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Deutschland im WM-Halbfinale Ein Team zum Träumen

04.07.2010 ·  4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien - zwei vergleichbare Siege nacheinander gab es für die Nationalelf lange nicht mehr. Die spielerische Qualität und die Extraklasse des Bundestrainers machen den fast unglaublichen Triumph möglich.

Von Michael Horeni, Johannesburg
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Fußball-Deuschland steht kopf: Wer vor drei Wochen behauptet hätte, Deutschland erreicht das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft und nimmt dabei erst die Engländer 4:1 im Achtelfinale auseinander und dann im Viertelfinale die Argentinier mit 4:0 – und der überragende Innenverteidiger Arne Friedrich erzielt dabei den dritten und den Argentiniern den letzten Nerv raubenden Treffer, der wäre in Deutschland als blutiger Fußball-Laie verlacht worden. Oder er hätte im Wettbüro ein Vermögen verdient.

Die begeisternden Auftritte der deutschen Nationalmannschaft in Südafrika, man kann es nicht anders sagen, sind von einer solchen Klasse, Wucht und Willen geprägt, dass sich diese Auswahl schon jetzt als einer der ganz großen deutschen Fußball-Gewinner der letzten Jahrzehnte fühlen darf – selbst wenn sich im Halbfinale die deutsche Traumreise ohne den gesperrten und traurigen Müller nicht mit dem Finaleinzug fortsetzen sollte.

Es war ein Auftakt, wie ihn sich das junge Deutschland nur wünschen konnte. Freistoß Schweinsteiger, Kopfball Müller – schon nach drei Minuten stand das Tor zum Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft weit offen. Dann erlebten die deutschen Fans und die Welt lange ein Team, das erst einmal nicht mehr stürmisch und dynamisch in der Offensive sein Glück suchte, sondern eine Spielweise präsentierte, wie man sie von einer routinierten und turniererfahrenen Mannschaft erwartet hätte.

Die Deutschen, denen man immer wieder mangelnde Erfahrung als größte Schwäche anlastete, kontrollierten nun die Partie vor allem aus der Defensive – und setzten auf gelegentliche Konter gegen ein argentinisches Team, dessen Stärken aber in der Offensive liegen und nicht in der Defensive. Das hatte etwas von Fußball-Taktik verkehrt.

Ein festgefügter Defensivverbund von hoher Qualität

Die Jugend wartet ab und schaut cool, was sich ergibt. Oder man konnte sagen: Die Deutschen waren schon selbstbewusst genug, sich kontrolliert die Zügelung argentinischer Angriffslust zuzutrauen. Das gelang ihnen bei der Klasse des Gegners zwar nicht vollständig, aber erstklassig. Es war dabei kein bisschen jugendliches Ungestüm oder gar Übermut auf dem Platz, sondern taktische Disziplin und defensive Schwerstarbeit.

Große Torchancen ließ das deutsche Team nicht zu, obwohl die Argentinier mit Tevez, Higuain und Messi das vielleicht beste Offensivtrio der Welt besitzen. Das Mittelfeld um den phänomenalen Schweinsteiger und den souveränen Khedira sowie eine hoch aufmerksame Innenverteidigung mit Mertesacker und Friedrich organisierte einen festgefügten Defensivverbund von hoher Qualität.

Mehr als Kampfkraft, Willensstärke und Spielglück

Und dann konterte Löws Team Maradonas Argentinien auf eine faszinierende Weise aus, dass es auch die Kanzlerin vom Stuhl riss. Wenn man bedenkt, wie die deutsche Auswahl im März, beim 0:1 im Testspiel in München, an der spielerischen und taktischen Klasse der Argentinier mit ihren Ansprüchen zerschellte, dann wird die rasende Entwicklung erkennbar, die diese Mannschaft bei der WM genommen hat.

Man muss schon lange zurückdenken, wann eine deutsche Mannschaft zuletzt Spielkontrolle über eine Weltklassemannschaft erreichte und gleich zwei Spitzenteams nacheinander vom Platz fegte. Vielleicht gab es das noch nie. In den vergangenen Jahren musste sich das deutsche Team bei solchen Gelegenheiten auf Kampfkraft, Willensstärke und Spielglück verlassen. Diesmal reichte die fußballerische Qualität und die Extraklasse des Bundestrainers für einen fast unglaublichen Triumph. Deutschland hat gegen Argentinien bewiesen, dass diese junge Mannschaft eine Weltklassemannschaft ist. (siehe auch: Einzelkritik: Schweinsteiger lenkt - Klose trifft und Stimmen: „Sieht so aus, dass uns keiner stoppen kann“)

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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