Der SC Preußen 06 e.V. Münster hat seit seinem Bestehen so viele Aufs und Abs erlebt, dass man sich fast wundert, dass es ihn überhaupt noch gibt. „Bewegt“ könnte man das Schicksal des 1906 gegründeten Sportclubs nennen. Eine „Leidensgeschichte“ nennt es dessen Sportvorstand und Geschäftsführer Carsten Gockel.
An diesem Sonntag spielt Münster gegen Werder Bremen in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals, das Spiel ist für den SC Preußen der Höhepunkt der Saison, und plötzlich steht der Drittligaklub wieder im Scheinwerferlicht. Fast wie früher, da spielten die beiden Vereine in der ersten Saison der neugegründeten Bundesliga gegeneinander. Damals gewann Werder Bremen die Partien 3:1 und 4:2. Danach schlugen die beiden Fußballvereine sehr unterschiedliche Wege ein, und der von Preußen Münster war oft steinig.
Abstieg direkt in der ersten Saison
Dabei hatte es anfangs alles sehr gut ausgesehen, 1951 wären die Münsteraner beinahe deutscher Meister geworden. Damals gab es die Bundesliga noch gar nicht, und Preußen Münster, als Zweitplazierter der Oberliga West, war für die deutsche Endrunde qualifiziert. Der Verein kam ins Endspiel gegen Kaiserslautern, und die Münsteraner schossen vor fast 100 000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion sogar das erste Tor. Aber dann kam Lautern, wo damals die Brüder Walter spielten, zurück, drehte das Spiel - und wurde Meister.
Schon in der ersten Saison nach Gründung der Bundesliga 1964 stieg Preußen Münster ab und kam als einziges Gründungsmitglied nie wieder zurück. Anfang der 80er Jahre dann der Abstieg in die drittklassige Oberliga. Danach noch einmal ein Lichtblick, aber umso tiefer der spätere Fall: Zwar gelang 1989 noch einmal der Aufstieg in die zweite Liga, aber zwei Jahre später ging es auch schon wieder zurück. Und das Fiasko kam dann ausgerechnet zum 100. Jubiläum des Vereins im Jahr 2006: der Abstieg in die Oberliga. Das erste Mal viertklassig - und dazu hoch verschuldet.
“Das war grausam für die Leute hier“, erzählt Sportvorstand Gockel. „Dabei sind die eh leidgeprüft.“ Das sei auch für ihn eine extrem bittere Erfahrung gewesen. Er war noch Spieler damals, sechs Jahre schon im Verein aktiv, und wollte eigentlich die Schuhe an den Nagel hängen und die zweite Mannschaft trainieren, aber dann verlängerte er wegen des Abstiegs noch einmal um ein Jahr. Danach bot man ihm eine Managementposition an - die Chance für den großen Umbruch? „Das war alles sehr ungewiss damals“, sagt er, und die Rückkehr auf die Erfolgsspur war zäh. Erst im fünften Anlauf, in der Saison 2010/2011, kam der ersehnte Aufstieg in die Dritte Liga. „Wir sind heilfroh, dass wir da raus sind“, meint Gockel. Die Regionalliga ist seiner Ansicht nach „kaputtreformiert“ worden, durch die Vergrößerung auf fünf Ligen sei das Interesse der Fans völlig verlorengegangen. „Das Schicksal Regionalliga darf uns nie wieder ereilen“, sagt er.
Marco de Angelis, der Präsident des Klubs, formuliert die Ziele in der neuesten Ausgabe des Vereinshefts forscher: „Abschied aus der 3. Liga - nur nach oben!“ Sportchef Gockel ist zurückhaltender. Sechs Millionen Euro Gesamtetat habe der Verein, und weniger als die Hälfte davon stehe für die erste Mannschaft zur Verfügung - das erlaubt keine großen Sprünge. „Im Durchschnitt der Dritten Liga ist das unteres Mittelfeld“, sagt er, „andere haben das Doppelte zur Verfügung.“
„Jeden Cent umdrehen“
Aber zuversichtlich ist er trotzdem. Denn der Verein habe die Wende geschafft. „Wir sind stolz darauf, was wir hier in den letzten Jahren erreicht haben.“ Preußen Münster sei wieder ein Identifikationsobjekt in der Region und locke mit 7000 Zuschauern überdurchschnittlich viele Menschen ins Stadion. Und die sportliche Bilanz stimme auch unter Trainer Pawel Dotschew: Die Mannschaft war vor Saisonbeginn stark verändert worden, 13 neue Spieler kamen und 12 gingen, aber der Start in die Saison gelang, Preußen Münster steht nach fünf Spieltagen auf Platz vier. Stürmer Matthew Taylor, der wohl spektakulärste Zugang, hat schon drei Tore geschossen. Taylor kam vom Zweitligaaufsteiger FC Paderborn.
“Der hätte auch zu anderen Vereinen wechseln können“, meint Gockel. Aber der Stürmer habe gesehen, dass der Verein gut aufgestellt sei. Mittlerweile. Seit der drohenden Insolvenz in der Saison 2004/2005 sei die Wende geschafft worden. „Die größte Leistung der letzten Jahre ist eigentlich die, dass wir den Verein Stück für Stück entschuldet und ihn sportlich und wirtschaftlich wieder auf die Beine gestellt haben“, sagt Gockel. „Dafür mussten wir hier jeden Cent umdrehen.“ Immer noch habe der Traditionsklub 300 000 Euro Schulden. Aber der Plan sei, in zwei Jahren schuldenfrei zu sein. „Je nachdem, ob wir jetzt im Pokal gegen Bremen weiterkommen, vielleicht auch schon eher“, sagt Gockel und lacht.
Ostwestfalens Renaissance
Christoph Rohde (prediger1)
- 19.08.2012, 20:33 Uhr