09.10.2009 · Deutschland kämpft in Russland um die WM-Qualifikation. Doch im deutschen Fußball gibt es derzeit auch noch andere Themen. DFB-Präsident Theo Zwanziger spricht im F.A.Z.-Interview über eine Attraktivitätskrise, Uli Hoeneß und den Kampf gegen Rassismus.
Die deutsche Fußball-Nationalelf steht vor dem wichtigen Spiel in Russland am Samstag (17.00 Uhr / FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker). Die WM-Qualifikation ist in großer Gefahr - falls die Auswahl von Joachim Löw verliert. Um eines muss sich der Bundestrainer allerdings keine Sorgen machen: das Vertrauen in seine Arbeit durch den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger.
Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über die Zukunft der Nationalmannschaft, erste Anzeichen einer Attraktivitätskrise, die Kritik von Uli Hoeneß an „Kokolores-Spielen“, den deutschen Nachwuchs und den Kampf des Fußballs gegen den Rassismus.
Warum haben Sie Joachim Löw vor den entscheidenden WM-Qualifikationsspielen das Vertrauen ausgesprochen? Wenn man so etwas in der Bundesliga hört, muss man sich größte Sorgen um den Trainer machen.
Die Nationalmannschaft ist nicht die Bundesliga. Wir haben eine klare mittelfristige Konzeption, die nicht nur bei der A-Nationalmannschaft ansetzt, sondern schon in der Nachwuchsförderung beginnt. Wir haben sehr talentierte Spitzenfußballer, die uns die Garantie geben, dass sie bei guter Begleitung uns irgendwann in der A-Nationalmannschaft die erhofften Erfolge bescheren. Diese Strategie hängt auch mit Joachim Löw zusammen, der in fünf Jahren beim DFB gezeigt hat, dass er ein Team formen kann unter schwierigeren Bedingungen, als wir sie in den kommenden Jahren vorfinden werden. Deshalb gibt es für uns keinen Grund, diesen Weg abzubrechen, wenn in ein oder zwei Spielen der Erfolg mal nicht so da ist, wie man ihn sich wünscht. Wir haben die Kraft, uns den Gesetzmäßigkeiten, die in der Bundesliga herrschen, zu widersetzen. Das ist überhaupt keine Frage. Als DFB möchten wir unsere Wertschätzung des Bundestrainers klar zum Ausdruck bringen.
Glauben Sie tatsächlich, dass Joachim Löw weitermachen kann und will, wenn die deutsche Nationalmannschaft sich erstmals nicht für die WM qualifizieren sollte?
Das ist seine Entscheidung. Er wird sich dann sicher die Frage stellen: Wie tief sind wir gefallen? Wie ist die Perspektive? Zu einer Vertragsverlängerung, über die jetzt gesprochen wird, gehören immer zwei Seiten. Joachim Löw hat gesagt, dass es für ihn momentan kein Thema ist, unabhängig von der Frage der WM-Qualifikation. Ich habe ihn darin bestärkt. Solange Joachim Löw nicht über einen neuen Vertrag verhandeln will, ist es auch für uns kein Thema. Aber ich mache mir keine Sorgen. Wir kommen wie erwartet in Moskau zu einem Endspiel zusammen. Solche Spiele lieben wir – und wir werden die Qualifikation für die WM in Südafrika schon schaffen.
Nach einer jüngsten Umfrage interessieren sich 35 Millionen Menschen speziell für die Nationalelf, und 63 Prozent davon identifizieren sich mit ihr – aber wenn das Team spielt, in diesem Jahr oft enttäuschend, wurden die Stadien zuletzt auch nicht mehr voll. Erste Anzeichen einer Attraktivitätskrise?
Wenn man auf einem hohen Level ist, wie diese Zahlen zeigen, dann muss man immer wieder daran arbeiten, dass es so bleibt. Das ist abhängig davon, wie sich die Mannschaft präsentiert und gegen welche Gegner sie antritt. Bei den beiden vergangenen Länderspielen haben wir gemerkt, dass sich die Karten nicht mehr so selbstverständlich verkaufen, wie wir das seit der WM gewohnt waren. Das Spiel gegen Finnland ist dagegen ausverkauft, daran erkennt man, dass der Fan auch bei der Nationalmannschaft auswählt. Bei vermeintlich unwichtigeren Spielen ist es eben nicht mehr so leicht, ein volles Stadion zu haben. Zudem haben wir uns bei den Testspielen nicht mit Ruhm bekleckert, das wird registriert. Da überlegt sich eine Familie mit zwei Kindern sehr genau, ob sie das Geld dafür aufbringt – oder den Fernseher einschaltet.
Auch innerhalb des deutschen Profifußballs ist die Begeisterung für die Nationalelf gesunken. Bayern-Manager Uli Hoeneß nennt Länderspiele gegen Aserbaidschan und Südafrika „Kokolores“ und beklagt, dass die „Vereine den Dreck ausbaden“ müssten. Nehmen Sie noch ernst, was Hoeneß sagt?
Uli Hoeneß ist mein Freund, da nehme ich alles ernst, was er sagt. Wenn man jedes Wochenende unter Strom steht, ist das schon ein schwieriger Job. Und generell bewertet jeder die Aufgabe der Nationalmannschaft anders. Der FC Bayern ist in einer Situation, in der er im Moment seine Tabellenansprüche noch nicht so befriedigt sieht, wie der Klub das normalerweise erwartet. Da kann ich nachvollziehen, dass man Länderspiele, bei denen sich Profis des FC Bayern verletzen können, geringer einschätzt. Aber der FC Bayern hat so viel für die Nationalmannschaft getan, dass die handelnden Personen den tatsächlichen Wert der Nationalmannschaft für den deutschen Fußball schon einzuschätzen wissen.
Der Schalker Trainer Felix Magath verbietet sich die Einmischung in die inneren Angelegenheiten, wenn Nationalspieler auf Rat des Bundestrainers ein paar zusätzliche Fitnessübungen machen sollen. Wünschen Sie sich mehr Solidarität – oder hat Magath recht?
Die Trainer haben unterschiedliche Vorstellungen – und das wird hin und wieder öffentlich ausgetragen. In Trainertagungen geht man friedlich miteinander um und ist sehr dicht beieinander. Ich glaube nicht, dass es ernsthafte Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Bundestrainer und den Bundesligatrainern gibt. Immerhin trägt es dazu bei, dass der Fußball spannend wahrgenommen wird und auch die Stammtische ihre Meinung dazu äußern können.
Wir tun uns im Moment schwer, eine enge Partnerschaft zwischen Vereinen und DFB zu erkennen. Horst Hrubesch muss ohne 28 Spieler bei der U 20-WM auskommen, weil die Klubs die Spieler nicht freigeben. Sportdirektor Matthias Sammer schämt sich für diese internationale Vorstellung des DFB. Sie auch?
Ich betrachte die Situation ähnlich wie unser Sportdirektor. Eine WM ist etwas ganz Wichtiges, und dafür muss die Fifa die Voraussetzungen schaffen. Das ist nicht geschehen, weil es keine Abstellungspflicht gab. Wir hätten aber auch dann nicht alle Spieler mitgenommen, weil wir auch Rücksicht auf die Vereine und die Spieler genommen hätten. Ich bin doch stolz darauf, dass wir so viele junge Spieler haben, die sich ganz anders als noch vor fünf Jahren als Stammspieler in der Bundesliga anbieten. Die Spieler der U 20 hatten außerdem schon einen internationalen Titel gewonnen, als U 19 wurden sie Europameister. Für sie war vor allem der nächste Schritt zu einem Stammplatz in den Vereinen wichtig. Darauf hätten wir auch bei einer Abstellungspflicht geachtet. Aber selbst Klubs, die uns zwei, drei Spieler in Aussicht gestellt hatten, reagierten sofort, als sie merkten, dass bei der Konkurrenz die Tür zugeht. Da ist eine Gruppendynamik entstanden, die man nicht beherrschen konnte. Umso begeisterter bin ich, wie sich die Mannschaft nun in Ägypten schlägt. Ich ziehe den Hut vor Horst Hrubesch, wie er mit aller Gelassenheit zeigt, dass wir viele Spieler haben, die in der Lage sind, eine erfolgreiche WM zu spielen. Dass er mit dem Team den Einzug ins Viertelfinale geschafft hat, ist großartig. Der DFB gibt eine gute Visitenkarte in Ägypten ab. Es geht für uns ja nicht darum, jeden Nachwuchstitel zu gewinnen. Da wären wir schief gewickelt. Wir wollen den Grundstock für die A-Nationalmannschaft legen.
Am 4. November werden Sie mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt, weil sie sich „auf beeindruckende Weise gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rechtsextremismus im Fußball engagiert“ haben. Welche Verpflichtung verbindet sich damit für Sie und den DFB?
Als ich das gehört habe, dachte ich zunächst, dass ich diesen Preis nicht annehmen kann. Wenn es nur um mich ginge, würde ich es auch nicht tun. Grundsätzlich fühle ich mich angesprochen, den eingeschlagenen Weg mit vielen Freunden beim DFB weiterzugehen – ein Weg gegen jede Diskriminierung. Viel mehr als ich hätten eigentlich Werner Hackmann und Alfred Sengle diesen Preis verdient. Sie waren meine wichtigen Ratgeber, als wir 1998 begonnen haben, eine neue Satzung des DFB zu formen. Wir haben damals festgezurrt, in einer demokratischen Ordnung nie mehr unpolitisch zu sein, sondern als DFB für das, was eine Demokratie für Menschen leisten kann, aufgeschlossen und aktiv einzutreten. Und das geschieht ja in einem nicht leichten Umfeld, in dem solche Botschaften oft nicht sofort verstanden werden. Das Denken „Jetzt politisiert den Fußball doch nicht“ ist sehr stark ausgeprägt. Deswegen habe ich mich auch entschlossen, den Preis anzunehmen: für einige wenige Mitstreiter, die in der Demokratie ankommen wollten, aus der Vergangenheit die richtigen Schlüsse ziehen und das auch leben. Der Weg ist schwierig. Diskriminierung findet sich an vielen Stellen des Lebens. Wenn man Rassismus laufen lässt, ist das der Weg zum Untergang.
Nationalspieler Mesut Özil ist von einem NPD-Sprecher als „Plaste-Deutscher, sprich ein Ausweis-Deutscher“ bezeichnet worden. Der DFB kündigte an, gemeinsam rechtliche Schritte zu prüfen. Geht der Verband nun rechtlich dagegen vor?
Als Verband sind wir ja nicht direkt betroffen, sondern die Person. Der DFB kann nicht als Erster handeln. Wir halten daher Kontakt zum Spieler und Werder Bremen, aber Özil wird keine Anzeige stellen. In der Phase der WM gab es ja solche Probleme schon mit Gerald Asamoah und Patrick Owomoyela. Wir haben damals gesagt: Wenn der Spieler es will, werden wir an seiner Seite sein. Wenn solche Äußerungen für Volksverhetzung ausreichen, muss die Staatsanwaltschaft jedoch ohnehin aktiv werden, ansonsten bedarf es einer Anzeige. Özil kenne ich mittlerweile ganz gut. In der Phase, als es darum ging, ob er deutscher oder türkischer Nationalspieler wird, habe ich ihm gesagt, dass wir ihn als Menschen gewinnen wollen, so wie er ist. Wir haben ihm gesagt, dass er sich darauf verlassen kann, dass der DFB sportlich und in allen anderen Fragen hinter ihm steht. Deswegen muss man den Willen des Spielers respektieren, dem in erster Linie sein sportlicher Weg wichtig ist und sich momentan mit einer Auseinandersetzung vor der Justiz nicht belasten will.
Der NPD-Sprecher ist schon wegen Hetze gegen Owomoyela zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Ist die Nationalmannschaft mit ihren vielen Spielern mit Migrationshintergrund zum Feindbild der NPD geworden?
Alle Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und unser Land prägen, wie wir uns das wünschen – nämlich als ein Land, das sich nicht an Hautfarbe und Religion orientiert, sondern an den Qualitäten des einzelnen Menschen –, rücken bei Leuten mit rassistischem Gedankengut wie in der NPD in den Fokus. Das kann man nicht leugnen. Da haben wir noch, das darf man nicht unterschätzen, einen großen Nährboden in Deutschland. Ich bekomme diese Briefe auch hin und wieder. Gerade nach dem Titelgewinn unserer U 21 sind solche Briefe gekommen. In dieser Mannschaft ist der Migrationshintergrund ja noch viel deutlicher.
Die NPD bekämpft in Sachsen ausdrücklich auch den von Red Bull finanzierten RB Leipzig. Sie spielt das verbreitete Unbehagen gegen die völlige Kommerzialisierung gegen Tradition aus und unterwandert sächsische Traditionsklubs. Wie kann und soll sich der Fußball dagegen wehren?
Bildung und klare Position. Die NPD arbeitet auf zwei Ebenen. Die plakative Ebene, wo sie den Leuten in schwierigen sozialen Lagen suggerieren, wie schwierig das mit Ausländern in unserem Land sei. Die zweite, schleichende Ebene ist noch gefährlicher: Wenn sich diese Leute in Vereinen als gute Menschen darstellen, ganz nach dem Satz von Bonhoeffer: „Oft kommt das Böse in der Maske des Guten.“ Und diese Maske des Guten haben die Neonazis auf in den Klubs, in denen sie ehrenamtlich arbeiten – aber mit ihrem Stil und mit ihrem Denken ganz andere Prozesse in Gang setzen. Das ist im Fußball vorhanden, ganz klar. Das kann man nicht durch Gesetze regeln, sondern nur durch Überzeugungsarbeit. Das ist eine Bildungsaufgabe, der wir uns stellen, unter anderem mit dem DFB-Mobil, das wir mit hohem Finanzaufwand geschaffen haben. Wir wollen damit gerade zu unseren Vereinen fahren, um ihnen sportlich etwas beizubringen und für Integration zu werben. Das ist der Beitrag, den wir leisten können.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |