26.05.2007 · Die Nürnberger haben die Liebe zu ihrem „Club“ neuentdeckt. Vor dem DFB-Pokal-Finale gegen Meister Stuttgart an diesem Samstag vibriert das Frankenland. Doch egal, ob der 1. FCN in Berlin den Pokal gewinnt, geht mit der Teilnahme am Uefa-Pokal ein Traum in Erfüllung. Gerd Schneider hat sich vor dem Endspiel in Nürnberg und Umgebung umgesehen.
Von Gerd Schneider, NürnbergEs gibt einen Max-Morlock-Platz in Nürnberg, und es gibt eine Stuhlfauth-Stube. Wer den Raum in dem unscheinbaren Flachbau am Valznerweiher betritt, begibt sich auf eine Reise in die Nürnberger Fußball-Vergangenheit. Wimpel und Fahnen hängen an den Wänden, großformatige Bilder zeigen die alten „Club“-Größen, wie jenen Heiner Stuhlfauth, die Nürnberger Torwart-Legende aus den 20er Jahren, der nie ohne Schiebermütze im Kasten stand.
An diesem Tag steht in der Gaststube eine dieser neumodischen Sponsorenwände, und davor sitzt ein großer, massiger Mann im rosa Polohemd und schwitzt. Es ist die letzte Pressekonferenz in Nürnberg vor dem Pokalfinale. Vor Hans Meyer steht ein Strauß von neun Mikrofonen, sechs Fernsehkameras, und die Augen von zwei Dutzend Journalisten sind auf ihn gerichtet. Pressekonferenzen mit dem Nürnberger Trainer sind nie langweilig. Es sind Inszenierungen, ein Spiel, erst recht wenn er so eine große Bühne hat wie an diesem Vormittag.
„Dummes Zeug, der Meister Außenseiter, lächerlich!“
„Gehen Sie ruhig davon aus, dass ich beim Pokalfinale nicht mehr und nicht weniger angespannt bin als bei jedem anderen Spiel. So ist das, wenn man so lange in dem Geschäft ist wie ich.“ Sagt er und wischt sich mit dem ausgestreckten Zeigefinger die Schweißtropfen von der Stirn. Dann wird er gefragt, warum die Mannschaft vor dem Finale ins Trainingslager nach Bad Gögging geht. Die Frage ist ihm zu billig: „Können Sie das nicht selbst beantworten?“ - „Ich will es von Ihnen wissen.“ - „Haben Sie nie Fußball gespielt?“ - „Doch.“ - „Dann können Sie das beantworten.“
Später sagt Meyer, der Zweck des Trainingslagers seien „gemeinsames Spielen und gemeinsames Singen“. Meyer geht erst dann aus der Deckung seiner Ironie, als er mit der Äußerung des Stuttgarter Managers Horst Heldt konfrontiert wird, wonach der VfB „klarer Außenseiter“ sei - schließlich habe Nürnberg beide Punktspiele in dieser Saison deutlich gewonnen, nämlich 3:0 und 4:1. „Dummes Zeug, der Meister ist Außenseiter, lächerlich!“, sagt Meyer. „Es gibt keinen Favoriten.“ Meyer sagt auch, dass er in Nürnberg die glücklichste Zeit seines Lebens habe. Ob er das ernst meint, weiß man nicht. Es spielt auch keine Rolle.
Mit dem Fahrrad auf dem langen Weg nach Berlin
Das Wort „Ausnahmezustand“ wird in der Fußball-Berichterstattung so häufig verwendet, dass man sich gar keinen anderen Zustand mehr vorstellen kann. Aber wie soll man anders erklären, was sich in Nürnberg abspielt seit jener „magischen Nacht“ (“Nürnberger Nachrichten“) am 7. April, als der „Club“ mit einem 4:0 über Frankfurt ins Pokalfinale stürmte? Man sieht überall Autos mit rotschwarzen Fahnen und Kinder in „Club“-Trikots. Auf dem Hauptmarkt wird das Finale auf einer riesigen Leinwand übertragen. Am Sonntag werden die Pokalhelden - ob als Sieger oder Verlierer - mit einer LoveParade in der Altstadt empfangen. Die „Abendzeitung“ berichtet täglich von einem Fan mit dem Namen Andy Haberzettl, der sich mit dem Fahrrad auf den langen Weg nach Berlin gemacht hat.
Eine Folklore-Band namens „Wassd scho? Bassd scho!“ hat einen Pokalsong aufgenommen, der ständig im Radio zu hören ist. Die „Nürnberger Nachrichten“ bekommen rührende Leserbriefe von Anhängern, die jahrzehntelang litten unter dem Misserfolg und den Skandalen, und mitunter schicken sie der Zeitung auch selbstverfasste Gedichte über den „Club“, der jetzt wieder ihr „Club“ ist. Ein Leser schrieb, er werde den Bericht vom Halbfinale aufbewahren, um ihn eines Tages seinen Enkeln vorzulesen. So halten sie in Nürnberg das Glück fest, dieses flüchtige Ding.
Tasso Wild: „Man geht wieder gern zum Glubb naus“
Hinter der „Club“-Zentrale am Valznerweiher gibt es ein Tennisheim. Die Gaststätte wird von einem Italiener namens Gentile betrieben und heißt „Mondiale“ (das italienische Wort für Weltmeisterschaft). Dort kann man eine „Hans-Meyer-Pizza“ essen. Oder man kann sich zu einer Herrenrunde gesellen, die dort jeden Montag ihren Stammtisch hält. Zu dieser Runde gehören Günther Koch, der in Nürnberg viel mehr ist als ein Fußballreporter, und ein Mann namens Tasso Wild.
Tasso Wild ist einer der alten „Club“-Helden. Vor dem Pokalfinale ist er besonders gefragt. Er war es, der beim bislang letzten Pokalsieg der Nürnberger, anno 1962 in Hannover, den 2:1-Siegtreffer in der Verlängerung gegen Fortuna Düsseldorf erzielte. Ständig muss er jetzt diese alten Geschichten erzählen, „forchdboar“, sagt er. Dabei erzählt er sie mit Hingabe. Wie etwa die „Club“-Spieler nach dem Meistertitel 1961 im Autokonvoi durch die Stadt fuhren, „man hat uns genauso gefeiert wie jetzt den VfB, die Hölle“. Auch Wild spürt, dass in dieser Saison etwas aufgebrochen ist in Nürnberg. „Man geht wieder gern zum Glubb naus“, sagt er, „unter Meyer wird wieder g'fußballd, so köhrd sich des, mir sin doch der Glubb.“
Erstmals seit 20 Jahren wieder im Uefa-Pokal dabei
Altdorf ist ein hübsches Städtchen, 15 Kilometer nordöstlich von Nürnberg gelegen. Im Bistro „Vis à vis“ hinter dem alten Rathaus sitzt Alexander Schmitt. Er trägt ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift „Ultra“. Schmitt arbeitet als Erzieher mit Behinderten, aber seine Berufung ist „Club“-Fan. Er ist Redakteur des Fan-Magazins „Achterwahn“, in dem es auch eine History-Seite gibt. Er empfindet es als Nachteil des Aufschwungs, dass jetzt mehr sogenannte „Erfolgsfans“ in der Nordkurve zu finden seien. Beim Halbfinale gegen Frankfurt, sagt er, sei ein „Ruck durch die Nordkurve“ gegangen, nach dem er sich jahrelang gesehnt habe. Schmitt fährt an diesem Samstag mit dem Sonderzug nach Berlin, „ein Traum“, sagt er.
Der nächste Traum wird wahr, wenn am 20. September und 4. Oktober die erste Runde im Uefa-Pokal ausgetragen wird, erstmals seit fast 20 Jahren wieder mit dem „Club“. Doch noch haben sich Schmitt und seine Kumpel nicht von einem Albtraum erholt, der den ganzen Enthusiasmus überlagert hat in den letzten Wochen. Er saß in dem Bus, der vor drei Wochen von gewalttätigen Bayern-Fans an der Autobahn-Raststelle in Würzburg überfallen wurde. Die Frau des Busfahrers wurde so schwer verletzt, dass ein Auge blind bleibt. Die Sammelbüchse wird auch im Sonderzug nach Berlin kreisen.
Präsident Roth: „Ich kann nicht stehenbleiben“
Am nördlichen Stadtrand von Nürnberg, zwischen Burg und Flughafen, liegt die Zentrale der Teppichfirma Aro, des Unternehmens von Michael A. Roth. Der „Club“-Präsident sitzt droben in seinem Chefbüro im dritten Stock und ist müde. Er schläft kaum noch vor lauter Aufregung. Roth trägt einen beigen Sommeranzug, er ist wie immer tadellos gekleidet und frisiert, aber er sieht nicht so aus, als könne er die sportlichen Erfolge genießen. Er hat den „Club“ einst vor dem finanziellen Kollaps gerettet, der Verein ist jetzt schuldenfrei, Nürnberg spielt bald in Europa - und was macht Roth? Schimpft über den Augenthaler, der in seiner Zeit als „Club“-Trainer den Stürmer Cacau vergrault habe.
Jetzt schießt der Cacau für den VfB die Tore. Roth nennt ihn einen „Edelfisch“, den er in Nürnberg an der Angel hatte. Das ärgert ihn, so etwas soll ihm nicht mehr passieren. Jetzt ist der „Club“-Chef mit seinen Gedanken bei der nächsten Saison. „Wir haben etwas entfacht, und jetzt müssen wir in der Führung schwer dafür arbeiten, damit das nicht wieder einschläft“, sagt er und sieht dabei aus, als habe er eine schwere Bürde zu tragen: „Ich kann nicht stehenbleiben, so bin ich.“ Schlaflos in Nürnberg.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |