehr zum Fenster heraus, denn das nutzt niemandem. Wir gehen andere Wege.“ Hermann Neuberger lässt keinen Zweifel, was ihm wichtig ist. Er ist Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), er ist Boss der deutschen Nationalmannschaft. 1977, am 5. Juni, lässt er seine Auswahl, den Weltmeister, in Buenos Aires gegen Argentinien spielen. Es ist eine Art Generalprobe ein Jahr vor der Weltmeisterschaft unter der Ägide der Militärdiktatur. Deutschland gewinnt 3:1. Kapitän Berti Vogts ist empört: „Wenn wir als Mannschaft ein Leben hätten retten können, hätten wir es getan. Aber wir waren nicht in der Lage dazu, wir wussten es nicht.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Deutschlands Fußballstars Sepp Maier, der junge Karl-Heinz Rummenigge, Vogts, sie wurden damals ahnungslos gelassen, bevor sie in einem sportlich relativ belanglosen „Freundschaftsspiel“ den Ball laufen ließen. Nichts von dem, was am Tag zuvor bei einem Empfang der deutschen Botschaft zwischen Botschafter Jörg Kastl und Neuberger besprochen worden war, erreichte die Mannschaft: ein Stillschweigeabkommen über den Tod der Studentin Elisabeth K., der sich als kaltblütiger Mord durch die Machthaber nach wochenlanger Folter herausstellte. Kein Wort - bis das Spiel gespielt ist.

          Der Mord und das Versagen

          Elisabeth Käsemann hätte mit ein bisschen Einsatz gerettet werden können. Das führt der Dokumentarfilm „Das Mädchen - Was geschah mit Elisabeth K.?“ von Eric Friedler, der an diesem Donnerstag im Ersten zu sehen sein wird (22.45 Uhr), eindrucksvoll vor Augen: ein totales, erschreckendes Versagen der deutschen Diplomatie. Und den willfährigen Dienst einer deutschen Nationalmannschaft als Vermittler einer optischen Täuschung: Das schöne, ungestörte Freundschaftsspiel sollte als Hinweis dienen auf die Sicherheit unter der brutalen Militärdiktatur ein Jahr vor der WM 1978.

          Fußball, Sport als politisches Instrument: Eigentlich verwahrten sich deutsche Sportfunktionäre seit dem Missbrauch der Olympischen Spiele 1936 durch die Nazis gegen eine Instrumentalisierung. Bis heute dient dieses Argument für eine Distanzierung des organisierten Sports von Politik jeglicher Couleur. Man will nicht Partei ergreifen.

          Auch dann nicht, wenn Einmischung zum Schutz der Menschenrechte gefordert wird, wie zuletzt bei den Winterspielen in Sotschi, wo das Anti-Schwulen-Gesetz Russlands gilt. Oder während der Eishockey-Weltmeisterschaft im Mai in Weißrussland, bei Europas letztem Diktator Lukaschenka. Friedlers Film berührt über das furchtbare Schicksal der Elisabeth K. hinaus einen neuralgischen Punkt der Sportpolitik. Nämlich die hochaktuelle Frage, unter welchen Bedingungen man an einem internationalen Sportfest teilnimmt, zum Beispiel beim Fußballfest 2018 in Russland, 2022 dann in Qatar.

          Dankbarkeit statt Boykott

          In Argentinien hat der DFB unter seinem mächtigen Führer Neuberger den Sport und die Sportler für seine Politik missbraucht, als er seine Profis im Namen eines demokratischen Deutschlands auflaufen ließ, anstatt zu protestieren, das Spiel zu boykottieren oder wenigstens ein Zeichen zu setzen. Neubergers Menschenrechtserklärung erscheint in diesem Licht wie eine hohle Phrase. Seine damalige rechte Hand, Horst R. Schmidt, zeigt heute sein „Unbehagen“ über die ausgebliebene Reaktion des DFB, Neubergers. Haben Sie es verdrängt? „Vielleicht, ja.“

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