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Deutsche Nationalmannschaft Schön und wahr

16.11.2011 · 

Von Michael Horeni
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© dpa Ach, wenn doch schon EM wäre: Deutschlands Fußballteam präsentiert sich in höchster Spiellaune

Ach, entfuhr es dem Bundestrainer nach dem Höhe- und Schlusspunkt des deutschen Fußballjahres: wäre doch am Wochenende schon Europameisterschaft. Aber da sich der internationale Spielplan noch nicht nach Begehr und Befindlichkeit der spielerisch rundum verwandelten Großmacht richtet, müssen sich Bundestrainer, Nationalspieler und Fans noch ein halbes Jahr bangend gedulden, ob die wunderbare deutsche Leichtigkeit auch den Winter und das Frühjahr unbeschadet übersteht.

In so einer Zeit könne viel passieren im Fußball sagte auch der Bundestrainer nach dem hinreißenden Erfolg gegen die Niederlande, und in dieser Fußballbinsenweisheit zum perfekten Jahresabschluss steckte auch die neue deutsche Sorge, dass der Zauber dieses Teams vielleicht irgendwie über Nacht verfliegen könnte, und der Traum vom schönen Spiel genau dann zu Ende geht, wenn seine Turnierreife gefragt ist.

Man liegt sicher nicht falsch, wenn man sagt, dass die deutschen Fans noch keiner ihrer Nationalmannschaften so sehr den Erfolg gewünscht haben wie der von Löw geformten neuen Generation. Der Entdeckung der Überlegenheit der schönen Seite des Spiels ist eine ganz neue deutsche Fußball-Erfahrung, und so war es auch weniger das reine Ergebnis eines 3:0-Sieges, der höchste seit einem halben Jahrhundert gegen den jahrzehntelang spielerisch überlegenen Nachbarn, der den dreifachen Welt- und Europameister verzückte, sondern die Art und Weise des Erfolgs mit den so lange fremden, spielerischen Waffen.

Plötzlich muss Deutschland nicht mehr nur darauf vertrauen, eine Turniermannschaft zu sein, die mit Energie und Willen ihren Weg geht. Aber sich beides zugleich vorzustellen, eine Turniermannschaft der spielerischen Extraklasse zu sein, soweit reicht die Phantasie derzeit auch noch nicht. So kommt es, dass die deutschen Fans sich die Augen reiben und auf einmal die Sorge spüren, dass ihre Fußballkünstler, die sich nur den Titel zum Ziel setzen können, vielleicht ohne Auszeichnung aus Polen und der Ukraine zurückkehren könnten. So, als wäre der deutsche Fußball derzeit zu schön, um wahr zu sein.

Spiellust von vorne bis hinten

Manche niederländischen Medien flüchteten sich nach der für das fußballerische Selbstverständnis bittersten Niederlage gegen Deutschland in die Argumentation, das sei nicht das wahre Oranje gewesen. Das Eingeständnis des Tages, dass Holland in Hamburg aber tatsächlich Holland war, und Deutschland Deutschland, ginge viel tiefer, als nur eine hohe Niederlage in einem Testspiel zur Kenntnis zu nehmen. Bondscoach Bert van Marwijk kam der Wirklichkeit vermutlich viel näher, als er feststellte, dass Deutschland ein viel größeres Potential als sein eigenes Team besitze.

Die Spiellust, die sich von vorne bis hinten über Klose, Müller, Özil, Kroos und Khedira en bloc präsentierte, und sich dazu auch mit altdeutscher Effizienz im Torabschluss paarte, wird aber nicht über Nacht verfliegen. Dafür steht das Fundament, an dem Löw so akribisch und entspannt gearbeitet hat, personell viel zu fest auf vielen Beinen und goldenen Füßen. Man kann sogar hoffen, dass in Deutschland gerade der Grundstein gelegt wird für eine noch viele Jahre und weit über die Europameisterschaft tragende neue deutsche Spielkultur, die nun nur noch beweisen muss, dass sie auch das Erfolgsrezept der Vergangenheit in sich aufzunehmen weiß.

Einer mittlerweile allerdings schon recht verblichenen Zeit, im Sommer werden es 16 Jahre ohne EM-Titel sein und 22 Jahre ohne WM-Erfolg. Ein Gewinn jedoch steht auch ein halbes Jahr vor der Europameisterschaft für den deutschen Fußball ganz sicher fest: Man muss nicht mehr nur auf den Turniererfolg hoffen, man kann sich auch auf jedes deutsche Spiel freuen.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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