In den Straßencafés, an den Taxiständen, auf der Arbeit – ganz Regensburg spricht nur noch über ein Thema: das DFB-Pokalspiel des SSV Jahn gegen den großen FC Bayern München. Innerhalb einer Stunde waren an diesem Montag die letzten 1.000 verfügbaren Tickets für das Spiel verkauft.
Das Spiel ist der vorläufige Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte, die bei mehreren abgewendeten Insolvenzen ihren Ausgang nahm und bis in die Rückkehr in die Zweite Fußball-Bundesliga über die Relegation in diesem Sommer mündete.
„Wir hatten nach dem Abstieg aus der zweiten Liga 2003/2004 mehrmals die Situation, dass wir nicht wussten, wie es weitergehen soll“, erzählt der Pressesprecher der Regensburger, Thomas Gottschling. Das Vertrauen der regionalen Wirtschaft in den Verein war erschüttert, weil „gewisse Leute in der Geschäftsführung“ dem Image geschadet hätten, sagt er, ohne konkrete Namen zu nennen.
Um den aktuellen Geschäftsführer Franz Gerber formierte sich daraufhin ein neues Team – und setzte sich nicht weniger zum Ziel, als den Verein finanziell und sportlich zu konsolidieren. Peu á peu baute die neue Geschäftsführung finanzielle Altlasten ab und eine neue Mannschaft auf. Für dieses Team fand Gerber in Markus Weinzierl zudem den Trainer, der die Spieler zu einer Einheit formte.
Etat weit unter dem Ligaschnitt
„Die mannschaftliche Geschlossenheit steht für den Jahn. Franz Gerber hat akribisch nach Siegertypen gesucht“, meint Gottschling. Und diese Siegertypen treffen in einer neuen Zusammensetzung nun auf den deutschen Rekordmeister. Um eine wettbewerbstaugliche Mannschaft in die Saison 2012/2013 schicken zu können, erhöhte der Jahn den Etat von 1,5 auf etwa 3,5 Millionen Euro, „finanziert durch das Plus an Fernsehgeldern im Vergleich zur Dritten Liga und zu erwartende Zuschauereinnahmen“.
Damit liegen die Oberbayern mit ihrem Etat nach Aussagen Gottschlings weit unter dem Ligaschnitt. „Andere Aufsteiger haben angeblich einen Etat von bis zu acht Millionen Euro“, sagt er. Doch große Sprünge zu machen, das entspräche nicht der neuen Regensburger Philosophie des vernünftigen Wirtschaftens.
Drei Leistungsträger verließen den Klub
Dabei musste Geschäftsführer Gerber vor der neuen Saison drei Leistungsträger der vergangenen Saison ersetzen: Routinier Tobias Schweinsteiger, der Bruder des deutschen Nationalspielers Bastian, wechselte zu den Amateuren des FC Bayern, Mittelfeldmotor Selcuk Alibaz schloss sich dem Karlsruher SC an und Michael Klauß verließ Regensburg in Richtung VfR Aalen.
Mit Christian Rahn, der in der Bundesliga bereits für den FC St. Pauli, den Hamburger SV und den 1. FC Köln spielte, holte Gerber einen erfahrenen Mann für die Viererkette. Von 1860 München kam der 22 Jahre alte Jonatan Kotzke, um die Lücken im defensiven Mittelfeld zu schließen. „Der Junge hat sein Talent bereits angedeutet“, meint Gottschling.
Richtig eingeschlagen habe zum Saisonstart der neue Stürmer Francky Sembolo. Der Kongolese war an beiden Regensburger Saisontoren beteiligt, als er beim 2:0-Heimsieg gegen den MSV Duisburg eines selber erzielte und das andere vorbereitete.
„Wir wollen Nadelstiche setzen“
Er soll auch gegen die Bayern der Mann sein, der in vorderster Front die unter dem neuen Trainer Oscar Corrochano - Weinzierl trainiert jetzt den FC Augsburg - beibehaltene Taktik umsetzen soll. „Wir wollen Nadelstiche setzen“, schildert Gottschling. „Das ist unser Spiel: Wir kommen aus einer stabilen Defensive und versuchen schnelle Konter zu fahren.“ Mit dieser Spielweise haben die Regensburger in der vergangenen Drittligasaison so manchen Gegner förmlich „überrannt“.
Dass es gegen die Bayern ungleich schwerer wird, weiß er: „Damit wir überhaupt eine kleine Chance haben, müssen unsere Spieler über sich hinauswachsen und die Bayern einen richtig schlechten Tag erwischen.“ Die Motivation in der Mannschaft ist groß.
Sie wollen ihre Erfolgsgeschichte um ein weiteres Kapitel erweitern – und in dieser Saison die Grundlagen für langfristigen Bundesliga-Fußball in Regensburg schaffen. „Hier ist so viel möglich“, hatte der mittlerweile 39 Jahre alte Torhüter, Michael Hofmann, unmittelbar nach dem Aufstieg gesagt.
Und um die Rahmenbedingungen nachhaltig dem Zweitliga-Spielbetrieb anzupassen, investierten die Regensburger Fußballer gemeinsam mit der Stadt in ihr veraltetes Jahnstadion. Um den Lizenzauflagen der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gerecht zu werden, wurde unter anderem die Zuschauerkapazität von 10.700 auf 12.500 ausgebaut. Neue Räume entstanden für Medienvertreter, neue Fluchtwege, um die Sicherheitsauflagen zu erfüllen. Insgesamt 1,5 Millionen Euro hätten die Modernisierungen gekostet, davon die obligatorische Rasenheizung alleine 400.000 Euro.
Neues Stadion bis 2015
Das Projekt finanzierten der Verein und die Stadt als Stadioneigner gemeinschaftlich. Es ist nur eines für die Übergangszeit. Die Stadt hat bereits ein Grundstück erworben, auf dem ein neues Stadion entstehen soll. „Für 15.000 Zuschauer“, sagt Gottschling. 20 Millionen soll der Neubau kosten, „mit Infrastruktur und allem drum herum in etwa das Doppelte“, erzählt er, finanziert durch eine städtische Tochtergesellschaft. Die Pläne würden zudem vorsehen, dass die Zuschauerkapazität im Bedarfsfall weiter aufgestockt werden kann. Denn auch beim Stadionneubau bleiben die Verantwortlichen des Jahn ihrer Devise treu – die Entwicklung des Vereins und der Mannschaft Schritt für Schritt behutsam voranzubringen.