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Deutscher Fußball-Bund „Vielleicht erst der Anfang einer Lawine“

03.03.2010 ·  In Zeiten der DFB-Krise spielt der Fußball nur eine Nebenrolle. Die Führung der Nationalmannschaft denkt offiziell nur an das Testspiel gegen Argentinien und die Weltmeisterschaft im Sommer. Der Graben zum Verband wird immer größer.

Von Michael Horeni, München
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Oliver Kahn stattete den ehemaligen Kollegen vor dem Länderspiel gegen Argentinien (20.30 Uhr / FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) einen Besuch ab. Erst hielt er ein Schwätzchen mit Kapitän Ballack, dann traf er in der Lobby des Mannschaftshotels auf Oliver Bierhoff. Sie begrüßten sich, wie es ehemalige Fußballspieler gerne tun. Mit kräftigem Handschlag, vernehmbarem Lachen und Schulterklopfen. Kahn grinste ein wenig, als er den Manager auf seine Lage beim DFB ansprach, und Bierhoff grinste natürlich zurück.

Nach der kurzen Zusammenkunft musste sich Bierhoff im Flachs fragen lassen, ob hier nicht gerade der alte Manager den neuen Manager der Nationalmannschaft begrüßt habe. Im engsten Kreis kann man so etwas mit einem Lachen quittieren, so macht man sich aber auch ein bisschen mit dem eigenen Abschied vertraut.

Querelen, Intrigen, Verträge

Öffentlich ist Bierhoff vor dem Länderspiel an diesem Mittwoch nicht aufgetreten. Das war diesmal Sache von Torwarttrainer Köpke, der Adler zur neuen Nummer eins erklärte, und von Bundestrainer Löw, der den Blick auf den Fußball-Klassiker und die WM lenkte. Löw sagte „zum letzten Mal“, dass er Verhandlungen erst nach dem Turnier aufnehmen werde. „Es ist alles gesagt.“ Er müsse und werde sich „voll und ganz auf die WM konzentrieren, das ist unsere Hauptaufgabe“. Dann wendete er sich Argentinien zu.

Wäre Bierhoff auf einer der offiziellen Pressekonferenzen erschienen, hätte der Fußball in Zeiten der Krise wieder nur eine Nebenrolle gespielt. Es wäre 100 Tage vor dem WM-Start vor allem um Querelen, Intrigen und Verträge gegangen, sowie um die Frage, wie es sich als Manager auf Abruf arbeitet. Die Frage jedoch, ob sich die gesamte Teamführung mitsamt Bundestrainer auf dem Absprung befindet, ist ein Thema, das auch die Spieler beschäftigt.

Führungskrise des Verbands

Und so erklärte Löw seinen Profis in einer Ansprache, dass er und sein Stab sehr gut mit der ungelösten Situation leben könnten und sie nicht glauben sollten, ihre Differenzen mit dem DFB könnten als Alibi auf dem Platz herhalten. Nicht gegen Argentinien und auch nicht bei der WM. Aber wenn es gegen die Südamerikaner an diesem Mittwoch danebengeht, dann wird eben nicht nur über sportliche Fehlleistungen diskutiert, das wissen auch Löw, Bierhoff und die Spieler. „Diese Diskussionen dürfen wir nicht aufkommen lassen“, sagt Nationalspieler Lahm, „deswegen dürfen wir gegen Argentinien nicht verlieren.“ Bis zur Weltmeisterschaft würde die Nationalelf ansonsten die Frage begleiten, ob das unter diesen Umständen wirklich noch gutgehe. So entsteht Druck.

Der Wunsch von Löw und Köpke, den Blick wieder „auf das Wesentliche“ zu lenken, nämlich den Fußball, machte indes besonders deutlich, dass in diesen Tagen andere Fragen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit drängen: die Führungskrise des Verbandes, die mit den gescheiterten Vertragsverhandlungen ihren Anfang nahm und sich fortsetzte im Schiedsrichterskandal, der sich zu einem DFB-Skandal auswachsen könnte. Die Vorwürfe, die Frau Amerell und der Anwalt ihres Mannes auf einer Pressekonferenz vortrugen, wurden am Montag im Kreis der Nationalelf jedenfalls mit dem gleichen Interesse aufgesogen wie ansonsten Zwischenstände bei Spielen der Konkurrenz.

Beckenbauers Bewunderung für Argentinien

Man kann leicht den Eindruck gewinnen, dass der Graben zwischen der Mannschaftsführung und der DFB-Führung nie größer war – und dass die Nationalmannschaftsgruppe ihr WM-Projekt jetzt rigoros durchzieht, ohne sich noch um DFB-Präsident Zwanziger und seine Helfer zu scheren. Die Reibung, das wird momentan auch deutlich, erhöht zudem die Anspannung. Das neue Reizklima, so heißt es bei der Nationalelf, sei gar nicht so schlecht, der Gefahr von Bequemlichkeit werde so vorgebeugt, wenn auch unbeabsichtigt.

Zwei Tage vor dem Spiel trat Bierhoff dann doch öffentlich auf, zusammen mit Franz Beckenbauer bei einem Termin mit Mercedes-Benz, einem der wichtigsten Sponsoren des DFB. Auf der Bühne sagen Beckenbauer und Bierhoff, was man kurz vor einem Spiel gegen Argentinien im WM-Jahr eben so sagt. Beckenbauer spricht von seiner lebenslangen Bewunderung für Argentinien und dass bei der WM die Spanier und Brasilianer vielleicht ein bisschen höher einzuschätzen seien, aber dass alle anderen Teams zu packen seien und es mit dem WM-Gewinn was werden könne. Bierhoff entgegnet, dass Beckenbauer „sehr charmant Druck aufbauen kann“, und ansonsten wird auf der Bühne gescherzt.

Das Machtwort verhallt

In kleiner Runde werden danach die Fragen diskutiert, die den Verband bewegen und zu zerreißen drohen. Ob es eine Gefahr sei, wie der DFB sich präsentiert, wird Beckenbauer gefragt, und er sagt sehr ernst und besorgt: „Wie willst du das lösen? Das hat eine Eigendynamik bekommen. Vielleicht ist das erst der Anfang einer Lawine.“ Beckenbauer kennt auch Amerell seit vierzig Jahren. „Unvorstellbar, das war meine erste Reaktion.“

In Kürze ist wieder Präsidiumssitzung, und Beckenbauer, der wohl einflussreichste Mann des deutschen Fußballs, plädiert noch immer für eine schnelle Einigung zwischen Löw, dessen Stab und dem DFB. Er ahnt, was sonst auf die Nationalelf bei der WM zukommt, all die „lästigen Fragen“, wenn es nicht gut läuft. „Die WM ist für einen Trainer die schrecklichste Zeit. Da willst du einfach deine Ruhe haben. Deswegen wäre es gut, wenn es vorher noch gelöst werden würde.“

Auf der Sitzung will sich Präsidiumsmitglied Beckenbauer – der in München von Reportern schon gefragt wurde, ob er im Notfall als Präsident einspringen würde („Ah, na, erst in zehn Jahren, dafür bin ich noch zu jung“) – auch entsprechend äußern. „Beide Seiten sollen ihre starren Haltungen aufgeben.“ Aber auch Beckenbauer ahnt ganz sicher: Wo Eitelkeit regiert, verhallt selbst ein Machtwort des Kaisers.

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